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Wes Brot ich ess, des Lied ich sing,

ist ein alter Spruch, der soviel bedeutet wie: Wer mich bezahlt, dessen Meinung vertrete ich auch. Er ist symptomatisch für die Diskussion mit Befürwortern von z.B. “Alternativmedizin”. Nun ist es ja nicht so, dass an diesem Spruch nichts dran wäre. Nicht umsonst müssen bei wissenschaftlichen Publikationen so genannte Interessenskonflikte angegeben werden: Hat die Publikation in ihrem Ergebnis irgend etwas mit möglichen persönlichen finanziellen Vor- oder Nachteilen zu tun? Es ist stets sinnvoll, diese Frage zu stellen. Allzu Menschliches kommt überall und nicht wenig vor.

In der Diskussion wird der banale Spruch allerdings zu einer perfiden Sprachwaffe: Er unterstellt dem Diskussionspartner nicht nur eine womöglich einseitige Meinung. Nein, er unterstellt eine völlige Unglaubwürdigkeit, einen ethisch/moralischen Abgrund, für Geld schlichtweg alles zu tun, völlig skrupellos zu sein.

Ein kleines Beispiel. Weil in dem Spruch Lied vorkommt, nehmen wir mal die Lena Meyer-Landrut. Ihr Gewinnersong war einer, den das Publikum ausgesucht hat, und nicht der, den sie gerne gehabt hätte. Also klassischer Fall von Brot -> Lied. Eine perfide Unterstellung wäre nun – so wie es in solchen Diskussionen oft der Fall ist – damit zu behaupten, für Geld alles zu tun. Was ziemlich sicher nicht stimmt; irgendeinen Nazi-Song zu trällern, hätte sie vermutlich abgelehnt.

Das zweite Phänomen ist, und da ist er dem cleveren, aber falschen Spruch “Wer heilt, hat recht” nicht unähnlich, er klärt sofort die Fronten in Gut und Böse. Wer ihn als erster sagt, hat gewonnen. Er macht den Vorwerfer zum Guten, den Adressaten zum Bösen. Unausgesprochen, aber der menschlichen Psyche sehr eingängig: Wer dem anderen finanzielle Interessen in seinen Aussagen unterstellt, der kann ja da dann per se nicht ebenso davon betroffen sein, oder?

Es ist erstaunlich, wie bestimmte Gruppen auf dieser Klaviatur spielen können. Ein Paradebeispiel dafür sind die Homöopathen und Anthroposophen. Weil sie es geschafft haben, Begriffe wie “natürlich”, sanft” und “ganzheitlich” für sich zu besetzen, gelten sie in der Öffentlichkeit als die Guten. Und gute Menschen wollen natürlich nichts als das Gute, finanzielle Interessen spielen da natürlich niemals eine Rolle. Die gibt es nur in der Pharmaindustrie.

Dass Homöopathen und Anthroposophen auch nur bestimmte, und zwar sehr einseitige Lieder singen, geht dabei völlig unter. Hier hat es eine millionenschwere Industrie geschafft, in das Kostüm des Davids zu schlüpfen. Diese Leistung muss man bewundern. Sie ist zwar nicht ganz so umsatzkräftig wie die Pharmaindustrie, hat aber einen Riesenvorteil: Es muss weder Forschung betrieben, noch Wirksamkeit dargelegt werden. Entsprechend hoch sind die Gewinnspannen. Das teuerste an einem homöopathischen Mittel ist in der Herstellung die Verpackung.
Dieser “Gut-Böse-Effekt” ist nicht auf Medizinisches beschränkt, er zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Ein Kraftwerksingenieur, der in einem Atomkraftwerk arbeitet, muss ja per se korrupt sein, ein Hersteller von Solarzellen hat ausschließlich das Wohl der Menschheit im Auge.

  1. Dolph
    13. Oktober 2010, 22:20 | #1

    Äh, und? Wo genau ist jetzt die Substanz dieses „Artikels“, bzw. die Neuigkeit, die Information???

  2. 13. Oktober 2010, 22:41 | #2

    Bzgl. Substanz verweise ich auf „erschließendes Lesen“, dass in der Schule mal dran war. Und wer hat behauptet, dass das was ganz neues ist?

