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Hamersche Herde in Wiesbaden – die Germanische Neue Medizin on tour

Pilhar

Ein Gastbeitrag von Sigrid Herrmann-Marschall:

Antisemitismus aktuell – ein Besuch bei einer Vortragsveranstaltung Helmut Pilhars am 08.11.2013

Helmut Pilhar, die Nummer 2 der „Germanischen Neuen Medizin“ (GNM) oder neuerdings schlicht „Germanische Heilkunde“ genannt, tourt seit vielen Jahren als Handlungsreisender. Ziel dieser Reisen durch ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich ist nicht nur der Absatz der Bücher von Ryke Geerd Hamer, sondern auch durch die Einnahmen aus den Veranstaltungen der Broterwerb. Pilhar hat eine österreichische Gewerbezulassung, die sich auf den Vertrieb von Büchern und Medien bezieht. Die Zulassung ist also sehr tieffliegend für die medizinische Hochstapelei, die in Vorträgen und Seminaren angeboten wird. Profitabel sind dabei neben den Einführungsveranstaltungen, die aktuell 10 Euro Eintritt kosten, die nachfolgenden Tagesseminare, die pro Teilnehmer 60 Euro einbringen. Der Hinweis auf die Veranstaltung wurde über seinen Newsletter verbreitet. Im Vorfeld hatte es einen Bericht des Wiesbadener Kuriers gegeben, in dem die Geschichte der „Germanischen Neuen Medizin“ dargestellt wurde und vor den Folgen gewarnt. In Reaktion auf diesen Bericht hatte Pilhar einen aktuellen Newsletter versandt, in dem er aus seiner Haltung gegen die „jüdische Schulmedizin“ keinen Hehl macht.

Am 08.11.2013 finden etwa 50 Teilnehmer den Weg in eine Halle in Wiesbaden-Biebrich. Pilhar, leger gekleidet, steht am Eingang und begrüßt den einen oder anderen Zuhörer persönlich. Sein großer Rottweiler ist an einer Säule angeleint. Das Publikum ist überwiegend älter, überwiegend weiblich, aber auch etliche jüngere Frauen, für die das Impfen der Kinder noch aktuelles Thema sein könnte. Vorne hat Pilhar seine Vortrags-Ausrüstung aufgebaut, ein lebensgroßes Gehirn aus Plastik ruht neben Beamer und Rechner.

Mit Verspätung beginnt er seinen Vortrag und redet sich umgehend in Fahrt. Er schildert den Fall seiner Tochter und wie ihn die Medien nach seiner Wahrnehmung in die Enge trieben.
Pilhar wirft ein Bild nach dem anderen an die Wand, oft mit viel Text, so dass die Zuhörer neben dem, was er sagt, kaum lesen können, was da steht. Er ist mittlerweile sehr geübt darin, diese Inhalte zu verbreiten. Zwischenfragen sind nicht gestattet. Das Publikum murrt nicht, wenn ihm bizarre Dinge wie ein angeblich krankmachender „Brocken-Konflikt“ und seine Folgen am farbigen Beispiel des kleinen Sohnes, der um seinen Schokoladen-Osterhasen bangt, vorgesetzt werden. Kein Protest auch, wenn von „linkshufigen Hirschen“ geredet wird oder wenn Anzüglichkeiten über das generelle Verhalten von Männern und Frauen vorgebracht werden (von denen es an diesem Abend reichlich gibt – immer angeblich „biologisch“ begründet).

Pilhar, das wird deutlich, glaubt tatsächlich daran und lebt den Zuhörern vor, wie sie auf diese Weise Krankheiten „diagnostizieren“ können und schon im Entstehen gegenwirken. Er betont, dass es „bei 40.000 Fällen“ keine Widerlegung gäbe und ausnahmslos jede Erkrankung jenseits von Unfällen und Vergiftungen so zu erkennen und zu behandeln sei. Krebs wie Schnupfen, alles eins: Psychisch bedingt und daher psychisch anzugehen. Der Krankheitsprozess wird in Heilungsphase umgetauft. In der Welt Pilhars gibt es keine Onkogene, keine krankmachenden Erreger, keine Stoffwechselerkrankungen.

Dafür gibt es das „Megaverbrechen Chemotherapie“, vergiftende Impfungen, „Todeschips“.

