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Italienische Wikipedia vor dem Aus?

Falls jemand glaubt, die Frage im Titel ist übertrieben, der möge die italienische Wikipedia ansurfen: http://it.wikipedia.org

Dort wenden sich die Nutzer der Wikipedia an die Öffentlichkeit und bitten um den notwendigen Aufschrei, der auch international erfolgen sollte. Hier der volle deutsche Text der Erklärung:

Lieber Leser,

zum derzeitigen Zeitpunkt besteht die Gefahr, dass die italienischsprachige Wikipedia nicht mehr den nützlichen Service, den der Leser bisher erwarten konnte, erbringen kann. Zurzeit ist die Seite, die Sie gerade lesen möchten, nur versteckt, doch es besteht die Gefahr, dass wir bald dazu gezwungen werden können, sie wirklich zu löschen.

In den vergangenen zehn Jahren wurde Wikipedia Teil im Leben von Millionen Internetnutzern, weil sie eine neutrale, frei lizenzierte und vor allem unabhängige Wissensquelle darstellte: eine neue, großartige Enzyklopädie, die jederzeit frei und kostenfrei zugänglich war.

Heute aber stehen die Säulen, auf denen Wikipedia gebaut war: Neutralität, Freiheit und Überprüfbarkeit ihrer Inhalte unglücklicherweise auf wackligem Boden. Ursache dafür ist der Paragraph 29 eines italienischen Gesetzentwurfes, namens „DDL intercettazioni“ (Abhörmaßnahmen).

Dieser Gesetzesentwurf, den das italienische Parlament zurzeit debattiert, enthält neben anderen Dingen eine Verpflichtung für Webseiten, innerhalb von 48 Stunden kommentarlos jegliche Korrektur am Inhalt vorzunehmen, die der Antragsteller im Interesse seiner Reputation fordert.

Unerfreulicherweise verlangt dieses Gesetz keine Evaluation durch eine unabhängige dritte Person. Ausschließlich die Meinung der angeblich beleidigten Person oder Organisation genügt, um die geforderten Korrekturen an der Webseite durchsetzen zu lassen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass jeder, der sich durch irgendeinen Inhalt in einem Blog, einer Online-Zeitschrift oder eben auch Wikipedia angegriffen fühlt, direkt die Entfernung des Inhalts und eine dauerhafte Veröffentlichung einer durch ihn korrigierten Fassung verfügen kann. Als Begründung würde es genügen, einen angeblich schädigenden Inhalt anfechten und widerlegen zu wollen – unabhängig von möglichen angegebenen Quellen und ohne Rücksicht darauf, ob der Inhalt wirklich ein persönlicher Angriff ist.

In all den Jahren haben sich die Benutzer der Wikipedia (zur Erinnerung: Wikipedia hat keine festangestellte Redaktion) verpflichtet gefühlt, auf Nachfrage hin jede Art von Inhalt zu überprüfen, der für jemanden nachteilig sein könnte, ohne dabei auf die Neutralität und Unabhängigkeit des Projektes verzichten zu müssen. In dem sehr seltenen Fall, in dem es nicht möglich war, eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung zu erreichen, wurde die Seite gelöscht.

Die sich aus Paragraph 29 ergebende Verpflichtung, die Korrektur ohne Recht auf Diskussion und Überprüfung der Inhalte veröffentlichen zu müssen, würde zu einer inakzeptablen Beschneidung der Freiheit und Unabhängigkeit der Wikipedia führen, zur Beschädigung der Prinzipien, auf denen Wikipedia steht, ja letztlich zum Ende des Projektes, wie wir es bis heute kennen.

Es sollte klar geworden sein, dass niemand von uns den Schutz der Reputation, Ehre oder des Ansehens irgendeiner Person oder Organisation in Frage stellen möchte, sondern wir darauf hinweisen, dass jeder italienische Staatsbürger schon durch Artikel 595 des Strafgesetzbuches vor Diffamierungen geschützt ist.

Mit dieser Ankündigung wollen wir unsere Leser über die Gefahren aufklären, die auf uns zu kämen, wenn jedermann selbst in der Lage wäre, willkürlich den Schutz seines eigenen Ansehens und seiner eigenen Reputation durchzusetzen. Unter solchen Bedingungen werden Internetbenutzer wahrscheinlich Abstand davon nehmen, sich mit gewissen Themen oder Personen zu beschäftigen, einzig um Ärger aus dem Weg zu gehen.

Wir wollen Wikipedia frei und offen für alle belassen, weil unsere Artikel auch eure sind – wir sind schon neutral, wieso wollt ihr uns neutralisieren?

Die Benutzer der italienischsprachigen Wikipedia

  1. 5. Oktober 2011, 12:09 | #1

    neue Lex Berlusconi?

  2. 5. Oktober 2011, 12:58 | #2

    @jemseneier
    Es sieht ganz so aus:
    „Das Vorhaben wird von seinen Kritikern „legge bavaglio“, Knebelungsgesetz genannt und wird derzeit im Parlament in Rom behandelt. Auslöser der Initiative sind staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, deren Protokolle unter anderem in den letzten Wochen weltweit ihre Leserschaft gefunden haben. Ministerpräsident Silvio Berlusconi spielt darin eine Hauptrolle, so wie seine Regierungsmehrheit nun durch Gesetzesänderungen versucht, Wiederholungen für die Zukunft zu verhindern.“

    Mehr:
    http://dieausrufer.wordpress.com/2011/10/05/der-informationsfreiheit-einen-knebel-anlegen/

  3. Bobbele
    5. Oktober 2011, 13:03 | #3

    So wie ich es verstehe geht es hier nicht nur um Wikipedia sondern auch um das Recht Scharlatane als solche bezeichnen zu dürfen. Man stelle sich vor ein Claus Fritzsche oder sonst ein aufs Beleidigtsein abonnierter Eso-Vollpfosten könnte seinen Schmarren völlig frei von der Möglichkeit das kritisieren zu dürfen durchs Netz kolportieren, da wäre ja der ganze Spaß dahin…

  4. AlteWeser
    5. Oktober 2011, 14:45 | #4

    Nachdem in der GEO Epoche über die Mafia auch Berlusconi erwähnt wurde, sind beide Begriffe für mich irgendwie miteinander verwoben…

  1. 6. Oktober 2011, 01:02 | #1
  2. 7. Oktober 2011, 09:57 | #2

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