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10 tote Babies durch homöopathisches Zahnprodukt

21. Februar 2017 65 Kommentare

Man denkt ja, dass einen nichts mehr überraschen kann, aber es passiert doch immer wieder, dass man sich fragt: Wie, wie nur? Jedem, der sich auch nur minimal mit dem Thema und der wissenschaftlichen Beweislage auseinandergesetzt hat, weiß: Homöopathie ist völlig wirkungslos. Und dann liest man von 10 toten und 400 toten kranken Kindern durch homöopathische Mittelchen.

Gepaart mit einer offensichtlich außerordentlichen Berufung zur Inkompetenz, schafft man es offenbar sogar als Homöopathie-Hersteller, ein tatsächlich direkt tödliches Produkt abzufüllen. Meine Güte.

Die FDA (US-Behörde für Arzneimittelsicherheit) sah sich letztes Jahr gezwungen, insgesamt 400 Fälle von kranken und sogar 10 Fälle von verstorbenen Kleinkindern zu untersuchen. Verdächtigt wurde ein homöopathisches Produkt, welches das Zahnen erleichtern soll.

Bereits 2010 hatte die FDA eine Warnung vor dem Mittel herausgegeben, der Hersteller Hyland’s hätte also durchaus Motivation und Gelegenheit haben können, die Sicherheit der im Normalfall überteuerten Süßigkeiten sicherzustellen.

Im September 2016 warnte die FDA dann aufgrund der gehäuften Todes und Krankheitsfälle erneut vor den homöopathischen Tabletten und dem Gel, was aber Hyland’s nicht davon abhielt, das Zeug weiter an den Mann zu bringen. Auf ihrer Webseite schrieben sie groß:

There is no current recall of Hyland’s Baby Teething Tablets … Hyland’s Baby Teething Tablets have safely treated the pain associated with teething for more than 85 years. There is NO scientific link between homeopathically-prepared belladonna, or Hyland’s Baby Teething Tablets, and seizures.

Es gibt derzeit keinen Rückruf, immerhin verkaufen sie es schon seit 85 Jahren erfolgreich. Nun, wir glauben ihnen ja, dass es keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen homöopathisch „korrekt“ präpariertem Was-auch-immer (inklusive Tollkirsche und Plutonium) und Krampfanfällen gibt. Homöopathische Mittel zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie keinerlei Wirkstoff mehr enthalten und daraus folgend gar nicht wirksam sein können. Daher kann ja gar nichts passieren. Ähnliches hat sich übrigens wohl auch der Homöopathika-Produzent Nelson gedacht, bis Glassplitter hinein gerieten.

Vor 2 Wochen bestätigte die FDA dann, dass tatsächlich erhöhte Mengen von Belladonna, der Schwarzen Tollkirsche, in Hyland’s Teething Gel gefunden wurden.

Hyland’s ist aber offenbar noch immer der Meinung, dass es keinen endgültigen Beweis gibt, dass ihre Tabletten Kinder krank machen und sogar umbringen. Man hat zwar zugegeben, es gäbe gewisse „Inkonsistenzen“ bei den in den Tabletten gefundenen Giftstoffen, aber diese lägen nicht im gefährlichen Bereich und ihre Produkte seien absolut sicher. Und die über 400 Fälle und zehn toten Kleinkinder sind sicher purer Zufall.

Inkonsistenzen also. Hmm. Nun, die FDA hat die Ergebnisse einer Stichprobe veröffentlicht. Die Mehrzahl war zwar harmlos, aber das Spektrum der Ergebnisse ist doch erschreckend. Die Bandbreite ging von 0 (das heißt, nicht nachweisbar) bis 1100 ng Atropin bei 8 geprüften Tabletten EINER Charge. Scopolamin schwankte von 0 bis 390 ng.

Bei einem pharmazeutischen Herstellungsprozess dürfen nur winzige Abweichungen bei den Wirkstoffen auftreten. Auf keinen Fall Unterschiede Faktor 1000. Hyland’s selbst gibt die Menge an Inhaltsstoffen mit „0.0000000000002 mg of Belladonna alkaloids“, d.h. mit 0,2 Millionstel Nanogramm an, was bedeutet, dass die gewünschte Menge Milliardenfach überschritten wurde.