Bilder von CT-Aufnahmen werden gezeigt und erläutert. Artefakte werden zu „Hamerschen Herden“ umgedeutet, Erkrankungen direkt aus diesen Artefakten gelesen. Von direkt nachvollziehbaren Fallbeispielen ist die Rede, von Naturgesetzen und Wissenschaftlichkeit. Der Vortrag Pilhars ist gespickt mit sehr vielen medizinischen Fachausdrücken, echten und frei von Hamer erfundenen. Locker gehen Begriffe wie Plattenepithelkarzinom, aber auch Gehirn-Relais oder Althirn-Konflikt über die Lippen. Meist falsch verwendet, meist in einen ganz anderen als den korrekten Zusammenhang gestellt. Er versucht, seinen Vortrag wie einen ernsthaften medizinischen Vortrag zu verkaufen, hantiert mit dem Gehirnmodell. Er bezeichnet sich selbst als „neuen Mediziner“. Beim medizinisch weitgehend ungebildeten Publikum verfehlt das nicht seine Wirkung. Manche Zuhörerinnen sind denn auch sehr beeindruckt, tuscheln nebenan von „so viel medizinischem Wissen an einem Abend“.

Pilhar macht Pausen, um seinen Hund auszuführen. Bei einzelnen kurzen Dialogen mit Anwesenden wird deutlich, dass etliche zur treuen Anhängerschar zählen und schon Seminare bei ihm gebucht haben. Andere sind neu und wollen sich informieren.

Nach dem Vortragsende ermöglicht Pilhar eine Fragerunde. Es werden konkrete Therapieanfragen gestellt, wie z.B. dem zugrunde liegenden Konflikt bei einer Blasenentzündung. Pilhar sieht darin einen Partnerkonflikt. Auf die Frage, wie es denn komme, dass die „Germanische Neue Medizin“ nicht anerkannt sei, wenn sie denn so heilsam und richtig sei, geht ein Stöhnen durch das Publikum. Mehrheitlich wird mit den Augen gerollt „wie man denn so naiv sein könne“. Pilhar holt etwas aus und erläutert die große Verschwörung gegen Hamer, dass „man“ nicht wolle, dass die GNM allen zuteil werde. Ein Mann im Publikum, er outet sich als Arzt, ergänzt, es sei nicht ohne Gefahr für die Approbation möglich, sich zu den Grundprinzipien der GNM zu bekennen. Nachfragen, wer er sei und wo er praktiziere, bleiben ohne Erfolg. Er geht dann bald nebst Gattin.
Bei einer Nachfrage, was denn das „Germanische“ an der „Neuen Medizin“ sei, wird es vollends bizarr: Pilhar zeigt u.a. Bilder von Felsformationen und versucht darzulegen, dass die erkannten Grundprinzipien nach Hamer schon von alters her angewendet worden seien. Dass die „Germanische Neue Medizin“ im Grunde die älteste bekannte Heilweise sei, viel früher bekannt und umgesetzt bei den germanischen Vorfahren.

Gefragt, wie es sich denn mit der Verantwortung für die „Therapie“ verhielte, hält sich Pilhar bedeckt. Er sieht sich nicht in der Verantwortung, er informiere nur und schließlich müsse jeder sich selbst heilen. Die Frage, was denn sei, wenn man „seinen“ Konflikt für eine ernsthafte Erkrankung nicht findet, bleibt unbeantwortet im Raum.

Dann ist wohl jeder selbst schuld.

 

Anmerkung: Pilhar erkannte mich dann doch und debattierte gereizt mit mir, befürchtete einen Artikel bei „Esowatch“, den ich hiermit gerne einreiche. Ich war schon Jahre zuvor in einer Veranstaltung von ihm gewesen und hatte als einzige von damals etwa 80 Zuhörern gegengehalten. Im Nachgang war ich dann von Anhängern bedroht worden. Gegen meinen Willen und trotz meiner ausdrücklichen Warnung, dies sei ohne meine Einwilligung nicht gestattet, ließ er am 08.11. von einem Anhänger ein Foto von mir machen und kam mir dafür näher (wir standen bei der Schluss-Debatte zunächst so 2 m entfernt). Als ein großgewachsener Anhänger einer Fragenden nacheilte, ging ich hinterher, um zu beobachten und ggf. helfen zu können. Durch die Glastür sah ich aber noch, dass sich Pilhar anscheinend weiter über mich aufregte. Das Ganze blieb jenseits des Bildes jedoch rein verbal gereizt bis aggressiv.

