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Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW 6, 2019)

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Wissenschaft ist kein Wunschkonzert, denn für die gerade so populäre Meinungspluralität ist dort kein Platz. Trotzdem gibt es keinen Grund, der Wissenschaft Dogmatismus vorzuwerfen, wie es aus pseudowissenschatlichen Ecken gelegentlich tönt. Bei der Suche nach der tatsächlichen Beschaffenheit der Welt geht es darum, eine Wahrheit zu finden, die vollständig mit den Fakten übereinstimmt, nicht um Mehrheiten. Stellt sich eine Erkenntnis als falsch oder unvollständig heraus, wird sie früher oder später durch ein besseres Konstrukt ersetzt. Aus diesen Gründen gibt es auch keinerlei Anlass für ernstzunehmende Wissenschaftler, einen auch noch so kleinen Schritt auf die ungeprüften und oft unprüfbaren Glaubenssysteme von Alternativmedizinern und Schwurbelprofis zuzugehen. Realität und Unsinn haben eben keinen gemeinsamen Nenner. Udo Endruscheit setzt sich im Blog „Die Erde ist keine Scheibe“ mit der Unmöglichkeit einer Konsensfindung auseinander und auch Natalie Grams schreibt bei Spektrum über dieses Thema. Uns interessiert wie immer, was Euch dazu einfällt und natürlich sind auch Linktipps für den nächsten Wochenrückblick jederzeit willkommen.


 

Gesellschaft, Politik und Religion

 

futurezone: Die Politik des Wasserrohrbruchs

Durch harmlose Placebo-Handlungen erteilen wir uns selbst die Erlaubnis, das eigentliche Problem zu ignorieren. Tragischerweise macht sich diese kindische Placebo-Taktik auch in der Politik breit. Wir heben Sektsteuer ein und halten das für soziale Umverteilung. Wir streiten über Kopftuchregelungen in Grundschulen und ignorieren echte Integrationsprobleme. Wir feiern geschlossene Flüchtlingsrouten und haben noch immer kein europäisches Migrationskonzept. (Florian Aigner)

 

heise online Telepolis: „Schädlichkeit der Impfstoffe“: Franzosen misstrauen öffentlichen Berichten

Den ersten Platz mit 43 Prozent Zustimmung hat die Behauptung, dass die „Regierung und die Pharmaindustrie unter einer Decke stecken, um die Wirklichkeit der Schädlichkeit von Impfstoffen vor der großen Öffentlichkeit verborgen zu halten“. Es ist die einzige Behauptung, wo der Anteil der Zustimmung höher ist als der Nicht-Übereinstimmung. Nur 41 Prozent der Befragten waren nicht einverstanden mit dieser Behauptung (22% ganz und gar nicht, 19 Prozent „eher nicht“).

 

Die Presse: Gwyneth Paltrow bekommt Netflix-Sendung für ihre esoterischen Gesundheitstipps

Energetisierende Pflaster und vaginale Dampfkuren: Auf ihrer Webseite vermarktet die Schauspielerin umstrittene Wellnessprodukte. Jetzt soll sie eine eigene Doku-Serie bekommen.

 

futurezone: Homöopath schwärzt Wissenschaftler wegen Amazon-Paket an

Eine Anschuldigung des „Homöopathie-Arztes“ Thomas Quak gegen futurezone-Kolumnist Florian Aigner sorgt aktuell auf Twitter für Aufregung. Hintergrund ist ein Foto, das Quak am Dienstag gepostet hat. In diesem beschuldigt er den Wissenschaftler, ihm dessen Buch „Der Zufall, das Universum und du“ ungefragt geschickt zu haben.

 

Reuters: French, German farmers destroy crops after GMOs found in Bayer seeds

Bayer said on Wednesday that farmers in France and Germany were digging up thousands of hectares of rapeseed fields after traces of genetically modified organisms (GMOs) banned for cultivation were found in seeds sold by the company.

