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Heimwerken für den Weltfrieden

John* hat zwei kleine Elektromotoren in seiner Ersatzteilkiste gefunden. Ein Voltmeter, an einen dieser Motoren angeschlossen, zeigt eine elektrische Spannung an, wenn er an der Welle dreht. Daraus muss sich doch etwas machen lassen. Diese Spannung, denkt er sich, sollte eigentlich ausreichen, um den zweiten Motor anzutreiben. Damit ließe sich dann wiederum die Welle des ersten Motors in Drehung versetzen. Auf diese Weise würde sein System ständig arbeiten und könnte so Kraftwerke und Fahrzeuge mit Leistung versorgen, sinniert er in einem der vielen Overunity-Foren.

Dreht es sich?Zuerst ist es nur eine eingescannte Bleistiftzeichnung, die Harry* den anderen Mitgliedern der Bastler-Community stolz vorführt: Ein Wasserbad mit kleinen Kugeln, die wie eine Perlenkette miteinander verbunden sind und über ein Rad führen. Durch eine Trennwand mit einem abgedichteten Loch für die Kugeln ist der Wasserpegel auf der einen Seite des Beckens höher als auf der anderen. Da sei es doch logisch, meint Harry, dass die Kugeln auf der Seite mit dem höheren Wasserstand mehr Auftrieb erfahren und sich in Bewegung setzen. Sein virtuelles Publikum ermuntert ihn begeistert, einen Prototypen zu bauen und Fotos davon hochzuladen.

Fred* ist da schon weiter: Er hat eine drehbare Scheibe mit Magneten bestückt und ein Video produziert, das ihn mit einem weiteren Magneten in der Hand zeigt, mit welchem er die Scheibe, ohne sie zu berühren, beschleunigt. Dafür erntet er große Anerkennung. Wenn es ihm nun gelänge, diesen Magneten so zu positionieren, dass die Magnete sich ständig abstoßen, wäre ihm der Sieg gegen die Physik gewiss. Allerdings muss er noch auf seine eBay-Bestellung warten. Extra starke Seltene-ErdenMagnete hat er gekauft, für knapp zwei Dollar das Stück.

Sie sind zahlreich, meistens männlich, unterschiedlichen Alters, verfügen über eine mittlere bis niedrige Qualifikation und haben eines gemeinsam: Den unerschütterlichen Glauben daran, dass sie eines Tages die Welt von der Sklaverei der Energiekonzerne erlösen werden. Dann wird jeder Haushalt ein kleines, unabhängiges und preiswertes Kraftwerk im Keller stehen haben, das endlos Wärme und Strom produziert, ohne dafür irgendwelchen Kraftstoff zu benötigen.

Der Traum von der immerwährend laufenden Maschine ohne Energiezufuhr ist so alt wie die Verwendung von Maschinen zur Verrichtung von Arbeit, etwa das Wasserrad oder die Windmühle. Eine der ältesten Geschichten erzählt vom Erfinder Johann Bessler, der Anfang des 18. Jahrhunderts ein Gerät präsentierte, das angeblich nur durch die Gravitationskraft angetrieben wurde. Bis heute hat die Sage von Besslers Geheimnis viele Anhänger, welche einen alten Zaubertrick für bare Münze nehmen und überzeugt sind, das Rad lasse sich realisieren, wenn man nur hinter das wirkliche Funktionsprinzip käme. Da helfen auch Erklärungen von Physikern nichts, dass zur Verrichtung von Arbeit immer ein Energiegefälle erforderlich sei, welches alleine durch die Schwerkraft nicht gegeben ist.