Das hessische Magazin „defacto“ berichtete kurz anlässlich dieser Veranstaltung:

„Todesfalle Germanische neue Medizin – Wo sich Judenhass mit Scharlatanerie mischt“

 

  1. editor
    21. November 2013, 12:26 | #1

    Über Pilhar wurde übrigens eine Verwaltungsstrafe verhängt von der Bezirkshauptmannschaft Wr Neustadt, weil er nicht berechtigt ist den von Hamer verliehenen Titel Univ.Doz oder Doz. zu führen.

    Details: http://www.germanische-heilkunde.at/index.php/dokumentation-beitrag-anzeigen/items/bh-wrneustadt-an-hpilhar-univ-doz.html

    Im übrigen haben es deutsche Jugendschutzbehörden geschafft, dass die ursprünglich von der „Germanischen Medizin“ getrennt geführte HP http://www.pilhar.com wegen Jugendgefährdung offline ging. Dann war sie eine Zeit offline, jetzt gehts über Pilhar.com direkt zu der Todessekte.

  2. Abe81
    21. November 2013, 13:47 | #2

    Danke für diesen Bericht und daß die Autorin sich dafür in die Höhle des Löwen gewagt hat. Natürlich sollte Ärzten, die mit sowas behandeln, sofort die Approbation entzogen werden. Und das ist natürlich auch alles zutiefst antisemisch, aber eben nicht sonderlich ‚aktuell‘ – bezogen auf die Transformation des Antisemitismus seit 1945. Das Problem Hamer wird sich bald biologisch lösen und für Epigonen wie den Austro-Faschisten gibt es Gesetze, die ja auch ihre Anwendung finden – deswegen ist Hamer ja auch im Exil. Insofern ist das nichts aktuelles, sondern einfach das immer-gleiche von armen Würstchen, die es leider geschafft haben, bei einigen Menschen einen Nerv zu treffen. ‚aktueller Antisemitismus‘ sieht aber anders aus, wie man z.B. zuletzt in der Badischen Zeitung sehen konnte: http://starke-meinungen.de/blog/2013/11/19/unschuldige-antisemiten/

  3. editor
    21. November 2013, 14:03 | #3

    @abe81
    also in dem link wird Antisemitismus wie folgt definiert

    Das Wesen des Antisemitismus besteht darin, die Juden (oder „den Juden“) für Dinge verantwortlich zu machen, für die sie nichts können. „An allem sind die Juden schuld.“

    Ja und Hamer behauptet dass die „Juden“ seit 25 Jahren seine Medizin erfolgreich verwenden, dass sie das aber geheim halten und daher Millionen Krebskranke indirekt zu Tode kommen.
    Das passt doch genau auf die obige Definition.
    Antisemitismus ist eine notwendige Voraussetzung der Germanischen Medizin. Der Wahn ist ja in sich geschlossen.

  4. chucko
    21. November 2013, 16:43 | #4

    bisher dachte ich immer: holt die kinder da raus, den rest übernimmt die evolution von alleine.
    der ard-bericht zeigt meinen denkfehler: sobald die kinder rausgeholt werden reichen sie die schwachsinns-gene ja auch weiter. ein dillemma.

  5. Groucho
    21. November 2013, 17:39 | #5

    chucko :

    bisher dachte ich immer: holt die kinder da raus, den rest übernimmt die evolution von alleine.
    der ard-bericht zeigt meinen denkfehler: sobald die kinder rausgeholt werden reichen sie die schwachsinns-gene ja auch weiter. ein dillemma.

    Ich wäre da mal etwas weniger zynisch. Die „Schwachsinnsgene“ haben wir alle. Vor der Attraktion einfacher Erklärungen ist keiner gefeit, sie haben ja auch ihren Zweck zur Alltagsbewältigung. In psychischen Notlagen versagt die Ratio meist, und genau das ist es, was diese Quacks ausnutzen.

  6. BerBär
    21. November 2013, 18:20 | #6

    Morgen soll der P. nen Vortrag in Berlin halten, die Tage drauf Seminare.
    Weiss jemand wo man das sich live anschaun kann?

  7. gesine
    21. November 2013, 20:52 | #7

    Damit auch die all die ewig Gestrigen außer mir bequem in den ‚Genuß‘ des HR-clips kommen, dessen url sich (mir Verlaub) idiotischerweise nicht nur beim host, sondern zusätzlich auch noch beim query-string unterscheidet: Hier geht’s zur oldschool-Mediathek.