 

Spiegel Online: „Reichsbürger“-Verdacht Bundeswehr suspendiert Elite-Soldaten

Neuer Skandal rund um die Eliteeinheit KSK: Ein Oberstleutnant wurde suspendiert, weil er im Internet Parolen der „Reichsbürger“ verbreitete. Bei der Truppe war er schon vorher aufgefallen.

 

Independent: School cancels play about Darwin and evolution after Christian parents complain

A primary school has cancelled a play about Charles Darwin and his theory of evolution following complaints from a group of Christian parents. Several families threatened to withdraw their children from the play, which is aimed at 7- to 11-year-olds, as they felt one of the scenes “mocked” a bishop involved in a historic debate on evolution.

 

Belltower News: Der Traum der arischen Öko-Gemeinschaft

Die Anastasia-Bewegung aus Russland breitet sich auch in Deutschland weiter aus. In ihren Reihen finden sich Esoteriker*innen, Ökos und Reichsbürger*innen wieder, aber auch Rechtsextreme können der Bewegung – nicht zuletzt wegen ihrer Blut-und-Boden-Ideologie – etwas abgewinnen. Ihre Anhänger*innen vernetzen sich zunehmend und versuchen, Schulen zu gründen. Ein Ausflug in eine krude und antisemitische Welt.

Wiki: https://www.psiram.com/de/index.php/Anastasia

 

Zeit Online: Stickoxid-Grenzwerte: Die Fachleute blieben unsichtbar

Sie dürfte in die Lehrbücher eingehen – als Beispiel dafür, was bei einem öffentlichen Streit aus Sicht der Wissenschaft alles schieflaufen kann. Die Stickoxid-Debatte zeigt, wie ein pensionierter Arzt eine ganze Forschungsdisziplin in die Defensive drängen, etablierte Erkenntnisse als unsicher erscheinen lassen und quasi über Nacht die deutsche Luftreinhaltepolitik ins Wanken bringen kann.

 


 

Gesundheit und Medizin

 

Deutsches Ärzteblatt: Erste Herztransplantation in Deutschland liegt 50 Jahre zurück

Es war ein Durchbruch – und eine Niederlage zugleich. Vor 50 Jahren gelang einem Team um den Münchner Arzt Rudolf Zenker die erste Herztransplantation in Deutschland. Die Operation sei „programmgemäß“ verlaufen, meldete Zenker kurz danach. Das fremde Herz war in der Brust des Patienten erfolgreich zum Schlagen gebracht worden. Doch 27 Stunden später war der Patient tot. Zenker trat kurz angebunden vor die Presse und verlas eine Stellungnahme.

 

WeiterGen: Alternativmedizin tötet Krebspatienten

Was man jedoch sicher sagen kann ist: Alternativemedizin tötet. Auch zusätzlich zur konventionellen Krebstherapie, also der ganzen oder teilweisen operativen Entfernung vom Tumoren, der Strahlentherapie und der Chemotherapie, wirkt Alternativmedizin nicht. Wer mehr Beispiele braucht sei an das Blog Science Based Medicine verwiesen.

 

Spiegel Online: Masernfälle in Europa haben sich verdreifacht

Rückschlag im Kampf gegen die Masern: In Europa haben sich der WHO zufolge 2018 so viele Menschen angesteckt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Ein Grund sei die wachsende Zahl der Impfgegner.

 

Spektrum.de: Grams‘ Sprechstunde: Sich besser fühlen – oder wirklich gesund werden

Ist ja schön und gut, wenn Medizin und Naturheilkunde versöhnt werden – aber ist es wirklich nötig? Überhaupt: Um was streiten die beiden denn?

 

Alternative Science: David Avocado Wolfe In Critical Condition After Apparent Accidental Crystal Chakra Voodoo Overdose

Local authorities and doctors are confirming at this time that lifestyle coach, nutrition guru, and the World’s Most Enlightened and Wizened Man, David “Avocado” Wolfe is in critical but stable condition following what appears to be an accidental overdose of crystal chakra voodoo.

 

Die Erde ist keine Scheibe: Wissenschaft – zwischen Dogma und Toleranz?

Aktuell hat der Zentralverein homöopathischer Ärzte auf seiner Webseite („Homöopathie online“) eine „Homöopathie-Deklaration“ veröffentlicht, wiederum in „Zusammenarbeit“ mit dem „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ und unter Beteiligung weiterer üblicher Verdächtiger, die in bestürzender Weise die Verächtlichmachung seriöser Wissenschaftlichkeit durch pseudowissenschaftliche Verbrämungen betreibt. Dies wird sicher nicht die Wirkung haben, die Homöopathie durch Worte plötzlich zu einer wirksamen Medizin werden zu lassen.

 


 

Wissen und Forschung

 

ScienceNews: Brain scans decode an elusive signature of consciousness

Scientists uncovered that new signature of consciousness by analyzing brain activity of healthy people and of people who were not aware of their surroundings. The result, published online February 6 in Science Advances, makes headway on a tough problem: how to accurately measure awareness in patients who can’t communicate.

 


 

Psiram

 

Aus dem Blog-Archiv (04/2012): Alternative Ingenieurswissenschaften

Alternativmedizin ist ja bereits allgemein bekannt, doch auch in anderen Bereichen greifen alternative Ansichten immer mehr um sich. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Physik, in der sich von Kritik an der Relativitätstheorie über Freie Energie bis hin zum Global Scaling diverse alternative Ansichten ausgebreitet haben, von diversen alternativen Interpretationen der Quantenphysik ganz zu schweigen. Aber auch die Evolutionsbiologie hat ihren Kreationismus und selbst die Geschichtswissenschaft kann beispielsweise mit dem erfundenen Mittelalter aufwarten.

 

Neu im Psiram-Wiki:

 


 

Video der Woche

 

Deutschland Was Geht #06 | Esoterik-Messe Mannheim

In der sechsten Folge von „Deutschland Was Geht“ wird es geradezu überirdisch. Hazel und Thomas lassen sich auf der Messe für Spiritualität und Heilen in Mannheim in die Welt der Esoterik einführen.

Direktlink: https://www.youtube.com/watch?v=ocm9h8Bjm-U

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  1. LaDeesse
    11. Februar 2019, 11:45 | #1

    Zu den Stickoxid-Grenzwerten:

    Es wird gerne so getan, als ob Kritik an diesen Grenzwerten grundsätzlich unwissenschaftlich sei. Ist das wirklich so?
    Es stellt sich doch die Frage, warum das eine wissenschaftliche Gremium nach Sichtung aktueller Studien einen Grenzwert von 40 µg/m3 Luft empfiehlt, das nächste 50 und wieder ein anderes 100.
    Außerdem ist erstaunlich, dass manche Mediziner viele tausend Stickoxid-Tote behaupten, während andere dies rundweg bestreiten.

    Prof. Wichmann, Direktor d. Instituts für Epidemiologie i.R., Helmholtz Zentrum München, hat dazu ein interessantes Dokument verfasst:

    Expertise zu gesundheitlichen Risiken von Stickstoffdioxid
    im Vergleich zu Feinstaub und anderen verkehrsabhängigen Luftschadstoffen
    Bewertung durch internationale Expertengruppen

    Nach dessen Lektüre kann auch ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bewertungen der Europäischen Umweltagentur (EEA) vom Bedürfnis geleitet sind, möglichst viele NO2-Tote zu postulieren, und man dazu Bedenken von WHO/EU und US-EPA einfach ignoriert.

    Zitate daraus:

    US-EPA und WHO/EU sehen die Datenlage für quantitative Aussagen zur vorzeitigen Todesfällen und verlorenen Lebensjahren als begrenzt an. Deshalb verzichtet US-EPA auf die Durchführung entsprechender Abschätzungen für NO2. WHO/EU empfiehlt solche Abschätzungen nur für Sensitivitätsanalysen und verweist darauf, dass NO2 möglicherweise ein Schadstoffgemisch repräsentiert und man nicht ausschließen kann, dass derartige Abschätzungen nicht die Wirkungen des NO2-Gases allein wiedergeben.

    Für die Langzeitexposition gegenüber NO2 wird von WHO/EU eine Konzentrations-Wirkungs-Funktion für die Mortalität angegeben. Diese soll aber wegen bestehender Unsicherheiten nur für Sensitivitätsanalysen verwendet werden. Die Europäischen Umweltagentur (EEA) führt dennoch Abschätzungen durch und berechnet für Deutschland 12.860 vorzeitige Todesfälle und 133.800 verlorene Lebensjahre durch NO2 in 2014. Der NO2-Jahresmittelwert in 2014 betrug 20,2 µg/m³.
    Demgegenüber gibt die US-EPA keine Konzentrations-Wirkungs-Funktion für die Mortalität in Abhängigkeit von NO2 an, da dieser Zusammenhang als nicht ausreichend abgesichert eingestuft wird.

    Anmerkung: Die vielen NO2-Toten basieren offenbar auf Modellrechnungen, die voraussetzen, dass die Europäische Umweltagentur (EEA) sich über Bedenken von WHO/EU und US-EPA hinwegsetzt.

    Die WHO/EU Experten teilen zwar die Einschätzung der Experten der US-EPA, dass die Datenlage für NO2 unsicherer ist, sie halten aber dennoch Berechnungen für Sensitivitätsanalysen für vertretbar.
    Der Vergleich der NO2-Exposition mit der Exposition gegenüber anderen verkehrsabhängigen Schadstoffen ergibt, dass NO2, ultrafeine Partikel und Ruß (elementarer Kohlenstoff) stark miteinander korreliert sind. Daher ist die Zuordnung der gesundheitlichen Auswirkungen zu einem dieser Stoffe nur begrenzt möglich.

    Die Reduktion der Exposition gegenüber NO2 als Gas kann naturgemäß nur eine Verringerung der gesundheitlichen Auswirkungen des Gases NO2 zur Folge haben.
    Betrachtet man NO2 als Indikator für das Gemisch verkehrsabhängiger Luftschadstoffe, dann können die durch die anderen Schadstoffe (wie ultrafeine Partikel, Ruß (elementarer Kohlenstoff), PAH etc) bedingten gesundheitlichen Auswirkungen nicht direkt durch die Reduktion der Freisetzung des Gases NO2 beeinflusst werden. Hierzu ist es vielmehr erforderlich, die Freisetzung dieser Schadstoffe ebenfalls zu verringern.

    Anmerkung: Nur die NO2-Belastung zu verringern, scheint von begrenztem Nutzen zu sein.

    Quelle: https://vm.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mvi/intern/Dateien/PDF/PM_Anhang/Luftreinhaltung_Wichmann_2018_Risiken_Stickstoffdioxid_Expertise.pdf

    Wie begründet die EEA ihr Vorgehen?
    Im EEA-Report „Air quality in Europe — 2015 report“ ist man noch recht vorsichtig:

    For NO2 the recommendation by the WHO (2013c) that the NO2 impact should be calculated for levels above 20 µg/m3 was followed. However, this recommendation, which ignores potential impacts at lower concentrations, may be too conservative, as indicated by Heroux et al. (2015).

    Quelle: https://www.eea.europa.eu/publications/air-quality-in-europe-2015

    In den Folgejahren ließ man diese Zurückhaltung (ohne für mich erkennbare Begründung) fallen.
    Mit „Heroux et al. (2015)“ ist diese Quelle gemeint: https://www.researchgate.net/publication/277406457_Quantifying_the_health_impacts_of_ambient_air_pollutants_recommendations_of_a_WHOEurope_project/download

    Die scheinen sich ihrer Sache aber keineswegs so sicher zu sein, wie die EEA vorgibt:

    Therefore, the HRAPIE recommendation to calculate the impacts of long-term NO2 exposure on mortality for levels over 20 µg/m3, ignoring potential impacts at lower concentrations, may be too conservative. (p. 7)
    The evidence of health impacts from NO2 exposure was considered, but as there was a lack of agreement regarding the extent to which the exposure data used by the EC properly reflected exposure of the population (Holland 2014), no quantification was made of NO2 health impacts. Further work is needed to characterize the link between estimated NO2 exposure and health outcomes as provided in the recommendations of the HRAPIE report. (p. 8 )

    Kann es sein, dass die These vom massenhaften Tod aufgrund von NO2 allein auf dem Verweis auf dieses eine Papier beruht?

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich plädiere keineswegs für eine Anhebung der Grenzwerte. Allerdings sehe ich keinen Grund für blinden Aktionismus bis hin zu flächendeckenden Fahrverboten.
    (Davon abgesehen, muss ich mich in Bescheidenheit üben, denn ich bin auf diesem Gebiet Laie und kann daher krass irren. Ich meine halt Widersprüche zu bemerken.)

  2. libertador
    11. Februar 2019, 14:51 | #2

    LaDeesse :
    Kann es sein, dass die These vom massenhaften Tod aufgrund von NO2 allein auf dem Verweis auf dieses eine Papier beruht?

    Dieses Papier stützt soweit ich das sehe nicht die Berechnung von Todesfällen, sondern dienst als Anmerkung, dass die Todesfälle auch mehr sein könnten. Im aktuellen Report 2018:

    For NO 2, all-cause (natural) mortality
    is considered in ages above 30, for concentrations
    above 20 μg/m 3 , assuming an increase in the risk of
    mortality of 5.5 % for a 10 μg/m 3 increase of NO 2.“

    In den Berechnungen werden also nur mögliche Einflüsse oberhalb von 20 ug/m³ berücksichtigt. Die von Wiechmann zitierten Todesfälle von 133.000 beziehen sich auf die Berechnungen mit 20 ug/m³ als Grenze. Die EEA berechnet also die Todesfälle üblicherweise ab den 20 ug/m³. Man hat diese Zurückhaltung auch nicht abgelegt.
    Im Report von 2017 wurde eine Sensitivitätsanalyse gemacht. Wenn man Effekte ab 10 ug/m³ berechnet käme man auf knapp das 4-fache. 2018 hat man diese Analyse nicht erneut gemacht. Darüber hinaus weist die EEA darauf hin, dass die Totesfälle der verschiedenen Ursachen nicht addiert werden sollten, da die Luftschadstoffe korreliert sind.
    Report von 2017:

    The impacts estimated for the different pollutants
    cannot be simply added to determine the estimated
    total health impact attributable to exposure. For
    example, as concentrations of PM 2.5 and NO 2 are
    (sometimes strongly) correlated, the impacts estimated
    for these cannot be aggregated. Doing so may lead to
    a double counting of up to 30 % of the effects of NO 2
    (WHO, 2013b)

    Soweit ich das sehe, könnte dies vielleicht einen vermeintlichen Widerspruch lösen. Ich kann Ihnen dementsprechend auch nicht sagen, zu welchem Teil die Abschätzung der Todesfälle auf weiteren Korrelationen mit Ruß usw. beruht.

  3. libertador
    11. Februar 2019, 15:09 | #3

    libertador :
    Die von Wiechmann zitierten Todesfälle von 133.000 beziehen sich auf die Berechnungen mit 20 ug/m³ als Grenze.

    Kleine Korrektur: 133.800 sind die Lebensjahre 12.860 wären die Todesfälle.

  4. LaDeesse
    11. Februar 2019, 15:12 | #4

    Darüber hinaus weist die EEA darauf hin, dass die Todesfälle der verschiedenen Ursachen nicht addiert werden sollten, da die Luftschadstoffe korreliert sind.

