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Guerilla-Skeptizismus

Die Eule war auf Dienstreise. Sie war im schönen Wien und wie man sehen kann, fand sie auch Zeit für die typischen Touristenattraktionen (sie haben ihr nicht gefallen – die Eule hat nicht das sonnigste Gemüt). Anlass war die Verleihung des Goldenen Bretts vorm Kopf, dem Preis, der von der Wiener Regionalgruppe der GWUP, der Gesellschaft für kritisches Denken (GkD) seit 2011 für den „erstaunlichsten pseudowissenschaftlichen Unfug im deutschsprachigen Raum“ vergeben wird. Die Eule wurde eingeladen, die Laudatio auf den Preisträger für das Lebenswerk zu halten und da sie so viel Wertschätzung gar nicht gewöhnt ist, ist unsere Eule, die auch sonst nicht unter einem unterentwickelten Ego leidet, seitdem sie zurück ist, schlicht unerträglich. Goldenes Brett hier, Laudatio da – so geht es den ganzen Tag. Sollte sie wirklich mit einem Limousinen-Service vom Flughafen abgeholt und im Hotel Sacher untergebracht worden sein, so wie sie behauptet, werden wir mit den Organisatoren noch mal ein ernstes Wörtchen reden müssen. Am Ende bekam sie kurz vor ihrem großen Auftritt das große Nervenflattern, weswegen Niko Alm so freundlich war, kurzfristig einzuspringen und die bereits verfasste Rede vorzulesen.

Aber ihre Großkotzigkeit in den letzten Wochen sei ihr verziehen, denn die Laudatio ausgerechnet für Grander-Wasser halten zu dürfen, hat uns, den Psiram-Schreiberlingen, viel bedeutet (ihr glaubt doch nicht etwa, dass die Eule ihre Reden selbst schreibt?). Nicht weil der Schwurbel so außergewöhnlich ist. Im Wiki haben wir reihenweise Wasserbelebungsschwurbel, mal „magnetisch“, mal „physikalisch“, mal komplett herbeigeschwurbelt. Selten so dreist wie Grander-Wasser, die behaupten, dass Wasser „informiert“ werden könne, wenn es nur in einer Röhre an „informiertem“ Wasser vorbeifliesst – OHNE MIT DIESEM IN BERÜHRUNG ZU KOMMEN! – aber in zwölf Jahren Psiram haben wir wahrlich Dreisteres und Schlimmeres gesehen.

Nein, die Laudatio für Grander-Wasser halten zu dürfen, hat uns aus zwei anderen Gründen sehr viel bedeutet. Der eine ist der stolze Double-Preisträger 2019, Hevert, der andere ist ein promovierter Hydrobiologe von der Universität Wien, Erich Eder.

Pharma-Marketing

Die Geschichte vom Hevertschen Marketing-Gag, der vielleicht, vielleicht auch nicht, gewaltig in die Hose gegangen ist, kennt innerhalb der verschiedenen Skeptiker-Bubbles auf Twitter und Facebook wahrscheinlich mittlerweile jeder. Hevert, mittelständischer Hersteller von Komplexmittel-Homöopathie und ganz normalen, verschreibungsfreien Arzneimitteln „over the counter“, schickte im Frühjahr diesen Jahres verschiedenen Homöopathie-Kritikern Aufforderungen, Unterlassungserklärungen abzugeben. Sie sollten sich verpflichten, sich nicht mehr despektierlich über die Homöopathie zu äußern. Seien wir realistisch: Da es nicht möglich ist, sich anders als despektierlich über die Homöopathie zu äußern, hätte das bedeutet, dass sie sich gar nicht mehr äußern können. Natalie Grams, Bernd Kramer und Gerd Glaeske machten die Anwaltsschreiben, die ihnen zugegangen waren, öffentlich und was folgte, war ein Shitstorm, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind.

Wir feiern die Verbreitung des Satzes „Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus“ als Sieg der Vernunft über den Wahnsinn, aber wir sollten uns nicht zu früh freuen, denn wie perfide das, was Hevert da gemacht hat, wirklich ist, ist wahrscheinlich auch heute noch, nach dem ersten „Double“ aus Goldenem Aluhut und Goldenem Brett, den wenigsten bewusst. Denn Hevert hatte mit ziemlicher Sicherheit nie die Absicht, vor Gericht zu ziehen und – da sie nicht Aussagen, die Hevert direkt betrafen, abmahnten, sondern allgemeinere Aussagen zur Homöopathie – dort ohnehin nur homöopathische Erfolgschancen. In einem Schreiben an Gerd Glaeske gab Mathias Hevert offen zu, dass es sich um eine Marketing-Aktion handelte. Er bat, nein, er forderte Gerd Glaeske auf, den Namen des Unternehmens möglichst häufig zu nennen. Das Ergebnis war ein fieser Catch-22: Die Angeschrieben schweigen zu den Schreiben, was einem Einknicken vor der Schwurbelmedizin gleichkommt, oder die Angeschriebenen veröffentlichen die Schreiben und unterstützen so mit jeder Nennung des Firmennamens das virale Marketing von Hevert. Bis heute ist unklar, ob der Schuss für das Unternehmen wirklich so nach hinten losgegangen ist, wie wir in den Skeptiker-Bubbles gerne glauben wollen. Die Geschäftsführer Mathias und Marcus Hevert, beides Betriebswirte, könnten sich die Strategie großer Tabakkonzerne (wenn Du den Niedergang eh‘ nicht aufhalten kannst, nimm wenigstens so viel mit, wie nur geht) zu eigen und dann lachend auf den Weg zur Bank gemacht haben.

Aber wie kann das sein? Wie ist es überhaupt möglich, dass ein Unternehmen aus dem Schwurbelsektor das Zivilrecht für das eigene Marketing so missbrauchen kann? Ist das nicht etwas, was man nur aus den USA kennt, wo anscheinend die gesamte Bevölkerung in ständiger Angst lebt, durch willkürliche Klagen und Prozesskosten ruiniert zu werden?

A SLAPP in your face

Die Antwort ist hier gleichzeitig „Ja“ und „Nein“.Ja, rechtsmissbräuchliche Klagen, die die Angst vor einem möglicherweise ruinösen Verfahren als Druckmittel einsetzen, sind in den USA eine größere Gefahr. Aber gerade weil die Gefahr dort größer ist, gibt es mit den Anti-SLAPP-Gesetzen in vielen Bundesstaaten einen Schutz für Individuen und finanzschwache Akteure wie NGOs. Dieser Schutz ist unvollständig zwar, aber es gibt ihn. „SLAPP“ steht für „strategic lawsuit against public participation“ und bezeichnet rechtsmissbräuchliche Klagen und Verfahren, die nur angestrengt werden, um Kritiker durch Einschüchterung mundtot zu machen. Eine Reihe von Bundesstaaten haben Anti-SLAPP-Gesetze erlassen, um den ersten Verfassungszusatz, das freedom of speech amendment, zu schützen – das US-amerikanische Äquivalent zum Artikel 5 des Grundgesetzes, jenem Artikel, der auch das, was wir tun, schützt: Vor dem Zugriff des Staates, aber auch vor der Beschneidung durch andere, so lange unsere Tatsachenbehauptungen nachweislich wahr sind und unsere Kritik nicht allein der Herabsetzung von Personen dient.

Allerdings gibt es in Deutschland und Österreich keine entsprechenden Schutzgesetze, denn hier gibt es schon per Definition keine SLAPP-Klagen und -Verfahren: Eine Klage ohne „Rechtsschutzbedürfnis“, also eine Klage, bei der es der initiierenden Partei nicht darum geht, ein vermeintlich oder tatsächlich gefährdetes Recht zu schützen, sollte als unzulässig abgewiesen werden. Die Einschüchterung durch Anwaltsbriefe funktioniert aber trotzdem, denn diese Briefe richten sich nicht an andere Anwälte oder finanzstarke Unternehmen, sondern oft an Blogger und Vlogger und damit an einzelne Personen. Wir haben sowas wie einen internen Countdown bis zum Tag, an dem der erste Brief von Prof. Dr. H. aus K. bei unserem Provider eingeht. Wie notwendig deswegen Schutzgesetze sind, damit der Einschüchterung der Boden entzogen wird, wird schon deutlich, wenn man sich nur die Verfahren ansieht, die unsere Wiki-Bewohner in Vergangenheit und Gegenwart angestrengt haben. Schon Journalisten, die die finanziellen Mittel und Rechtsabteilungen ihrer Zeitungen im Rücken wissen, sind kaum gegen rechtsmissbräuchliche Klagen, sei es als „Marketing-Gag“ wie bei Hevert, sei es, um die Wahrheit zu unterdrücken, geschützt. Ben Goldacre, zum damaligen Zeitpunkt beim Guardian, hat Matthias Rath mit „The doctor will sue you now“ ein Denkmal in „Bad Science“ gesetzt, allerdings nur in der US-amerikanischen Ausgabe, nicht in der ursprünglichen britischen Version, denn das konnte Rath für mehr als ein Jahr verhindern. Goldacre veröffentlichte das Kapitel später online und es gibt einen Einblick in die immense persönliche Belastung, die mit einem solchen Verfahren verbunden ist – sogar für einen Journalisten, der sich der Unterstützung seines Arbeitgebers sicher sein kann. (PDF)

Blogger und Vlogger, oft Einzelkämpfer, sind gar nicht geschützt. Aber auch sie sagen die Wahrheit und sind oft diejenigen, die der Fake-News- und Fake-Med-Flut im Internet etwas entgegensetzen. Während die Stadt Bautzen noch überlegt, ob sie sich von der Verleihung des „Bautzener Friedenspreises“ an Daniele Ganser, Verschwörungsideologe extraordinaire, distanzieren soll, haben Blogger und Vlogger schon sein „Werk“, dessen zersetzende Wirkung sich nur in der Gesamtschau erschließt, auseinander genommen, wieder zusammengesetzt und dokumentiert. Ohne ihren Einsatz hätten die Entscheider heute nur die Vorträge und Veröffentlichungen von Ganser zur Hand. Da er seine Gesinnung nicht rausbrüllt, wäre noch nicht mal die offene Diskussion über die demokratiezersetzende Wirkung von Verschwörungsideologen wie Ganser möglich. Xavier Naidoo, der sich trotz Texten wie „Baron Tothschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock is’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.“ nicht als Antisemiten bezeichnet sehen will, tritt dieser Wahrnehmung nicht etwa entgegen, indem er Projekte gegen Antisemitismus und Rassismus finanziell unterstützt, sondern indem er sie verklagt.

Auch abseits des rechten Randes erweisen sich unsere Wiki-Bewohner als klagefreudig, teilweise aus Überzeugung, teilweise, weil die Einschüchterung funktioniert und sie so ihre Geschäftsinteressen schützen können. Nikolaus Klehr gelang es, sich das halbe Internet sauber zu klagen und er hätte beinahe Psiram gekillt (das war der Moment, als der Eule ihr sonniges Gemüt verloren ging). Die Freie-Energie-Schwurbler von Rosch machen Wolfgang Süß das Leben zur Hölle. Suzanne Grieger-Langer, von uns liebevoll Gundel Gaukeley getauft, hat aus ihrem Feldzug gegen Bärbel Schwertfeger, die ihre missbräuchliche Aneignung von Referenzen thematisierte, ein abendfüllendes Programm gemacht, das sich teilweise in Veranstaltungshallen, teilweise in Gerichtssälen abspielt.

 

Auch Grander-Wasser klagte. Gegen eben jenen eingangs erwähnten Erich Eder. Und anders als Hevert, die mit ihren Aufforderungen Unterlassungserklärungen abzugeben, zwar ganz gewaltig mit den Flügeln schlugen und laut gackerten, aber ohnehin kein Ei gelegt hätten, zog Grander es wirklich durch. Der Rechtsstreit zog sich über unglaubliche 13 Jahre und da man, wie viele von uns schmerzhaft wissen, in der Wissenschaft nicht reich wird, war über den gesamten Zeitraum Eders Existenz bedroht. Am Ende unterlag Eder in der letzten Instanz und musste die Prozesskosten tragen. Wohlgemerkt: Er unterlag nicht, weil Grander plötzlich den behaupteten Wasserschwurbel wissenschaftlich belegen konnte, sondern aufgrund von Details, die mit der Kernfrage nichts zu tun hatten. Die bereits errungenen Siege für die Redefreiheit behielten Bestand: Die Aussage „Grander-Wasser ist aus dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unsinn“ ist gerichtlich abgesegnet und kann in einem Atemzug mit „Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus“ gesagt werden.

Sie haben Anwälte, wir haben Ideen.

Hevert hat vielleicht von seinem Marketing-Gag profitiert, aber die entfesselte Kreativität vor allem der Twitteria holte das Thema „Homöopathie“ auf Agenda – später als in anderen Ländern, aber nicht zu spät, um die Homöopathie nicht als Fuß in der Tür zu mehr Rationalität betrachten zu können. Zusammen mit der Homöopathie drängten andere Aspekte der Schwurbelmedizin ins öffentliche Bewusstsein. Heilpraktiker und Impfgegner werden heute nicht mehr unbedingt als „Alternative“, sondern vielmehr als das was sie sind, gesehen: Eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Sogar das Wort „Alternative“ ist heute nicht mehr so positiv besetzt wie noch vor ein paar Jahren, denn es setzt sich das Bewusstsein durch, dass es keine Alternative zur Medizin gibt, so dass sich Schwurbelmediziner zunehmend bemühen … nun ja … „Alternativen“ zu finden.

Für Eder wurde mit dem Hashtag #nichtmundtot ein Crowdfunding organisiert und das führt uns zur berechtigt stolzgeschwellten Brust der Eule, nämlich dem (für uns) besten, allerbesten Moment am Abend der Preisverleihung: Mehrere Dutzend Menschen, die mehr oder weniger unisono skandierten, wofür Eder gekämpft hat: Grander-Wasser ist aus dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unsinn.

Für diejenigen unter euch, die – so wie wir auch – nicht dabei sein konnten, hier der Direktlink mit Zeitstempel: https://youtu.be/MlS79f-hlPg?t=436

Zum Teilen auf Twitter, Facebook, TikTok, Instagram und wenn es sein muss, auch auf Pinterest.

Vergesst nicht, Grander-Wasser zu adden. 😉

Mehr zum Thema:

  1. RainerO
    22. Dezember 2019, 10:50 | #1

    Was den „Marketing-Gag“ von Hevert betrifft: Zumindest in der Apotheke meiner Frau zog der nicht. Als kürzlich eine Pharmareferentin, die auch deren Mittel im Sortiment hat, zu Besuch kam, bat meine Frau mit dem Hinweis auf das Goldene Brett, im Katalog die Stelle mit den Hevert-Mitteln rasch zu überblättern.

  2. Skepsis
    23. Dezember 2019, 09:42 | #2

    @RainerO
    Leider gibt’s zu wenige Apotheker wie Deine Frau. In allen Apotheken, an denen ich so vorbei komme, gibt es irgendeinen Werbeaufsteller für „sanfte Homöpathie“-Pseudopräparate u.ä.
    Meine persönliche Erfahrung: Ich habe häufiger mit Prellungen und blauen Flecken zu tun (das ist die natürliche Folge meiner sportlichen Betätigungen ;)). Wenn ich dann deswegen mal wieder in der Apotheke gehe erlaube ich mir den Spaß, nicht konkret nach einem Präparat(Heparin- oder Voltarensalbe o.ä.) zu fragen, sondern nur ein „Was ham’se denn?“ in den Raum zu stellen. So gut wie immer werden dann Traumeel-Salbe oder Arnika-Zuckerkügelchen angeboten. Wenn ich dann entgegne „Haben Sie auch ein wirksames Arzneimittel dagegen?“ ist die Reaktion fast immer ein leicht beleidigter Verweis auf die Hunderschaften zufriedener Kunden oder eigener Erfahrungen.
    Gruß

  3. RainerO
    23. Dezember 2019, 11:15 | #3

    @ Skepsis
    In Österreich ist das sehr unterschiedlich. Es gibt die absoluten Eso-Hochburgen, wie die berühmt, berüchtigte Apotheke zur Kaiserkrone in Wien, aber auch durchaus solche, die Homöopathie et al nicht offensiv bewerben und auch nur auf Verlangen herausgeben. Von den letzten drei Apotheken, in denen sie gearbeitet hat, hielten zwei der Betreiber nichts von Zauberzucker und Konsorten. Bei einigen Ihrer Studienkolleginnen, zu denen sie immer noch freundschaftlichen Kontakt pflegt, sieht es ähnlich aus. Es besteht also Hoffnung.

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