  8. gesine
    21. November 2013, 21:06 | #8

    Schneller clickFinger^^

    Schönen Dank an die Autorin für ihren Einsatz im ratio-feindlichen Umland.

  9. Sigrid Herrmann-Marschall
    22. November 2013, 07:29 | #9

    @ Abe81:
    Sicher ist die Art des Klischees, dessen sich die GNM bedient, keine aktuelle. Das ist die klassische Verschwörungstheorie, wenn sie auch in der Wucht ihrer Bösartigkeit, immerhin wird Juden unterstellt, Nichtjuden gezielt umzubringen, ein meiner Meinung nach mittlerweile glücklicherweise selten geäußertes Ausmaß zeigt. Mich erschrecken dabei weniger die paranoiden Wahnvorstellungen Hamers – ich halte ihn für seit vielen Jahren an einer unbehandelten Psychose leidend, sondern die Leichtigkeit, mit der Pilhar diese Inhalte Dritten ohne Widerspruch vortragen kann. Da steht keiner auf, da geht keiner raus, da sitzen 50 Menschen und lassen sich in diesen systematisierten Wahn hineinziehen. Ja, es geht primär an diesem Abend um pseudomedizinische Inhalte. Die ganze Konstruktion wird aber wie eine Sandburg in der Flut weggeschwemmt, wenn man die jüdische Verschwörung wegdenkt.

    Ohne Hamers Verfolgungswahn hinsichtlich der Juden wird das Ganze ein kleiner, billiger, vor Neologismen strotzender Ansatz, wie es ihn in der Pseudomedizin häufiger gibt. Erst diese Verquickung von Größen- und Verfolgungswahn macht aus Hamer eine Art Messias, der die „Heilige Medizin“ (in anderen Ländern wird die GNM auch als „Heilige Medizin“ als „Medicina sagrada“ an das Publikum gebracht) den Menschen bringen will. Hamer gegen den Rest der Welt und Pilhar ist sein Prophet.

    Die Aktualität ist dadurch gegeben, dass so etwas in der Gegenwart möglich ist. Dass Menschen im Jahr 2013 dem ungerührt zuhören ohne aufzuschreien. Das war ja kein Treffen von Altnazis, sondern da waren u.a. auch ein Arzt (gut, eigene Angabe) und ein Landschaftsarchitekt darunter, 30-50 jährige, die sich wegen einer leichten und falschen Erklärung für ihre Blasenentzündung oder Schilddrüsenprobleme solche Ungeheuerlichkeiten auftischen lassen. Dies zeigt einmal mehr: Wer bereit ist, einen Bereich der Realität ohne Gegenprüfung zu verlassen, einfach zu glauben, der ist auch für andere ungeprüfte Inhalte offen. Wer Schlüssigkeit nur daran bemisst, dass sie in ganzen Sätzen daherkommt, wer geschlossene Gedankengebäude anziehend findet, ist anfällig.

    Dass es modernere und subtilere Formen des Antisemitismus gibt, ist davon ja völlig unberührt. Insofern danke für den link.

  10. editor
    22. November 2013, 12:11 | #10

    Für jede alternativmedizinische Methode, deren Wirksamkeit nicht belegt ist, oder die Wahngedanken entspringt oder naturwissenschaftlichen Grundgesetzen widerspricht brauchts in erster Linie einen Guru, ob der nun Hamer, Lorber Hahnemann, Hildegard vB, Nowicky (Ukrain) öder Pötter (doppelt destillierte Impfstoffe) oder wie auch immer heisst. Und ist der Guru da, hat ein entsprechendes Auftreten oder hat entsprechendes Schriftliches hinterlassen es gibt immer einige wenige, die ihm folgen- auch wenn es brandgefährlich ist.

    Und es sind immer so viele followers, dass der Guru durch Buchverkäufe, durch Vorträge davon seinen Lebensunterhalt fristen kann- und mitunter leben die gar nicht so schlecht.
    1 kg Unsinn wird jedenfalls teuer verkauft.

  11. ma
    22. November 2013, 14:04 | #11

    Editor, einer Hildegard vB sowas zu unterstellen finde ich einfach nur derb!
    Sie hatte ein enormes Kräuterwissen und wir sollten eigentlich froh darüber sein das sie uns dieses in Form von Schriften hinterlassen hat. Jeder der leugnet das die Natur den Körper heilt, hat einfach keine Ahnung das unser Körper die Natur verkörpert! Aber das ist typisch für so manch Individuen, einfach mit Halbwahrheiten zu kommen. Die Menschen kontrolliert man am besten mit Angst und das wird in unserer Gesellschaft nur allzu oft gemacht, damit sie den Profit Geiern in die Hände laufen. Gesundheit ist keine Frage des Geldes sondern der Selbstverantwortung zu sich selbst.