In den letzten Jahren gaben sich jedoch immer mehr der Perpetuum-mobile-Bauer soweit geschlagen, dass sie nicht mehr behaupten, Energie aus dem Nichts erzeugen zu können. Daher wird inzwischen vermehrt auf die Existenz verborgener Energiequellen gesetzt, sei es aus einem Paralleluniversum, höheren Dimensionen, der Dunklen Materie oder eben „irgendwas mit Quanten„. Neuerdings wird auch das Higgs-Boson als Träger unbekannter Krafteffekte benannt. Die Tricks, um diese geheimnisvollen Quellen anzuzapfen, werden immer raffinierter. Manche versuchen es mit Elektrolyse zur Gewinnung eines angeblich kosmisch energetisierten Wasserstoff-Sauerstoff-Gemischs, andere wiederum sind überzeugt, dass der Physiker und Elektrotechniker Nikola Tesla in der Lage war, mit speziellen Antennen die Kraft des Universums, die so genannte Raumenergie, zu bündeln, um damit sein Auto anzutreiben. Leider, so heißt es, habe er das Geheimnis mit ins Grab genommen, in welches ihn eine Verschwörung seiner Gegner und Neider gebracht habe. Magnete sind ebenfalls nach wie vor sehr beliebt in der Overunity-Szene, bergen sie doch scheinbar unerklärliche Kräfte, die es ihnen erlauben, ohne erkennbare äußere Einflüsse an Kühlschranktüren zu haften.

Sterling D. Allan, nach eigenen Angaben studierter Mikrobiologe, lebt in einer kleinen Öko-Community in Utah und ist seit vielen Jahren ein enthusiastischer Förderer dieser Szene. Er hat eigens zur Dokumentation der neuesten paraphysikalischen Errungenschaften ein Wiki angelegt und informiert auf seiner News-Seite ständig über aktuelle Entwicklungen – darunter viele vollmundige Ankündigungen von eher undurchsichtigen Unternehmern, die auf der Jagd nach Investorengeldern sind, bis hin zu offenkundigen Betrügereien, die gelegentlich schon zu Verurteilungen führten. Der Durchbruch, die endgültige Energierevolution, scheint zum Greifen nah. Immer neue Hoffnungen lassen Wellen der Begeisterung durch die Bastlergemeinschaft gehen. Viele private Blogs, ja sogar die eine oder andere unabhängige Nachrichtenseite zitieren Allans Beiträge. Die Tatsache, dass Allan seit der Gründung des Wikis im Jahr 2003 noch keinen – auch noch so winzigen – Erfolg in Form einer nachprüfbar funktionierenden Erfindung vorzuweisen hat, wird dagegen weitgehend ignoriert. Gelegentlich rinnt ein leises Raunen durch die Overunity-Blogosphäre, dass „Big Oil“ oder die „Men in Black“ mal wieder einen Erfolg verhindert haben, aber ein paar Tage später wird schon die nächste eierlegende Wollmilchsau durch’s globale Dorf getrieben. Das alles scheint Allans Begeisterung für diese Parallelwelt jedoch nicht zu beeinträchtigen – immerhin lebt er inzwischen von Beratungshonoraren, Provisionen und Spenden seiner treuen Anhänger.

So weit, so unterhaltsam. Grundsätzlich kann doch niemand etwas dagegen haben, wenn sich technikinteressierte Menschen mit Experimenten befassen, auch wenn diese nicht zu einem greifbaren Erfolg führen können, oder? Schlimmstenfalls geben die Bastler irgendwann enttäuscht auf und widmen sich einem anderen Hobby, nicht ohne einige persönliche und fachliche Erkenntnisse mitzunehmen. Das ist nicht das Problem.

Schwierig wird es jedoch, wenn skrupellose Geschäftemacher auf diesen Zug aufspringen und gezielt Hoffnungen, Ängste und Träume argloser Menschen für eigene finanzielle Interessen nutzen. Da werden nicht nur harmlose Magnetspielzeuge vermarktet, sondern gleich der Stein der Weisen verkauft, Tickets für Antigravitations-Reisen ins All angeboten und die Heilung schwerster Krankheiten versprochen – wie es aktuell der iranische Geschäftsmann Mehran Tavakoli Keshe mit seiner belgischen „Keshe Foundation“ versucht. Das bunte Grüppchen der Energie-Befreier läuft derartigen Rattenfängern begeistert hinterher und verbreitet deren Botschaft, hilft ihnen also dabei, schneller an ihre Opfer zu kommen und treibt ihnen die kleinen Fische direkt ins weit geöffnete Maul. Leichtgläubige sind leichte Beute.

