Radikale Veganer – auf dem Weg zur VAF?

15. April 2014 54 Kommentare

Idealisten sind seltsame Menschen. Manchmal, zumindest.

Als viele von uns noch viel jünger waren, konstituierte sich eine Gruppe junger Menschen beiderlei Geschlechts, durchaus keine tumben Zeitgenossen: die Mehrzahl in den unterschiedlichsten Richtungen akademisch ausgebildet – Chemie, Medizin, Jurisprudenz, Soziologie, Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Politologie, dazu eine profilierte Publizistin, einige Künstler;  Pfarrerstöchter sogar, fast alle aus „gutem Hause“. Politisch sozialisiert in einer Mischung aus christlichen Jugendgruppen und linksgerichteten Organisationen, einige in offener Rebellion gegen ein als reaktionär begriffenes Elternhaus, hatten sie sich hohe und höchste moralische Maßstäbe angeeignet, die alsbald in Allmachtsvorstellungen einmündeten. Nicht lange und man setzte sich auf dem Weg der Verwirklichung von Idealen des neuen, des wahrhaft freien und besseren Menschen über kleinliche bürgerliche Bedenklichkeiten hinweg, die nur als Auswüchse des „Schweinesystems“ verstanden werden durften. „Natürlich sind es Schweine“ – lautete schließlich die zynische Rechtfertigungsformel für Blutvergießen. Ganz am Anfang brannten nur zwei Kaufhäuser. Die Rede war, man kann es sich denken, von der RAF.

Vor ein paar Tagen tobte in Frankfurt am Main ein seltsamer Mob. Junge Leute beiderlei Geschlechts, offensichtlich nicht prekären oder bildungsfernen Gesellschaftsschichten entstammend, zogen um einen Häuserblock der Innenstadt, unweit der alten Börse. Hohe und höchste moralische Grundsätze trieben sie an, es ging nicht einmal (nur; nur?) um den Menschen, dessen Leib, dessen Seele: es ging zusätzlich um das, was offenbar als der bessere Mensch verstanden wird – ums Tier. Genauer: um dessen Verzehr, um dessen Verarbeitung zu Kleidung und anderen Dingen.

Nun kann man persönlich aus den beachtlichsten Gründen der Überzeugung sein und leben, dass man als Mensch auf Verzehr und sonstige Verwertung des Tiers und seiner Produkte verzichten sollte. Ich persönlich achte und respektiere das, selbst an meiner eigenen Gästetafel, an der Vegetarier und Nichtvegetarier ihren Platz haben und friedlich koexistieren (meistens reden wir über wichtigere Dinge als das). Etwas anderes ist es aber, wenn Moralität und Idealismus in totalitäre Allmachtsvorstellungen umschlagen. Und genau das passierte in Frankfurt.

Ein Ladengeschäft, das Pelzbekleidung anbietet, wurde blockiert, Sprechchöre wurden skandiert: „Schande, Schande, Mörderbande!“; ähnliche Szenen dann vor einem anderen Bekleidungsgeschäft, vor der Filiale eines amerikanischen Presskuh-Imbisses, vor einer Metzgerei; selbst ein Schuhgeschäft fiel den Rasenden zum Opfer, hier wurden Kunden am Betreten gehindert. Eier mit der Aufschrift “Mörder”; ein Fruchtgummi-Laden unter massivem Polizeischutz – man mag es sich kaum vorstellen. Nötigung und Beleidigung im Gros: legal, illegal, scheißegal – man kennt das, wenn’s um die allerhöchsten Werte geht, wer nimmt da schon Rücksicht auf Mördergesellen? Und für den Überbau gibt’s ja auch noch den passenden “Aufruf” im Internet.

Der Gesamtemanzipatorische Ansatz der Demonstration umfasst auch Themen wie Menschenrechte und Umweltschutz. Tierrechts- und Tierbefreiungsarbeit soll als Teil antikapitalistischen und herrschaftsfreien Denkens und Handelns verstanden werden.

Der neunmalkluge Befreiungssprech ist also auch noch der gleiche geblieben.

Seit ein paar Tagen fürchte ich mich ein wenig vor der Entfesselung dieser Idealisten, die mit mir über meine Schuhe reden wollen; mit ihren schrillen Parolen, ihren wütenden Mienen, ihren zum Sprechchor geschürzten Mündern, ihrer totalitären Moral, die im Andersdenkenden selbstredend den Mörder sieht – das „Schwein“ kann es in dieser seltsamen Moral ja nicht gut sein.

Ja, ein klein wenig fürchte ich sie – die Dämmerung einer Veganen Armee Fraktion.

Vandana Shiva: Bauern-Selbstmorde in Indien

13. April 2014 1 Kommentar

Wir haben uns vor ein paar Jahren schon einmal mit den angeblichen 250.000 Selbstmordbauern in Indien befasst. Das Thema wurde ja schon gefühlt endlos zerpflückt, was aber die Verbreiter nicht weiter stört; die Behauptung wird weiter munter wiederholt, Jahr für Jahr.