  12. 22. November 2013, 14:23 | #12

    ma :
    Jeder der leugnet das die Natur den Körper heilt, hat einfach keine Ahnung das unser Körper die Natur verkörpert!

    Wer genau hat das denn hier behauptet?

  13. Waldi
    22. November 2013, 14:42 | #13

    Keine Angst – niemand hier will die Verdienste einer Hildegard von Bingen schmälern. Man sollte nur ein paar Dinge bedenken: Die Kräutermedizin der Hildegard von Bingen spiegelt den Kenntnisstand des 12. Jahrhunderts wieder. Seither hat sich das medizinische Wissen aber massiv erweitert. Einige Behauptungen und Annahmen die sich bei HvB finden, haben sich im Laufe der Zeit als falsch erwiesen. Nebenbei bemerkt: Soweit bekannt, hat HvB viel weniger eigene medizinische Techniken entwickelt als eher das zu ihrer Zeit bekannte Heilwissen zusammengetragen und verschriftlicht – eine wichtige Leistung! Daher kann man heute nachvollziehen, wie Heilkunst im 12. Jahrhundert aussah, was Leute geglaubt haben und wie ihr Kenntnisstand war.
    Das HvB hier auf Psiram des Öfteren mal auftaucht, hat (zumindest würde ich das so sehen) wenig mit ihr selbst zu tun. Einer gelehrten Frau aus dem 12. Jahrhundert dafür zu kritisieren, dass sie nicht den naturwissenschaftlichen Stand des 21. Jahrhunderts hat, wäre ja auch albern. Das Problem mit HvB ist vielmehr, dass ihr Name auf dem Esoterikmarkt als Marke missbraucht wird, indem man auf beliebige Wässerchen, Tinktürchen und Kristallpendelchen ihr Konterfei klebt. Ob das mit dem Hildegard-Label vermarktete Produkt wirklich etwas mit HvB zu tun hat oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle. Ebenso wenig spielt für die profitgierigen Alternativmediziner eine Rolle, ob das was sie den Schriften der HvB entnehmen, sich als haltbar erwiesen hat, oder nicht. Man schwätzt halt auch die weiten Teile aus HvBs Werk nach, die sich durch weitergehende Forschungen als falsch erwiesen haben, weil HvB sich gut verkauft.

  14. editor
    22. November 2013, 16:13 | #14

    @ma

    also ich hatte mal einen Patienten mit Hepatitis C – der hat sich einreden lassen, dass er mit HvB Kräutern besser fährt als mit der antiviralen Therapie nach state of art. Dem gings damals schon schlecht.
    Und da wird halt HvB unzulässigerweise als Ur-Guru vereinnahmt. Genauso wie übrigens Hahnemann der hat ja auch noch nicht gewußt was die Losschmidsche Zahl war und die Hundescheise Globuli und Plutonium C 30 hat er auch nicht erfunden. Als damals guter Beobachter wäre er heute wahrscheinlich ein normaler der EBM verpflichteter Arzt.

  15. Gisander
    22. November 2013, 16:57 | #15

    Jeder der leugnet das die Natur den Körper heilt, hat einfach keine Ahnung das unser Körper die Natur verkörpert!

    „Die Natur“ mag die Entstehung von Leben hervorbringen – individuelles Leben ist ihr herzlich gleichgültig. Umstände, die üppiges Wachstum von Mikroben begünstigen, können für Dich fatal sein. Der Körper verkörpert auch nicht schlechthin „die Natur“, sondern einen winzigen Ausschnitt daraus, der sich gegen fast den ganzen Rest behaupten muss – sonst macht ihm „die Natur“ der Garaus. Leben heißt Überleben, so ist das eben.