Auch bei der Rettung der Welt darf das kritische Denken nicht zu kurz kommen. Sie wird sonst ein exklusives Vergnügen für jene, gegen die die für alles offenen Technik-Idealisten so fleißig kämpfen: die geld- und machtsüchtigen Egoisten.

(* Namen und Geschichten sind frei erfunden, aber deswegen nicht weniger realistisch.)

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  1. Robert
    9. September 2012, 20:00 | #1

    Schöner Artikel!

    Und das wird so weitergehen. Mit jeder Spritpreiserhöhung werden die cranks aktiver und aufdringlicher, und potentielle Opfer bereit in jeden Quatsch Geld zu investieren. (Siehe GFE-Skandal in Nürnberg, der Prozess beginnt demnächst).

    Was aktuelles: jetzt wird gerade verbreitet, dass der Scheiningenieur Andrea Rossi aus Italien mit der Siemans AG zusammenarbeite um einen kalte-Fusion Reaktor zu entwickeln. Zu hören auf einer Art Konferenz in Zürich der Firma Transaltec von Adolf Schneider. Was ist dran? Wohl nichts. Seit Februar wird behauptet Siemans arbeite mit Rossi zusammen. Einem Journalisten konnte die Siemans Presseabteilung nichts mitteilen. Wahr ist allerdings, dass Siemens Dampf-Turbinen mit hohem Wirkungsgrad für kleine bis mittlere Leistungen anbietet. Der Wirkungsgrad soll bei etwa 30% liegen. Offenbar hat Rossi bei Siemens nach diesen Turbinen angefragt und man hat vielleicht nichts ahnend das Turbinensystem angeboten. Das ganze ist auch egal: auf der heutigen Züricher Konferenz soll nämlich ein unbekannter Untersucher der Raktor gerade mal eine Verdoppelung der zugeführten elektrischen Leistung als Wärmeleistung attestiert haben (wg fehlender Veröffentlichung sowieso eigentlich wertlos). Nach diesen Angaben wäre die Turbinenlösung allerdings nichts weiter als ein teurer Stromfresser.

    Frage in die Runde: kennt jemand einen Journalisten, der Siemans nach einer Zusammenarbeit mit Andrea Rossi befragen kann?

  2. 9. September 2012, 20:41 | #2

    Seine bisherigen Aktivitäten haben gezeigt: Für Rossi heißt „Zuammenarbeit“, wenn er bei einer Firma anruft und nach einer Preisliste fragt. Es lohnt sich inzwischen nicht mehr, jedem Unsinn, den er behauptet, mit investigativem Eifer nachzulaufen. Einfach warten. Das erledigt sich von selbst.

    Hier kümmert sich übrigens jemand sehr intensiv um das Thema: http://shutdownrossi.com/

  3. Lachhaft
    10. September 2012, 06:50 | #3

    „Sie sind zahlreich, meistens männlich, unterschiedlichen Alters, verfügen über eine mittlere bis niedrige Qualifikation“.
    Achja, schön wie sich „Geschichte wiederholt. icxh kann gerade bildlich vor mir sehen, wie sich die hohe Priesterschaft im neuen testament vom gemeinen Volk abgrenzt.

  4. Piepser
    10. September 2012, 08:56 | #4

    Ich würde vorschlagen die Linkliste zur Aufklärung noch um folgenden Link zu ergänzen:

    http://www.hp-gramatke.de/perpetuum/index.htm

    Eine wirklich wunderbare Seite die über das Phänomen „Perpetuum Mobilie“und ein paar andere Dinge informiert. Gut gemacht, leicht verständlich, da sollten eigentlich sogar die „Overunity-Fans“ noch ein paar Grundlagen lernen können.

  5. 10. September 2012, 13:45 | #5

    Also da ist jetzt wohl eine Klage angebracht!

    ICH habe das gleiche schon vor knapp 20 Jahren erfunden.
    Sch… Schade das es nicht funktioniert hat.

  6. 10. September 2012, 17:51 | #6

    Piepser :

    Ich würde vorschlagen die Linkliste zur Aufklärung noch um folgenden Link zu ergänzen:

    Stimmt, der fehlt noch. Danke.

  7. Ringding
    10. September 2012, 21:23 | #7

    Ich persönlich denke mir sehr gerne hin und wieder Perpetum Mobiles aus.
    Ist ne sehr gute Denkübung zum finden eigener Schwächen im physikalischen Weltbild, wenn man es widerlegt.
    Schließlich steigt der grad der Komplexität des Gedanken Perpetuums mit dem eigenen Wissen an und zeigt einem immer schön die Lücken die man noch selber hat.

  8. Robert
    10. September 2012, 23:39 | #8

    Gerade gibts was neues zu berichten: eine schwedische Investorengruppe, die 63 Millionen in den Rossi ECAT investieren wollte, hat sich zurückgezogen. Grund: bei einem Test versagte der vermessene Reaktor, schwedische Prüfer konnte nur eine Erwärmung durch elektrische Heizleistung feststellen. Rossi mass bei gleicher Gelegenheit nur ein Drittel der elektrischen Heizleistung.

    Links:

    http://ecatnews.com/?p=2417
    http://www.e-catworld.com/2012/09/nyteknik-reports-on-halted-swedish-investment-in-hydrofusion-following-tests/
    http://www.nyteknik.se/nyheter/energi_miljo/energi/article3535258.ece

  9. 12. September 2012, 17:55 | #9

    Gerade gefunden – ein typisches Zitat, wie es bei den Energie-Befreiern oft vorkommt:

    ANY continuing resistance to the validity of LENR is ABSURD. In the same way any resistance to our own evidence of measured anomalies is ABSURD.

    It’s like the Berlin Wall. When this tumbles – then that will be that. NO MORE will we, the public, be in a position to be CONNED by our energy monopolists. And unless they’re UTTERLY stupid – they’d do well to climb onto this band wagon. That is, if they want to engage in continuing energy production. But likely as not they’ll lose all interest now that it can no longer be MONOPOLISED.

  10. 14. September 2012, 00:10 | #10

    wunderschöner Artikel. der es auf den Punkt bringt.

    Denen ihre Physiknoten würde ich uch mal wissen wollen.

    Und dabei ist es heutzutage so einfach, unabhängig von den Energiekonzernen zu werden: Solaranlage aufs Fach, Speicher in den Keller und schon kann man damit den Haushalt versorgen oder sogar Auto fahren. Ganz ohne Humbug!!

  11. 14. September 2012, 00:12 | #11

    Fach -> Dach

    Mist, editieren geht hier nicht.

  12. 1337Gamershit
    1. Oktober 2013, 15:38 | #12

    Oh man. Esowatch wurde auch verboten weil ihr hier nur am Hetzen seid. Lächerlich diese Seite. Turtur hat es belegt. Raumenergie ist existent. Dumme Scheisse ist das hier.

  13. 1. Oktober 2013, 15:50 | #13

    @ 1337Gamershit
    Esowatch wurde verboten? Wann denn? Und von wem?

    Und wenn das hier alles so „Dumme Scheisse“ ist, dann macht es Dir doch bestimmt nichts aus uns Unwissenden ein wenig Licht zu spenden und mal eine Definition zu liefern, was „Raumenergie“ denn nun eigentlich genau ist. Mir zum Beispiel ist das nämlich noch nicht so ganz klar geworden.

  14. Groucho
    1. Oktober 2013, 17:51 | #14

    @Mephisto: Also, seit Esowatch verboten wurde, läuft mein Raumenergiekonverter nach Turtur super. Ich muss nur so ein Ding mit zwei metallischen Stiften in geeignete Wandöffnungen stecken.

  15. 1. Oktober 2013, 17:59 | #15

    @ Groucho
    Ach so! „Raumenergie“ … im Gegensatz zu „Freiluftenergie“ … Verstehe! 🙂

  1. 7. April 2019, 19:01 | #1

Spamschutz: Setzen Sie einen Haken im ersten Kästchen

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