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Der Einfluss der Religionen

Man hört ja sehr oft das Argument, dass der Papst in Afrika mit seinem Kondomverbot riesigen Schaden anrichtet, weil die Position der Kirche zu Verhütungsmitteln eine Katastrophe ist. Nicht nur wegen AIDS, sondern auch wegen der Bevölkerungsentwicklung. Dass diese Position aus Sicht von Vernunft und Ethik zu verurteilen ist, daran besteht für uns kein Zweifel. Und Aussagen afrikanischer Priester und Bischöfe, die behaupten, dass Kondome nicht schützen und sogar mit HIV verseucht sind, kann man nur als ekelhaft bezeichnen.

Aber dieses Problem, diese Thematik betrifft nicht nur das Christentum – speziell auch islamisch-fundamentalistische Gruppierungen sind nicht für ihren Einsatz für die Frauenrechte bekannt.

In diesem Sinne stellt sich natürlich die Frage: wie groß ist der Einfluss der Religionen? Wie viel Macht haben sie tatsächlich im Schlafzimmer? In Bezug auf Frauenrechte? Hans Rosling betrachtet den Punkt Sex in einer Rede in Qatar und setzt Religionen und Fruchtbarkeit in einen Kontext. Und was findet er? Dass die Macht der Religionen begrenzt ist.

(Untertitel in 27 Sprachen verfügbar)

Mit seiner Gapminder-Software versucht er, Korrelationen zwischen Religion und Bevölkerungsentwicklung sichtbar zu machen. Und stellt fest, dass es keine Korrelation gibt. Es gibt einige klare Korrelationen, z.B. zwischen Kindersterblichkeit und Bevölkerungswachstum, wie er in mehreren TED-Talks bereits aufgezeigt hat. Aber die Religion scheint wenig Einfluss insgesamt zu haben. Das ist natürlich kein Beweis, durch eine fehlende Korrelation kann man keinen fehlenden Zusammenhang belegen, aber es ist doch ein wichtiges Indiz.

Genauso untersuchte die Wissenschaftlerin Dalia Mogahed, Autorin von Who Speaks For Islam?: What a Billion Muslims Really Think, wie es zum arabischen Frühling kam. Der Vortrag ist recht spannend und sehenswert, da er einen Blick auf ein Ägypten zeigt, wie man es selten sieht. Er ist voller Hoffnung, dass der arabische Frühling im Volk verankert ist, dass die Menschen sich Freiheit wünschen. Und dass dieser Wunsch, dieser Gedanke stark ist und sich hoffentlich durchsetzen wird. Gegen Ende ihrer Rede geht sie auf Frauen und Frauenrechte ein:

Ein ganzes Drittel derer, die sich Panzern und Tränengas entgegenstellten, um Freiheit und Gerechtigkeit in Ägypten zu verlangen, waren Frauen. In dem Video beantwortet Frau Mogahed folgende Fragen: „Was treibt die männliche Unterstützung für Frauenrechte voran?“ „Wie sieht es mit der Meinung von Männern zu Religion und Recht aus? Formt die Meinung eines Mannes über die Rolle von Religion in der Politik seinen Blick auf Frauenrechte?“ Die Antwort ist: Nein.

Ausschlaggebend für männliche Unterstützung von Frauenrechten ist der Beschäftigungsgrad der Männer, ihr Bildungsstand und wie hoch der Wohlstandsindikator des Landes ist. Sie folgert, dass menschliche Entwicklung und nicht Säkularisierung der Schlüssel zur Ermächtigung der Frauen beim Wandel des Nahen Ostens ist.

Als ein weiteres Beispiel dafür, dass Religionen wenig Auswirkung auf das Schlafzimmerverhalten des Menschen haben, kann man vielleicht die Agenda „Kein Sex vor der Ehe“ sehen, die sich diverse kirchliche Organisationen an die Fahnen geheftet haben. Wie Untersuchungen zeigen, ist ein solches Moralprogramm nicht effektiv. Die Korrelation ist sogar umgekehrt, religiöse Gegenden haben höhere Geburtenraten bei Teenagern. Die Aufforderung, keinen Sex zu haben, hat kaum Wirkung, die fehlende Sexualerziehung schon.