  16. Waldi
    22. November 2013, 17:56 | #16

    Zumal „Die Natur“ letztlich ne Art Leerbegriff, da „Natur“ so ziemlich ALLES umfasst. Es gibt ja nichts außerhalb der Natur, von dem wir wüssten. Da ist Uran-Munition letztlich genau so „natürlich“ wie ein Kräutertee 😉

  17. Sigrid Herrmann-Marschall
    22. November 2013, 18:39 | #17

    „einer Hildegard vB sowas zu unterstellen finde ich einfach nur derb! Sie hatte ein enormes Kräuterwissen“

    Aha. Wo steht das? Original gelesen?
    Das ominöse „Kräuterwissen“ sind die zeittypischen Spekulationen, die auf rein äußerlichen Analogien beruhten, durchdrungen von mystischen Eingebungen. Ich sehe da sehr wenig Wissen nach heutigen Maßstäben und sehr viel Glauben. Ich könnte jetzt sagen: Da bitte ich doch um Beleg, aber ich lasse es mal gut sein.

    „und wir sollten eigentlich froh darüber sein das sie uns dieses in Form von Schriften hinterlassen hat.“

    Im zeitlichen Kontext gesehen kein Problem mit dieser Aussage. Aber nun davon auszugehen, dass in den Schriften nun wirklich Gehaltvolles zu finden sei, etwas, das heutiges Wissen, so das echte mitte richtische Chemie und so…, auch nur erreicht, das halte ich doch für – verwegen.

    „Jeder der leugnet das die Natur den Körper heilt, hat einfach keine Ahnung das unser Körper die Natur verkörpert!“

    Er ist so sehr „Natur“, dass dieselbe ihn auch vergehen lässt. Finale Nichtheilung sozusagen. Und nun?

    „Aber das ist typisch für so manch Individuen, einfach mit Halbwahrheiten zu kommen.“

    Wie meinen?

    „Die Menschen kontrolliert man am besten mit Angst und das wird in unserer Gesellschaft nur allzu oft gemacht, damit sie den Profit Geiern in die Hände laufen. Gesundheit ist keine Frage des Geldes sondern der Selbstverantwortung zu sich selbst.“

    Aha. In memoriam Susanne Rehklau. Viel „Selbstverantwortung“, viel Dummheit (der Verantwortlichen), viel Tod.

    Selbstverantwortung heißt bei ernsthaften Erkrankungen, sich zeitnah Hilfe zu holen. Echte Hilfe, nicht solche vorgebliche, ob sie nun von mittelalterlichen Klosterfrauen kommt oder anderen Personen, die außer Wunschdenken und Spekulationen nichts zu bieten haben.

  18. 22. November 2013, 20:58 | #18

    @ Gisander

    So hatte ich das noch nie betrachtet, aber Du hast recht. Das hilft, das mit der Natürlichkeit in Perspektive zu sehen. Klasse zusammengefasst.

  19. Melanie
    22. November 2013, 22:04 | #19

    „Natur“ ist immer schon ein kulturelles Konstrukt gewesen, das je nach historischem oder geographischem Ort mit anderen Inhalten gefüllt wird. DIE Natur als unabhängige Entität gibt es nicht.

    In den Hildegard von Bingen zugewiesenen Schriften ‚Causae et curae‘ und ‚Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum‘ spielen übrigens auch Heilsteine und rigide christliche Sexualmoral eine Rolle, Heilungen sind überhaupt immer vom göttlichen Einfluss abhängig. Ein interessantes historisches Zeugnis, das es wert ist, auch heute noch gelesen zu werden.
    Aber als Grundlage moderner Medizin? Naja…

  20. AlteWeser
    22. November 2013, 23:13 | #20

    ma :Editor,… Jeder der leugnet das die Natur den Körper heilt, hat einfach keine Ahnung das unser Körper die Natur verkörpert!

    Die „Natur“ ist für das einzelne Individuum schlicht und einfach lebensgefährlich. Alle möglichen anderen natürlichen Wesen wollen mich fressen, infizieren, sich in mir vermehren usw usw. Man stelle sich nur einmal vor, wir würden nackt irgendwo ausgesetzt. Ich bin mir sicher, es bereitete uns große Mühe, längere Zeit zu überleben.

  21. Waldi
    22. November 2013, 23:45 | #21

    Melanie :In den Hildegard von Bingen zugewiesenen Schriften ‘Causae et curae’ und ‘Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum’ spielen übrigens auch Heilsteine und rigide christliche Sexualmoral eine Rolle, Heilungen sind überhaupt immer vom göttlichen Einfluss abhängig. Ein interessantes historisches Zeugnis, das es wert ist, auch heute noch gelesen zu werden. Aber als Grundlage moderner Medizin? Naja…

    Ich möchte fast wetten, die rigide Sexualmoral wird von modernen Anbietern der „Hildegard-Medizin“ unter den Teppich gekehrt, da sie sich bei der modernen Kundschaft nur schlecht verkauft. (Genauso wie moderne Homöopathen auch ignorieren, dass laut Hahnemann das Lesen von Romanen dem Heilungsprozess abträglich sind).

  22. Sigrid Herrmann-Marschall
    23. November 2013, 09:01 | #22

    Das ist wohl so, Waldi.
    Bei der „modernen“ Homöopathie wird unterschlagen, dass es den Anhang zum § 260 Organon gibt und so unschöne Dinge wie die Empfehlung des Altmeisters, auf Verbrennungen und Verbrühungen heißes Terpentin zu geben. Bei der hier in Europa als „sanfte Methode“ propagierten TCM werden therapeutische Verbrennungen, Schröpfen und das geriebene Allerlei von Tieren zu magisch-rituellen Heilzwecken, bewusste Zufuhr von Schwermetallen etc. nie erwähnt. Das ist eigentlich bei allen alternativen Methoden so: Da ist jemand, der von „altem Wissen“ ganz neu profitieren will. Der nimmt dann nur das raus, was sich der uninformierten Kundschaft als „sanft“, „natürlich“ usw. verkaufen lässt. Das ist ja das Wesentliche an den „alternativen Methoden“, der Verkauf in einer sensiblen Phase, das Absetzen wirkungsarmer (nehmen wir mal großzügig Placebo hinzu) Produkte und Dienstleistungen, bis entweder die Natur (banale Erkrankungen mit Selbstheilungstendenz, Schübe chronischer Erkrankungen) oder die wissenschaftliche Medizin (alles Ernsthafte) ihren Dienst taten – oder auch nicht.
    Zwischen ritueller Bespassung, „medizinischer“ Kurzweil und Trittbrettfahrerei bei der wiss. Medizin gibt es wenig, denn wenn die Wirksamkeit da ist, wird das Verfahren, das Mittel ja in die wiss. Medizin aufgenommen. Deswegen kommen die „alternativen Methoden“ ja auch nicht ohne Verschwörungstheorien oder bizarre Erklärungsmuster aus. Von Pharma-Verschwörung bis wie hier der großen jüdischen Weltverschwörung, von altem Wissen, das nur exklusiv zugänglich ist bis hin zu „Russischem Geheimlabor“. Alles im Angebot.
    Schon ganz banal der Verbraucherschutz sollte sich dem mehr annehmen.

  23. Hans Wurst
    24. November 2013, 11:13 | #23

    @ Waldi

    Vielen Dank für deinen Kommentar.

  24. REALM
    24. November 2013, 15:55 | #24

    @ Sigrid Herrmann-Marschall

    >>Da steht keiner auf, da geht keiner raus, da sitzen 50 Menschen und lassen sich in diesen systematisierten Wahn hineinziehen. Ja, es geht primär an diesem Abend um pseudomedizinische Inhalte. Die ganze Konstruktion wird aber wie eine Sandburg in der Flut weggeschwemmt, wenn man die jüdische Verschwörung wegdenkt.<<<

    Also ich hab selber so ein Seminar besucht, volle 3Tage, es war kaum erträglich.
    Abseits des Antisemitismus, welcher ja als Krücke herhalten muss ist der überwiegende Rest Schwachsinn, sollte man meinen. Doch dem ist eben nicht so, denn wie schön erwähnt waren auch hier überwiegend Frauen als TeilnehmerInnen vorhanden. ALLE Frauen waren in esoterischen "Berufen" tätig, mit Gewerbeschein als Energetiker so nennt sich das in Österreich, also Betrug am Menschen ganz offiziell.
    Auch ein Arzt war dabei der seinen Aussagne nach schon lange damit arbeitet.
    Da beisst sich die Katze in den Schwanz, wenn Mediziner ebenso sich dieses GNM-Themas annehmen und danach arbeiten, ist es kein Wunder dass der Normalsterbliche auch diesen Schwachsinn glaubt. Doch Ärzte behandeln ja auch mit anderen pseudo Methoden die von der Ärztekammer gefördert werden, warum dann nicht mit der GNM.
    Armes Europa, mit der Antisemitismuskeule gegen Heiler kommt man nicht an, das ist die gleiche Methode die Hamer verwendet.
    Der einzige Trost ist, dass in Österreich fast keine GNM Gruppen mehr existieren.