  3. Quinz
    14. Oktober 2010, 08:04 | #3

    Ich habe den Artikel mit Interesse gelesen und erinnere mich sofort an ein Gespräch mit einer Freundin, die eine alternativmedizinische Methode in London studiert. Ihr vierjähriges Curriculum beinhaltet einen nicht unerheblichen Teil Berufs-Rhetorik und Lobbyarbeit. Bei unserem letzten Treffen fiel unter anderem auch jenes oben genannte „Wer heilt, hat recht“. Fast ein Totschlagargument, hätte ich nicht durch z.B. jahrelanges Esowatch-lesen ein wenig entgegensetzen können. Vertreter von pseudomedizinischen Methoden sind sich durchaus ihrer Schwachstellen bewusst und oft ausgezeichnet in Diskussionen darauf vorbereitet. Braucht die klassische Medizin eine Imagekampagne? Mich kotzen all die Werbebotschaften und säuselnden Versprechen von kurzlebigen Wellness- und Gesundheitstrends an.

  4. PB
    14. Oktober 2010, 08:46 | #4

    Wes Brot ich ess….

    in diesem Zusammenhang kann man sich auch einmal die NS-Vergangenheit des deutschen „Vollwertpapstes“ Werner Kollath ansehen!
    http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Kollath
    Im 3. Reich wohl der bekannteste Rassenhygieniker, NSDAP-Mitglied, SS-Mitglied, Buchautor für Rassenhygiene etc. – und nach dem Krieg gesunde Ernährung, Bücher über Brot und Getreide. Liebling der alternativ-esoterischen Szene.

    …dessen Lied würde ich nicht singen wollen!

    LG, PB

  5. PB
    14. Oktober 2010, 09:46 | #5

    ich habe in einem anderen Forum auch schon einmal über dieses Umbauen von Wortbedeutungen geschrieben. Ganz interessantes Phänomen, besonders in diesem Bereich: Man sagt ein Wort und meint schon annähernd das Gegenteil davon.
    Ich hab es damals frei nach Orwell als „Neusprech“ bezeichnet.
    Ein paar Beispiele:

    —- Bewusstsein —-
    Bewusstsein ist da nichts was man sich durch denken und philosophieren erarbeitet, Bewußtsein wird einen gegeben, durch Meditation, durch einen Guru oder durch eine allgemeine Verteilung 2012….

    —- Wahrheit —-
    Wahrheit ist da das gleiche wie glauben, oder wie akzeptieren, abnehmen, abkaufen, einlullen lassen. Die Meinung des Vorbeters für die Eigene halten (sollen).

    —- Wissen —-
    ist die Übertragung der Meinung eines spirituellen Führers auf seinen Anhänger

    —- achtsam —-
    nicht kritisch sein, sondern die sprituelle Meinung der Gruppe nach außen verteidigen

    —- Selbstbestimmt —-
    die Meinung des spirituellen Führers für die eigene halten. Also das Gleiche wie fremdbestimmt oder ferngesteuert

    —- Freiheit —-
    die Auslegung der eigenen Unfreiheit als selbstbestimmtes Handeln. =Psycholog. Abhängigkeit.

    —- Aufstieg —-
    passive Erwartungshaltung auf etwas besseres. Verhindert aktives Handeln und führt somit eher zum Abstieg…

    —- Heil —-
    genauso doppeldeutig wie eh und je…

    —- annehmen —-
    nicht etwas für möglich halten sondern es ohne Widerspruch akzeptieren

    —- training —-
    Trainer ist im paramedizin. Bereich der, der selbst von nichts eine Ahnung hat. Ohne weitere Ausbildung bzw. Wochenendseminare bei „Instituten“, die selbst nicht staatl. anerkannt bzw. anderweitig akzeptiert sind

    —- ganzheitlich —-
    Kein umfassender Ansatz, sondern das Verschachern von Dingen, die oft nichtmal ansatzweise sinnvoll erklärbar sind

    —- Körperarbeit —-
    das Gegenteil von Arbeit. Meist spirituelle Beschäftigung gelangweilter Hausfrauen

    —- Erkennen —-
    Akzeptieren, nicht weiter nachfragen…

    die Liste läßt sich beleibig fortsetzen.

    LG, P

  6. 14. Oktober 2010, 10:06 | #6

    @PB: nett! 🙂
    Vergaß zu erwähnen, dass wir dazu auch was im Wiki haben:
    https://www.psiram.com/de/index.php?title=Rhetorik_der_Pseudomediziner_und_Vermarkter_zweifelhafter_Produkte

    Es ist ein weites Feld. Auch spannend sind „wortmagische“ Um-/Bedeutungen, z.B. war es recht unglücklich Antibiotika so zu nennen („gegen das Leben“). Sind ja nur gegen Bakterien …

  7. 14. Oktober 2010, 10:09 | #7

    @Dolph: Die Information ist, sich der subtilen Umdeutung von Redewendungen klar zu werden, wie man mit Tricks in Diskussionen agiert, hier speziell mit dem angesprochenen.