Die Grenzwerte für Atropin liegen in der EU bei 1000 ng/kg (wir vermuten, in den USA sind sie ähnlich). Mit einer solchen Tablette hätte ein Kleinkind also bereits einen signifikanten Anteil der als sicher erachteten Tagesdosis zu sich genommen. Als vorgeschlagene Dosierung findet man 2-3 Tabletten vier mal am Tag. Damit überschreitet man den Grenzwert mit etwas Pech leicht, wenn man mehrere Tabletten mit überhöhter Menge erwischt. Dazu kommt, dass die Inhaltsmenge offenbar völlig zufällig ist, sie könnte bei einzelnen Tabletten noch wesentlich höher liegen.

Die FDA hat ja nur zwei Chargen untersucht und schon dabei enorme Unterschiede gemessen. Diese Messungen dürften also nur die Spitze des Eisbergs darstellen. In jedem Fall gehören solche Fabriken stillgelegt. Entweder sie stellen sicher, dass (messbar) keine Tollkirsche mehr in keinem einzigen ihrer überteuerten Fläschchen zu finden ist, oder sie werden dicht gemacht.

Und während Hyland’s sich dagegen wehrt, dass ihr Zeug (wie gesagt, abgesehen von kleineren „Inkonsistenzen“ absolut sicher! Ganz ehrlich!) von der FDA vom Markt genommen wurde, hat sich auch schon das „National Center for Homeopathy“, ein Dachverband für Homöopathie in den USA, vergleichbar mit dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte e.V., eingeschaltet und meint dazu:

„The homeopathic community is deeply concerned about the actions of both of these agencies and has formed a task force to identify the most strategic and appropriate collective course of action. We will share more information about how individuals in the homeopathic community can support this effort if and when it is determined that a broader community response is appropriate.“

Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Man ist besorgt über das Vorgehen der beiden Behörden (hier sind die FDA und die Handelsaufsicht FTC gemeint) und wird eine Task Force gründen, die das beste strategische und passende gemeinsame Vorgehen identifizieren wird. Wie darf man das verstehen? Man ist besorgt darüber, dass die US-Behörden so gemein sind und man wird sich dagegen wehren, oder wie? Nach hilfreicher Unterstützung der Untersuchung hört sich das jedenfalls nicht an.

Liebe Homöopathen. Bitte. Bitte. Bitte. Wenn ihr schon etwas verschütteln müsst, dann verschüttelt bitte Sternenlicht oder meinetwegen Entenleber wie Boiron. Aber lasst das mit den wirklich gefährlichen Sachen bleiben. Warum muss es gerade Tollkirsche beim Zahnen sein? Ist doch sogar nach der reinen Leere Schwachsinn.

Den Schmerz beim Zahnen verursachen Zähne. Zermahlt ein paar Zähne. Das schlimmste, was euch bei falscher Dosierung passieren kann: es könnte ein wenig knirschen, wenn man in die Tabletten beißt. Und wenn ihr Zähne von Enten nehmt, könnt ihr euch sogar die Ente mit Boiron teilen. Aber bitte keine giftigen Substanzen. Keine Tollkirschen. Kein Plutonium. Kein HIV. Und so Sachen wie Hundekot und faules Rindfleisch lasst bitte auch bleiben. Nehmt Vakuum. Zucker. Wasser. Nur absolut harmlose Dinge.

Seht es ein, Ihr seid nicht kompetent genug, mit gefährlichen Dingen zu hantieren. Zehn tote Kinder sind mehr als zu viel. Danke.

Homöopathische Erkenntnisse von Boiron

15. November 2012 36 Kommentare

Boiron, ein Hersteller homöopathischer Präparate, hat mal wieder eine Studie veröffentlicht, die ganz im Sinne des Erfinders die üblich verdünnten homöopathischen Erkenntnisse liefert.

Boiron ist ja in Deutschland im Wesentlichen unbekannt; Aufsehen haben sie nur voriges Jahr kurz erregt, als sie dem Betreiber des italienischen Blogs B-log(0) gerichtlich drohten. Er hatte ihre „Entenleber C200“, sogar für den Homöopathie-Markt ein wahrhaft lächerliches Produkt, in seinem Blog verrissen. Aufgrund des Shitstorms, der darauf ausbrach, gab Boiron kurz darauf klein bei.

In der aktuell von dem gerichtlich leicht gebeutelten Pharmakonzern veröffentlichten Studie wird so einiges behauptet, was Edzard Ernst bewogen hat, auf seinem Blog eine kleine Besprechung der Studie zu schreiben. Mehr…

Homöopathie-Riese Heel und das unschöne Gerede

14. August 2012 19 Kommentare

Wenn man sich den Homöopathie-Riesen Heel anschaut, muss man sagen: Respekt. 184 Millionen Euro Umsatz 2010 sind kein Pappenstiel.