  25. Sigrid Herrmann-Marschall
    24. November 2013, 19:37 | #25

    REALM, schreiben Sie mir doch mal. Ich wüsste gerne mehr:
    hema@promed-ev.de

  26. Johannes9126
    25. November 2013, 14:45 | #26

    @ AlteWeser
    „Man stelle sich nur einmal vor, wir würden nackt irgendwo ausgesetzt. Ich bin mir sicher, es bereitete uns große Mühe, längere Zeit zu überleben.“

    Da gibt es eine Serie auf Discovery, nennt sich „naked and afraid“, da müssen je 2 Leute 21 Tage ohne alles ind er Wildnis überleben.

  27. editor
    26. November 2013, 10:17 | #27

    @ Realm,

    also ich bezweifle, dass es in Ö fast keine GNM-Gruppen mehr gibt. Die sind abgetaucht. Vor einigen Jahren waren die ja noch öffentlich einzusehen – damals ca 90 Gruppen.

    Aber es ist ein Skandal, dass die Ärztekammern GNM nahe Ärzte wie Dr Nathalie Wohlgemuth – das ist die die verkündet dass sich Bakterien, Pilze und Viren bei Bedarf ineinander umwandeln-(wurde mal in kritisch gedacht abgehandelt) nicht rausschmeissen.

    Und es ist auch richtig, vor 30 Jahren gabs in der Apotheke noch Betablocker im Schaufenster, nun gibts rescue Tropfen und sonstiges Schwurbelzeugs. Parallel dazu gibts Jodeldiplome der Ärztekammern von Homöopathie bis Quantenmedizin. Ethisch höchst bedenklich aber Pecunia non olet.

  28. REALM
    27. November 2013, 21:10 | #28

    @ editor

    ..bezweifle ruhig, doch es ist so, wenn man die GNM in Österreich genauer verfolgt ernennt man einen „Richtungskampf“ zwischen den Kontrahenten Björn Eybl und Helmut Pilhar. Die Seminar/Vortragstätigkeit ist in den letzten beiden Jahren stark rückläufig.
    Ich hoffe dass es so weitergeht, mit der langsamen Erodierung der GNM. Die einzige Sorge die ich wirklich habe sind die Ärzte, wie ja auch in den Science-Blogs bei Berger nachzulesen ist. Es gibt ja auch Ärzte die sich nicht zu schade sind, sowas wie „ärztlich geprüfte Aromatherapeutin“ zu vergeben.
    http://www.tips.at/zeitungneu/?ausgabe=Wels&page=zeitung.php?page_id=279&ausgabe=TIW
    Seite 8
    So einfach beginnt der Irrsinn, allerdings die Ausbildung dafür staalich gefördert durch AMS, AK und Land O.Ö.!

  29. editor
    28. November 2013, 11:17 | #29

    Na dann hoffen wir das Beste, dass der Richtungskampf der GNMler diese zerbröselt. So wie das BZÖ/FPÖ/PKK oder wie sie auch immer in Kärnten heißen.
    Aber inzwischen mischt ja Dr Stefan Lanka („Impfen Völkermord im 3.Jahrtausend“) auch mit- hält Vorträge über GNM in Österreich.
    Und die http://www.initiative.cc eine hard core Impfgegnergruppe und Hamer Anhänger sind ja auch noch aktiv.

    Aromatherapeutin klingt ja nett- aber auch ohne jegliche Ausbildung kann doch ein Normalo für sich feststellen, dass Thymian besser als Scheisse riecht- oder?

    Und zu den Ärzten- ja da müßte die Ärztekammer durchgreifen- tut sie aber nicht.

  30. TH
    24. August 2014, 22:37 | #30

    Durch die BeTeWi-Akademie
    http://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2014/06/24/die-betewi-akademie-fur-neues-wissen-in-der-neuen-zeit/
    kam heraus, wo sich die Germanischen Heilkundler in Wiesbaden regelmäßig treffen:
    http://www.regionalvision-wiesbaden.de/veranstaltungen/

    U.a. finden bei diesem Verein auch Veranstaltungen der „Exilregierung Deutsches Reich“ statt.

    Die BeTeWi-Akademie will übrigens im November im Städt. Gemeinschaftshaus in Wiesbaden-Bierstadt einen Workshop durchführen, u.a. mit der MMS Schwarze Salbe.

  31. TH
    27. August 2014, 12:49 | #31

    Hier haben wir dann auch die Chefin des Wiesbadener GNM-Studienkreises, Heilpraktikerin
    Huguette Schatz

    http://www.regionalvision-wiesbaden.de/regionalgeld/heilpraktikerin-gnm/

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