  8. mossmann
    14. Oktober 2010, 10:27 | #8

    Ganz nett geschrieben, aber der letzte Satz ist dann doch zu überzeichnet:

    „Ein Kraftwerksingenieur, der in einem Atomkraftwerk arbeitet, muss ja per se korrupt sein, ein Hersteller von Solarzellen hat ausschließlich das Wohl der Menschheit im Auge.“

    Ich denke nicht, dass die meisten Gegner der Atomkraft den Ingenieuren Korruptheit vorwerfen.

  9. Herr Bach
    14. Oktober 2010, 13:23 | #9

    Es geht also um Typen von Argumenten. Da gibt es einen ausgezeichneten Wikipedia Artikel zu den besagten Fehlschlüssen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Typen_von_Argumenten#Fehlschl.C3.BCsse

    Ganz besonders folgende Fehlschlüsse tauchen bei den Esos ständig auf (aber eigentlich findet man fast alle der dort aufgelisteten Fehlschlüsse früher oder später in jeder Diskussion mit Esos):

    4.1 Autoritätsverweis oder Referenzargument (Argumentum ad verecundiam)
    inkl. seiner Negation

    4.5 Ideologisches Argument i.V.m. einem naturalistischen Fehlschluss
    http://de.wikipedia.org/wiki/Naturalistischer_Fehlschluss

    4.8 Scheinkausalität
    4.13 Erfahrungsbeweis
    4.14 Traditionsbeweis
    4.15 Beweis durch Augenschein

    4.17 Der Erfolg gibt recht (Argumentum ad crumenam)
    Beispiel: Wer heilt, hat recht

    4.19 Beschwichtigung
    Egal ob es hilft oder nicht, es schadet auch nicht…

    4.26 Innovationsargument
    einer neuen Ansicht wird automatisch ein höherer Wahrheitsgehalt unterstellt

    Dann kommen noch die Scheinargumente die man selbstverständlich auch immer wieder hören muss:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Typen_von_Argumenten#Scheinargumente

    Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass uns die Esos genau die gleichen Fehlschlüsse unterstellen. Wir müssen also immer stichhaltige, unangreifbare Argumente bringen, währen die Gegenseite sich in Fehlschlüssen ergeht und uneinsichtig bleibt. Sobald wir mit nur einem Totschlagargument um die Ecke kommen haben wir immer verloren. Es ist Keine faire Diskussionskultur möglich.

  10. suchtwatchleipzig
    14. Oktober 2010, 15:33 | #10

    https://blog.psiram.com/?p=2318&cpage=2#comment-10688
    vielleicht könnte das im speziellem fall was bringen.hat schon einige male,nach unserer erfahrung,etwas gebracht.

  11. Suzie
    14. Oktober 2010, 16:49 | #11

    Auf diesen Spruch (Titel) reagiere ich echt allergisch!
    Blöd ist es, wenn man dies vom Arbeitgeber gesagt bekommt und daher nicht auf die Barrikaden gehen kann, ohne seinen Job zu riskieren/verlieren.

    @ Herr Bach

    sehr gut auf den Punkt gebracht!

  12. inga
    14. Oktober 2010, 17:22 | #12

    @PB: Von dem Wort „achtsam“ bekomm ich Pickel. Auch hat mir noch niemand sagen können, was der Unterschied zu „aufmerksam“ eigentlich ist und was an diesem Wort denn so verkehrt ist, dass man ein neues erfinden muss…

  13. shitforall
    15. Oktober 2010, 06:06 | #13

    @inga
    http://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeit

    Da bekomme sogar ich noch Pickel, obwohl ich der pubertären Phase schon lange entwachsen bin!

  14. suchtwatchleipzig
    17. Oktober 2010, 17:40 | #14

    es muss auch nicht immer fair diskutiert werden.manchmal hilft einfach nur ein anruf bei der richtigen stelle(polizei,jugendamt,psychosozialer dienst,gute psychiatrie,sektenbeauftragter usw.)
    http://www.mdr.de/mdr-figaro/journal/7774445.html
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/glaube-und-erziehung-schlaege-im-namen-des-herrn-1.1012765
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/erziehung-mit-der-rute-liebe-geht-durch-den-stock1.1004443

  1. 13. Oktober 2010, 18:35 | #1

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