Vandana Shiva, die die Behauptung jedes Jahr wie ein Mantra wiederholt, hat im Jänner nochmal nachgelegt. Beim Lesen ihres Textes wurde klar, dass es eigentlich mehrere Artikel braucht. Dieser hier beschäftigt sich daher nur mit der Frage der angeblichen Bauernselbstmorde in Baumwollgebieten wegen gentechnisch modifizierter Samen.

Vandana Shiva schreibt:

All studies that try and disconnect suicides in the cotton areas from Monsanto’s seed monopoly take the aggregate national data, not the figures of the regions and states where cotton cultivation and cultivation of Bt cotton is concentrated.

Tatsächlich ist das ein sehr guter Einwand. Die Selbstmordraten indischer Bauern sind statistisch höher als der Durchschnitt; BT-Baumwolle wird aber nur in einem Teil Indiens angebaut, man sollte sich also auf diese Gebiete konzentrieren. Diagramme wie dieses sind eigentlich nicht genau genug: Mehr…

Stefan Lanka und die Existenz der Masernviren

10. April 2014 10 Kommentare

So, heute war der erste Prozesstag, die Schwäbische Zeitung berichtete in einem Liveticker.

Der Liveblog ist sehr lesenswert – bitte beachten: Der Beginn und die meisten Beiträge sind auf Seite zwei.

Der Prozess endete wenig überraschend ohne Entscheidung und es wurde auf den 24. April vertagt; der Anwalt von Herrn Bardens (und auch Herr Bardens selbst) rechnen damit, dass dann ein Sachverständigen-Gutachten in Auftrag gegeben werden wird. Die Schwäbische Zeitung will auch dann wieder einen Liveticker einrichten.

Stefan Lanka wiederum ist überzeugt, dass die Entscheidung nur zu seinen Gunsten ausfallen kann. Er lehnt die Existenz der Masernviren natürlich weiterhin ab und äußerte krude Thesen, dass Masern z.B. durch Vergiftung der Haut von außen, zum Beispiel durch Cremes verursacht werden könnten. Oder Entgiftung über die Haut. Eventuell auch psychosomatisch.

Bei solchen Aussagen geht einem unwillkürlich die Galle über. 2011 gab es weltweit noch immer ca. 160.000 Maserntote (zum Vergleich: 1990 waren es noch ca. 630.000). Die sind also alle an Hautcreme, Entgiftung(?!) und psychosomatischen Leiden gestorben? Oh, Herr Lanka wird diese Zahlen sicher irgendwie wegdichten, mangelnde Fähigkeit zur Realitätsverweigerung scheint ja kein Problem zu sein. Bah.

Insgesamt finden wir es sehr schön, dass nach Sebastian Bartoschek und den Ruhrbaronen diverse Medien das Thema aufgegriffen haben. Es war wohl auch Fernsehen vor Ort. Solcher Mist gedeiht am Besten im Dunkeln, ohne Widerspruch. Diesem Unsinn kann man am Einfachsten die Basis entziehen, wenn in aller Öffentlichkeit als Kommentar mit den Augen gerollt wird.

Homöopathie in Australien unter Druck

10. April 2014 2 Kommentare

Man freut sich zur Zeit ja über die Neuigkeit, dass die Quacksalberuniversität in Traunstein nicht zustande kommt. Laut der offiziellen Erklärung habe ja eine “landesweite Kampagne” der “sog Skeptiker-Bewegung” und “eine Lobby aus Politik und Ärzteverbänden” den Ausschlag gegeben.

Nennen muss man in dem Zusammenhang sicher Chiemgau Gemseneier, als Blogger quasi vor Ort, Norbert Aust, der das Thema bis ins Detail zerpflückt hat und natürlich die GWUP. Dank auch an Feuerwächter, Ausrufer, Freitag, Ratgebernewsblog, Stattschamanen und all die anderen, die da so gemein waren.

Durchaus verständlich, falls der Spaß keinen Anklang gefunden hat: man möchte sich mit einem solchen Blafasel-Studium ja schließlich (ohne zu hohen Aufwand, versteht sich) einen Titel und Achtung kaufen. Wenn die Quacksalber-Akademie dann schon vor der Gründung so unter Beschuss steht und man damit rechnen muss, dass jede einzelne “Vorlesung” zerpflückt wird, senkt das den Spaßfaktor doch beträchtlich.

Die Steinbeis Hochschule Berlin hat inzwischen das Wort Homöopathie von ihren Seiten verschwinden lassen; offenbar ist ihnen die gesteigerte Aufmerksamkeit der letzten Monate durch Skeptiker auch zuviel/unangenehm geworden.

Aber um zum eigentlichen Blog zu kommen: auch andernorts weht den Quacksalbern ein kalter Wind entgegen. Gerade wurde in Australien, passend zur am 10. April startenden ‘Homeopathy Awareness Week’, die Bewertung des National Health & Medical Research Council – der höchstrangigen medizinischen Institution des Landes – veröffentlicht. Mehr…

Stefan Lanka: 100.000 Euro für einen kleinen Beweis …

30. März 2014 20 Kommentare

Regelmäßigen Lesern unseres Blog ist die Szene der Impfkritiker Impfgegner ein Begriff. Ein Vertreter dieser Spezies ist Stefan Lanka. