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Über Meinungsfreiheit, Fakten und Wirklichkeit

Angeregt durch einen Kommentar zu unserem Siegelwettbewerb, der übrigens noch läuft und bereits 16 Bilder enthält (the more the merrier!), aber auch durch die Diskussion zu den Piraten, die die ungute Scherler-Geschichte an der Backe haben, hier ein paar Gedanken dazu.

Wir halten es mit Voltaire und eines der schönsten Zitate, das ihm fälschlicherweise oft zugeschrieben wird, ist wohl:

„Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“

(The Friends of Voltaire, Evelyn Beatrice Hall, 1906)

Wir sind im Sinne Voltaires durchaus der Ansicht, dass jeder Mensch seine Meinung frei äußern können muss. Das ist ein Recht, das hart erarbeitet wurde, das wir nicht gefährden und mit Zähnen und Klauen verteidigen müssen.

Aber(!) man hat kein Recht auf seine eigene Wirklichkeit.

Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben

(„How To Build A Universe That Doesn’t Fall Apart Two Days Later“, Philipp K. Dick)

Die Gravitation macht keine Ausnahmen, nur weil man heute mal nicht so in Stimmung ist. Man kann zwar Daten unterschiedlich interpretieren oder zu den Auswirkungen von Eigenschaften der Realität wiederum Meinungen haben, aber damit halten sich viele von unserer Stammkundschaft nicht auf.

Es werden fröhlich Dinge behauptet, ohne Scham werden Meinungen verbreitet, die erwiesenen Fakten völlig widersprechen. Es wird oft nicht einmal an der Wirklichkeit entlanggeschrammt, sondern gleich mit Warp 9 zum Todesstern geflogen.

Wenn nun eine Meinung durch Fakten nicht gedeckt wird oder diesen sogar widerspricht, wenn damit, wie es in der Medizin so häufig ist, Menschenleben gefährdet werden, dann sind wir ebenso wie Voltaire der Meinung, dass man solchen Unsinn auf das Schärfste kritisieren und verdammen sollte.

Nicht umsonst hat sich Voltaire in seinen Büchern mit beißendem Spott über Religion, Adel, Krieg, Sklaverei, Aberglauben, unrealistische Vorstellungen und einiges mehr lustig gemacht. Auch die Ärzteschaft seiner Zeit, die tatsächlich mehr Quacksalber als Heiler waren, verspottete er.

Mit der Eloquenz eines Voltaire können wir uns zwar nicht messen, aber im Geiste dieser Philosophie versuchen wir zu handeln.

Wer hanebüchenen (heutzutage gilt als Synonym vielleicht auch hahnemannschen) Unsinn von sich gibt, wird von uns kritisiert werden. Und im Gegenzug erwarten wir uns auch, ebenso kritisiert zu werden.

Kritik ist etwas gutes, etwas befruchtendes. Natürlich nur, wenn sie wie oben angesprochen auf der Fakten, der Realität, basiert. Fürchten muss Kritik nur der Gläubige; der Skeptiker, der Wissenschaftler, wird immer danach streben die Kritk anzunehmen und seine Sicht der Wirklichkeit anzupassen.

Edit: „fälschlicherweise“ zum Zwecke der Klarheit ergänzt. (Siehe Kommentare)

  1. 28. Dezember 2011, 10:04 | #1

    Meinungsfreiheit ist bei Esoterikern überhaupt immer so eine Sache.
    Da ist Meinungsfreiheit wenn man *für* die gleiche Sache ist. Wenn man gegen die Sache ist, ist man plötzlich gegen Meinungsfreiheit…
    Ähnlich ist´s auch mit dem Begriff *offen sein*: Man wäre offen wenn man etwas akzeptiert/glaubt/*annimmt*, ohne Beweise zu fordern.
    Diese falsche Offenheit ist im Grunde nur eine noch viel primitivere Art der Borniertheit, weil sie überhaupt kein Interesse an Wahrheit hat! Es ist eine ganz schräge Art des Fundamentalismus.

  2. BSR
    28. Dezember 2011, 10:40 | #2

    @jemseneier
    wie wahr und weise doch die worte jemseneiers sind ….
    guter artikel übrigens

  3. Juliette
    29. Dezember 2011, 10:16 | #3

    Voltaire hat diesen Satz nie geschrieben und nie gesagt:

    http://www.rue89.com/hoax/2011/04/14/arretez-avec-le-je-me-battrai-pour-vous-de-voltaire-199690

    Der Satz entspricht ganz und gar nicht den Ideen Voltaires und wird hauptsächlich und besonders gern von denen in Anspruch genommen, die sich meinungsmäßig unterdrückt fühlen: Esoteriker, Front National etc.

    In die Welt gesetzt hat die ganze Sache diese Dame:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Evelyn_Beatrice_Hall

    Also bitte nicht weiter Voltaire vergewaltigen. 😉

  4. Mr. Bojangles
    29. Dezember 2011, 13:06 | #4

    Nanana, wir haben Evelyn Beatrice Hall als Verfasser zitiert. 😉

    Voltaire war durchaus ein strikter Gegner von Zensur:
    „Le droit de dire et d’imprimer ce que nous pensons est le droit de tout homme libre, dont on ne saurait le priver sans exercer la tyrannie la plus odieuse. Ce privilège nous est aussi essentiel que celui de nommer nos auditeurs et nos syndics, d’imposer des tributs, de décider de la guerre et de la paix ; et il serait déplaisant que ceux en qui réside la souveraineté ne pussent pas dire leur avis par écrit.“
    in „Questions sur les miracles“

    Das er Freron nicht „zu Hilfe“ kam als dieser zensiert wurde, mag man als Argument anführen. Voltaire hat Freron wohl innig gehasst. Man darf aber nicht vergessen, dass es im 18 Jhdt. in Frankreich üblich war zensiert zu werden. Jede Schrift musste der Behörde vorgelegt werden. Die meisten von Voltaires’s Schriften waren verboten und so wich er z.B. nach Amsterdam aus, ließ dort seine Werke drucken und dann nach Frankreich schmuggeln. Voltaire war auch des öfteren im Exil, auf der Flucht könnte man sagen. Zensur war sozusagen ein normales, alltägliches Problem.

    Was die Vereinnahmung von Voltaire angeht, dazu hat Novo Argumente schon mal etwas geschrieben. Wir gehen d’accord, wir müssen Voltaire zurückerobern.
    http://www.novo-argumente.com/magazin.php/archiv/novo106_79

  5. 29. Dezember 2011, 13:48 | #5

    „The problem with quotes from the Internet is that it is difficult to determine whether or not they are genuine“ – Abraham Lincoln
    (keine Ahnung, wer da ursprünglich draufgekommen ist)

  6. Juliette
    29. Dezember 2011, 14:15 | #6

    Voltaire war zwar für die Meinungsfreiheit, hätte aber wohl nie zur Feder gegriffen, um Jesuiten und Ähnliche zu verteidigen – so sieht es zumindest die Société Voltaire:

    Voltaire, défenseur de la liberté d’expression illimitée ? Une supercherie, nous répond la Société Voltaire:

    „Ce n’est pas du tout lui cette phrase. Prenons le credo chrétien qu’il a toujours combattu. Ou les Jésuites. Il ne les aurait jamais défendus.“

    Helveticus war ein Freund, ein Philosoph, mit dem er allerdings bei „de l’Esprit“ inhaltlich ganz und gar nicht mehr konform ging:

    http://gallica.bnf.fr/dossiers/html/dossiers/Voltaire/D3/Stenger_VF.htm

    Der Satz von Hall ist eine verkürzte Zusammenfassung einer komplexen Meinung, mit der Voltaire-Spezialisten schon einige Zeit nicht glücklich sind.

  7. 29. Dezember 2011, 16:53 | #7

    Diese beliebte Falschzitat löst wohl bei vielen, die es besser wissen, akutes SIWOTI aus.
    Wir sollten den Abschnitt eventuell doch umformulieren. 😀

  8. 29. Dezember 2011, 17:02 | #8

    Übrigens würde ich persönlich nicht mein Leben dafür hergeben, um zu verhindern, dass den intellektuellen Flachzangen und Betrügern in unserem Wiki ein Maulkorb verpasst wird.
    Das wäre mir dann doch ein zu hoher Preis.

  9. Mr. Bojangles
    29. Dezember 2011, 17:58 | #9

    @Juliette: Bei nochmaligem Nachdenken stimme ich zu. Das Zitat ist zu ungenau um die Meinung Voltaires treffend zu beschreiben. Vermutlich wäre das Zitat in den Kommentaren passender gewesen. Ich habe den Text minimal editiert um die Herkunft klarer zu machen.

    Ich persönlich bin ein großer Feind der Zensur. Allerdings nicht völlig undifferenziert. z.B. hat ein Arzt IMHO „keine Meinungsfreiheit“, die Verantwortung seinem Patienten gegenüber wiegt schwerer als das.

  10. 30. Dezember 2011, 00:39 | #10

    Hab gerade gechannelt und mal gefragt. Kryon meint, Voltaire sei mit der Aussage prinzipiell einverstanden, würde jedoch im angesicht des Todes eventuell seine Meinung noch ändern und auf der auch bestehen.

    Das wäre dann so wie bei Cohen 🙂

  11. Johannes9126
    30. Dezember 2011, 21:37 | #11

    Jetzt streitet Euch doch nicht um ein paar Zitate.
    Denn: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ (Josef Fritzl)

  12. Ano Nym
    30. Dezember 2011, 22:41 | #12

    Ich würde mein Leben nicht dafür hergeben, dass Menschen eine ‚Meinung‘ bezüglich bestimmter historischer Sachverhalte äußern dürfen, deren Äußerung in der Bundesrepublik strafbewehrt untersagt ist.

  13. YorkTown
    30. Dezember 2011, 23:19 | #13

    Ich finde es toll, dass über das Zitat und die Auslegung diskutiert wird. 😉

  14. Juliette
    31. Dezember 2011, 10:27 | #14

    Tut mir Leid mit den verqueren Umlauten – aber ich musste den Beitrag 2 mal senden (wegen neuem Posting dazwischen) und schwupps, stimmten die Umlaute nicht mehr…

    Und nein, streiten tut sich niemand, oder?

    Guten Rutsch. 🙂

  15. Mr. Bojangles
    31. Dezember 2011, 13:20 | #15

    Welche verqueren Umlaute? 😉

    Ich finde auch nicht, dass wir streiten. Ich denke, Voltaires Ansichten denken sich in vielen Bereichen gut mit denen von Esowatch. Auch was die Frage zu den Jesuiten angeht.

    Auch einen Guten Rutsch!

  16. sfinxx
    31. Dezember 2011, 13:38 | #16

    Daß Meinungsfreiheit was anderes sein muß, als einfach nur: "dass jeder Mensch seine Meinung frei äußern können muss" – den Verdacht habe ich ja schon länger.

    Das zeigt sich ja gerade sehr eindrucksvoll an der Tatsache, daß "Meinungsfreiheit" offenbar auch "mißbraucht" werden kann. Wie das? Man darf also doch nicht einfach so sagen, was man denkt? Kommt eben drauf an, was man denkt – oder? Wenn die Meinung nicht paßt – wem und warum auch immer – ja dann gilt nicht mehr, daß “Freiheit (…) immer die Freiheit der Andersdenkenden.” ist?

    So wundert auch nicht, wie "Esos" hier behandelt werden. Ich habe mit denen wahrlich nichts am Hut – ihr seid doch diejenigen, die darauf bestehen, daß eine Meinung "ein Recht" sei "das (…) wir (…) mit Zähnen und Klauen verteidigen müssen." Das muß dann ja wohl auch für die gelten. Aber das wollt Ihr denen auch wieder nicht gönnen.

    Nun tun "Esos" aber das allergleiche: sie berufen sich ihrerseits auf die Freiheit der Meinung. Und Esowatch findet zwar Mist, was die vertreten, hat sich aber andererseits gerade als bedingungsloser Verfechter eben diesen hohen Gutes vorstellig gemacht. Da kann man ja schwerlich im nächsten Satz sagen, daß das so auch wieder nicht gemeint war, daß die "Esos" womöglich genauso recht haben wie Esowatch auch.

    An der Stelle käme jemand, der redlich argumentiert, ziemlich in die Klemme. Da müßte er ja einsehen, daß eine Meinung ganz offensichtlich Eines gerade nicht ist: eine Aussage über die Realität, die sich an eben der zu beweisen hätte. Dann wäre sie nämlich nicht "frei", sondern "richtig" – wenn sie übereinstimmt – oder "falsch" – wenn sie das nicht tut. Man kann die besten Argumente der Welt haben, der Kontrahent ist auch mit allen einverstanden – und trotzdem sagt er zum guten Schluß, daß er das aber nunmal so nicht richtig findet. Man kann jemanden nicht mit Argumenten von einer Meinung abbringen – wenn er sich auf die Freiheit der Meinung beruft. Diese zwei Sachen schließen sich wechselseitig aus! Das praktiziert Ihr her bei Esowatch doch rauf und runter. Nur die Esos – und noch ein paar andere, die Euch nicht passen – die sollen das nicht dürfen – das ist Euer Problem.