    Diese Formulierung geht davon aus, dass es eine nennenswerte Anzahl von Todesfällen aus verschiedenen Ursachen, darunter explizit auch NO2 allein, gibt. Das setzt eine Konzentrations-Wirkungs-Funktion für die Mortalität aufgrund von NO2 doch wohl als gegeben voraus, oder?
    Genau dies wird von der US-EPA als „nicht ausreichend abgesichert eingestuft“.
    Die WHO/EU-Experten wiederum empfehlen zumindest, diese Funktion „wegen bestehender Unsicherheiten nur für Sensitivitätsanalysen“ zu verwenden.
    Die Europäische Umweltagentur (EEA) führt dessen ungeachtet Abschätzungen durch und kommt so für Deutschland auf 12.860 vorzeitige Todesfälle.
    Wenn nun das Heroux-Papier anmerkt, es könnten auch mehr sein, dann stützt und bestärkt es dieses Vorgehen doch, oder?
    Gibt es denn noch andere Quellen, welche diese Schätzung von Todesfällen stützen?

  5. libertador
    11. Februar 2019, 15:49 | #5

    @LaDeesse
    Da die EEA Todesfälle für Feinstaub, NO2 und O3 berechnet, könnte es auch sein, dass in diesen Berechnungen NO2 als Indikator für Ruß und ähnliches zu verstehen wäre. Da die Korrelation durch das Modell nicht ausgeschlossen wird, wäre dies für mich naheliegend. Aber sicher weiß ich das nicht.

  6. LaDeesse
    11. Februar 2019, 16:07 | #6

    Zitat von Seite 44 des „Air quality in Europe — 2015 report“:

    In a similar way, Table 9.2 shows the estimated number of premature deaths. In the 40 countries considered, 432 000 premature deaths are attributed to PM2.5 exposure and 75 000 and 17 000 premature deaths to NO2 and O3 exposure, respectively. The estimated number of premature deaths in EU‑28 attributed to PM2.5, NO2 and O3 exposure are 403 000, 72 000, and 16 000, respectively.

    Doppelzählungen räumen sie zwar noch ein:

    The YLL estimated for each pollutant may not be added to determine the total YLL attributable to exposure to these three pollutants. As concentrations are (sometimes strongly) correlated, it is difficult to quantify the impact of one single pollutant. This may lead to a double counting of up to 30% of the effects of PM2.5 and NO2 (WHO, 2013c).

    Sie wirken aber dennoch sehr entschlossen zur Anwendung der NO2-Konzentrations-Wirkungs-Funktion für die Mortalität.
    Und das scheint mir durch die Fakten nicht gedeckt zu sein.

  7. LaDeesse
    12. Februar 2019, 07:16 | #7

    In der ZEIT findet sich hierzu ein durchaus informativer Artikel, der aber die Frage, warum die EEA die Konzentrations-Wirkungs-Funktion auch auf die (angenommene) Mortalität aufgrund des NO2-Gehalts der Luft anwendet, ebenfalls nicht beantwortet:

    In Anbetracht der Studienlage ist es herausfordernd, Grenzwerte festzulegen. Verschiedene Organisationen wie die US-Umweltbehörde EPA, das Umweltbundesamt oder die WHO nehmen regelmäßig Risikoabschätzungen vor. In sie fließen die jeweils neuen Erkenntnisse ein. Die WHO, deren Leitlinien schon einige Jahre alt sind, arbeitet gerade an neuen, die sie 2020 vorstellen will.
    Letztlich ist die Grenzwertfestlegung ein politischer Prozess.

    Dass weitere wissenschaftlich Erkenntnisse – beispielsweise Studien, die den Effekt von Ruß, ultrafeine Partikel und Stickoxide voneinander zu trennen erlauben oder experimentelle Studien, die die Mechanismen hinter der wahrscheinlichen Stickoxidwirkung beleuchten – die Einschätzung von WHO und EU-Parlament verändern, halten Annette Peters und Andreas Seidler (v. Helmholtz-Zentrum München, L.D.) durchaus für möglich. Nur, sagen beide einhellig: Das müsse eben nicht bedeuten, dass man das Risiko momentan überschätze, sondern vielleicht sogar unterschätze. Letztlich könnten mehr wissenschaftliche Erkenntnisse also auch strengere Grenzwerte nahelegen.