Interessanterweise: wenn man auf den moralischen Tonfall verzichtet und rationale Gründe für Abstinenz aufzeigt, könnte ein Abstinenzprogramm durchaus wirksam sein. Wenn man Menschen überzeugt, handeln sie offenbar eher richtig, als wenn man ihnen eine verbotene Frucht vor die Nase hängt.

Um den Kreis zu HIV/Aids und Religionen zu schließen: wie sieht es dort aus? Eine Umfrage aus London unter Afrikanern kommt zu interessanten Ergebnissen. Obwohl die häufigen Kirchengeher fanden, dass „Glaube allein HIV heilen kann“ und 5% angaben, dass es geringeren Glauben impliziert, wenn man auf Medikamente vertraut, hatte der Glaube doch keinen Einfluss darauf ob sich die Leute auf HIV testen und behandeln ließen.

Eine ähnliche Studie in Tanzania fand, dass 80,8% glaubten, Gebete können HIV heilen, aber 93,7% erklärten, dass sie eine Behandlung beginnen werden, wenn sie infiziert werden.

Religion und religiöse Führer haben aber sehr wohl Einfluss auf das „Stigma“, infiziert zu sein und darauf, ob die Infektion geheim gehalten wird oder nicht. Religiöse Führer könnten hier sehr viel tun, um die Situation der Kranken zu verbessern, damit diese sich nicht im Geheimen behandeln lassen müssen und von der Gemeinschaft stattdessen Unterstützung erhalten.

Die Entscheidung, sich testen und behandeln zu lassen, hängt nach diesen Studien vor allem von Ausbildungsgrad und Wissen über die Behandlung ab, weniger von religiöser Einstellung. Vielleicht richten Papst und Kirchen weniger Schaden an, als man befürchtet.

Sorgen wir also für gute Ausbildung, bei uns und auch in den ärmeren Ländern, der Rest kommt vielleicht von selbst. Übrigens: Der Zusammenhang zwischen Ausbildungsgrad und Religiosität wurde auch schon untersucht. Für die Religionen weniger erfreulich.

  1. geheim
    2. September 2012, 12:29 | #1

    Generell kann man dir zustimmen und das ist eine gute Sache. Trotzdem muss man sagen, dass jede AIDS-Infektion eine zu viel ist und dass daher jede dieser kirchlichen Aktionen eine moralische Schande sind. In den scheinbar positiven Prozentzahlen stecken nämlich hunderttausende oder gar millionen tragische menschliche Schicksale, die vermeidbar gewesen wären.

  2. 2. September 2012, 12:43 | #2

    Wunderbarer Beitrag. Rosling zeigt, was deskriptive Statistik leisten kann.
    Und insgesamt wieder einmal: Die differenzierte Beschäftigung mit „facts and figures“ ist durch nichts anderes zu ersetzen – das gilt für Feind wie Freund.

  3. 2. September 2012, 12:45 | #3

    (und @geheim hat natürlich auch Recht, leider)

  4. Mr. Bojangles
    2. September 2012, 13:22 | #4

    @geheim, Gisela: Ja, klar. Der Artikel sollte die Aussagen/Standpunkte der religiösen Würdenträger auch nicht verharmlosen. Dazu könnte man natürlich auch viel schreiben, haben wir auch schon getan siehe z.B.:
    https://blog.psiram.com/2011/11/pastoren-versprechen-hivaids-heilungen-mindestens-6-todesopfer/

  5. echt?
    2. September 2012, 19:55 | #5

    Die einzige Chanche der Menschheit ist BILDUNG!

  6. MagicGuitar
    9. September 2012, 18:15 | #6

    Warum eigentlich glauben, wenn man die Beweise doch vor sich hat? Ich muss ja auch nicht daran glauben, dass ich auf einer Tastatur tippe, ich fühle und sehe sie ja. Also warum können diese religiösen Schwachköpfe nicht einfach darauf hören? Wozu sonst sollte Gott uns mit Intelligenz ausstatten, wenn wir nichts anderes zu tun brauchen, als beten?

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