    Esowatch will ja nun gerade Beides: ein Verfechter der Meinungsfreiheit sein und nicht gelten lassen, was die "Esos" vertreten.

    So verfällt man auf den ziemlich durchsichtigen Trick, hier das Kriterium "Fakten" einzuführen – das ja an sich sehr wohl einen Bezug auf die Realität enthält. So kriegt man – scheinbar – das hin, daß man einerseits zwar jedem "seine" Meinung zugesteht – niemals käme Esowatch auf die Idee so ein hohes Gut antasten zu wollen – gleichzeitig aber den "Esos" und anderen unliebsamen Kritikern Bescheid stösst, daß sie ja nicht glauben sollen, nur weil es die Meinungsfreiheit gibt könnten sie einfach so auf ihrer Meinung bestehen – ganz unabhängig von irgendwelchen Fakten.

    Ein sehr beliebeter Trick in Euren Kreisen. Es gibt z.B. die Variante von den "zwei Realitäten" – eine, wo es schwer auf Argumente ankommt, und eine andere, wo die keine Rolle spielen – weil hier das Reich der Meinungsfreiheit beginnt. Und weil es so eine Grenze ja gar nicht gibt, kann man sie nach Belieben da ziehen, wo es gerade am besten paßt – z.B. immer da, wo man sich "seine Meinung" nicht nehmen lassen will – egal, ob sie nun durch "Fakten gedeckt" ist oder nicht.

    Nun gibt es nicht einfach nur: "Meinungen". Es gibt nunmehr zwei Sorten davon: gute und schlechte, eine Sorte, die sich auf Fakten stützt, und eine andere, die das nicht tut. So also glaubt man, eine Meinung, eine Kritik, die einem nicht gefällt zurückweisen zu können, ohne sie widerlegen zu müssen, aber auch ohne die Meinungsfreiheit anzutasten. Wie’s gerade opportun ist – schlägt man sich mal auf die Seite der Meinungsfreiheit, mal auf die Seite mit dem Realitätsbezug. Das hat außerdem noch den Vorteil, daß man Letzteren je nach Lust und Laune zwar für andere beanspruchen kann, aber für sich selber nicht gelten lassen muß – weil Meinungsfreiheit.

    So geht’s zu bei Esowatch. Wenn Ihr alles von Eurer Site runterschmeissen würdet, was nicht "durch Fakten gedeckt" ist, würde nicht allzuviel übrig bleiben. Aber zum Glück gibt’s ja die Meinungsfreiheit.

  17. 31. Dezember 2011, 15:51 | #17

    @sfinxx: Wäre natürlich jetzt schön, in dieser netten Suada ein konkretes Argument gelesen haben zu können, so mit tatsächlichen Beispielen, was wo an Fakten fehlt. Aber mir ist schon klar, warum die Freunde der Beliebigkeit, umgangssprachlich aka Eso, sich davor drücken: Sie haben keine.

    Es ist kein Geheimnis, dass auch die Esowatcher von Axiomen ausgehen müssen. Wir glauben an eine Realität. Also daran, dass ein Baum Geräusche von sich gibt wenn er umfällt und man dabei nicht daneben steht. Sowas muss man tatsächlich glauben.

    Kann natürlich sein, dass dieser Glaube auch ein Stück weit mit Bequemlichkeit zu tun hat. Die Alternative wäre ein gepflegter Solipsismus, der in diesem Falle bedeuten würde, die Entität @sfinxx fände ausschließlich in meinem Kopf statt. Diese Vorstellung ist irgendwie unangenehm. Insofern bitte ich um Verständnis, dass nicht jeder die Kraft hat, sich sein Hirn als Ansammlung diversen Bescheuertheiten vorzustellen.

  18. P.A. Staudinger
    3. Januar 2012, 15:45 | #18

    Geht mir ein wenig aus der Sonne.

  19. Peter Maffai
    10. Januar 2012, 16:20 | #19

    Man solle in diesem Zusammenhang auch bedenken, was Descartes mit seiner Methodenlehre dazu eingebracht hat. Ohne Methode, keine Wissenschaft!

  1. 13. Dezember 2012, 08:51 | #1

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