Heel hat es in den letzten 20 Jahren zumeist sehr gut verstanden, den Ball flach zu halten und nicht zu oft aufzufallen. Zwar eckt man gelegentlich etwas an – so wurde Heel von der FDA 2005 verwarnt, weil sie fünf Grippeprodukte, darunter eine „homöopathische Grippeimpfung“, mit nicht haltbaren Behauptungen beworben hatten – aber so etwas gehört in dieser Branche einfach zum Geschäft. Was soll man machen, wenn man Homöopathie verkauft? Ehrlich sagen wie gut es wirkt?

Insgesamt sind sie dabei aber schlauer vorgegangen als z.B. Boiron, die verklagt wurden und sich mit 5 Millionen Dollar Schadenersatz an die Kunden herausverglichen haben (weitere Verfahren sind anhängig), weil ihre Ente C200 (Entenleber unendlich verdünnt) bei Grippe nicht wirklich was gebracht hat. Ein so völlig bescheuertes Produkt hat Heel einfach nicht im Angebot. Mehr…

Dagobert Duck C200 – Oder wie Boiron seinen Glückstaler verlor

16. August 2011 33 Kommentare

Wieder ist ein Blogger unter Beschuss, diesmal von der multinationalen Firma Boiron, dem weltweit größten Hersteller homöopathischer Produkte. Dieser hat den Blogger mit Klage bedroht. Es wird Zeit, dass auch Boiron den Streisand Effekt kennenlernt um davon zu profitieren.

Der italienische Blogger Samuele Riva hat im Juli zwei Artikel (1 und 2) online gestellt, in denen er die Zuckerkügelchen mit dem Namen Oscillococcinum C200 auf die Schippe nimmt. Oscillococcinum wird als Grippemittel beworben und ist in den USA das meistverkaufte homöopathische Mittelchen. Und jetzt haltet euch fest, das Zeug, das einen Umsatz von 20 Millionen Dollar macht, wird aus Entenleber hergestellt. Also wenn das nicht Quack, Quack, Quacksalberei in Hochpotenz ist …

Naja, das Schöne ist, bei C200 musste vermutlich nicht einmal eine Ente dran glauben. Man nimmt einfach ein Tröpfchen aus einem See, über den mal eine Ente geflogen ist. Im Mittelalter oder so.

Nun, jedenfalls witzelte Samuele darüber, dass kein einziges Molekül von der Ursprungssubstanz mehr drin sein könne. Zur Erinnerung: C200 bedeutet, in einer Verdünnung von 1:10^400. Das sind 400 Nullen! Unser ganzes Universum besteht schätzungsweise aus 10^78 Molekülen. Selbst wenn man kein Stück Leber, sondern unser ganzes Universum verdünnt hätte, wäre schon ganz lange nichts mehr übrig gewesen.

Ist ungefähr so, als wollte man 1 Bonbon unter 10 Leuten aufteilen. Nur sind es nicht 10 Leute oder 100 oder gar 6 Millarden (6*10^9), sondern viel, viel mehr. Selbst wenn man jedes Sonnensystem und jeden Planeten im ganzen Universum mit Milliarden Menschen besiedeln würde, würde dieses Bonbon noch immer reichen müssen.

Boiron reagierte nicht sehr amüsiert darüber, dass jemand Fakten über ihr Produkt schreibt und drohte sofort mit Klage. Ein Brief ging an den Internetprovider mit der Beschwerde, dass die Artikel und Überschriften „untrue and derogatory both of homeopathy and [the] company“ seien und den Ruf der Firma beschädigen.

Nun, damit haben sie jedenfalls eines erreicht: Zu den 150 Leuten, die den Blogbeitrag in den ersten 56 Stunden gelesen haben, haben sich nun einige mehr gesellt und mit diesem Blog hier hoffentlich noch weitere! Über 100 Seiten im Internet, darunter auch das British Medical Journal haben schon berichtet. Je mehr Support dieser Blogger erhält, je mehr Wellen das ganze schlägt desto besser.

Wir von Esowatch bitten daher alle, die dies lesen, sich schamlos bei uns zu bedienen! Bloggt das auch, nehmt die Info von uns, zitiert uns oder zitiert uns nicht, uns ist eines wichtig: Dieser Angriff auf die Redefreiheit und Wissenschaft, auf Wahrheit und Fakten darf nicht durchgehen!

Und gleichzeitig möchten wir Cheerleader für die kommende Klage gegen Boiron spielen und hoffen, dass dieser Prozess verhandelt wird!