    Ja, kann schon sein.

  8. LaDeesse
    14. Februar 2019, 08:44 | #8

    Heute im Blatt mit den klugen Köpfen dahinter:

    Der Hinweis auf die 14,5 Stunden zusätzliche Lebenszeit kam von der WDR-Wissenschaftsredakteurin Mai Thi Nguyen-Kim. Es war der interessanteste Punkt in dieser Sendung. Sie lehnte die übliche plakative Sprache von den „vorzeitigen Todesfällen“ ab. Damit wurde deutlich, wie schwierig es in Gesellschaften ohne elementare Lebensrisiken ist, überhaupt noch Risiken abzubilden. Trotzdem sprach sie von den gesundheitlichen Risiken des Stickoxids. Sie versuchte sich damit von den Lungenärzten um den Schmallenberger Facharzt Dieter Köhler abzugrenzen. …
    Frau Nguyen-Kim beschrieb ihn (den Grenzwert, L.F.) als Willkür. Er sei ein politischer Kompromiss zwischen Gesundheitsschutz und anderen Interessen.

    Respekt!

  9. LaDeesse
    2. April 2019, 07:55 | #9

    Und wieder ein lesenswerter Beitrag im selben Blatt (leider hinter einer Bezahlschranke):

    Damals wie heute gab es keine Experimente, die eine biologische Wirkung von Stickstoffdioxid in den geringen, in der Außenluft gemessenen Konzentrationen zeigen. Ohne Kenntnis der Dosis-Wirkungs-Beziehung kann jedoch kein Grenzwert berechnet werden.

    Um das Überschreiten einer persönlichen Jahresbelastung von 40 µg/m3 zu vermeiden, hätte … auch ein deutlich höherer Grenzwert ausgereicht. Die Autoren des IPCS-Berichts hatten daher ausdrücklich davor gewarnt, den Richtwert als Vorschlag für einen Grenzwert zu verstehen. Doch diese Mahnung ist offensichtlich in den Korridoren der Brüsseler Bürokratie verhallt

    Für die behauptete Kausalität zwischen NO2-Exposition und vorzeitigen Todesfällen, die im Widerspruch zum internationalen Stand der Wissenschaft steht, hat das UBA keinen einzigen Beleg vorgelegt. Offenbar wurden nicht einmal die bekannten Confounder der Ausgangsstudien berücksichtigt.

    Der Hinweis, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen NO2 und Sterblichkeit nicht belegt ist und die „Stickstoffdioxid-Toten“ gar keine echten Toten sind, hätte die Debatte frühzeitig entschärfen können. Stattdessen sieht das UBA bis heute zu, wie die (fiktiven) 6000 NO2-Toten mit den 3500 (realen) Verkehrstoten ins Verhältnis gesetzt werden. Diese gefährliche Nähe zu Fake News und Fake Science nützt nicht der Umweltpolitik, sondern spielt ihren fundamentalistischen Gegnern in die Hände.
    Die Hauptautorin der Studie, die international angesehene Feinstaub-Expertin Annette Peters vom Münchner Helmholtz-Zentrum, ist derweil diskret zurückgerudert. In ihrer jüngsten Übersichtsarbeit zu Luftschadstoffen werden die angeblichen NO2-Toten nicht mehr erwähnt. In öffentlichen Stellungnahmen betont sie schon länger, dass die verlorenen Lebensjahre auch andere Gründe haben könnten – sogar Straßenlärm schließt sie als Mitursache nicht aus. Damit ist es höchste Zeit, den politisch befeuerten „Streit der Experten“ auf dem Friedhof der wissenschaftlichen Peinlichkeiten zu begraben.

    Der Autor Alexander S. Kekulé ist Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle und war langjähriger Berater der Bundesregierung für biologischen Bevölkerungsschutz.

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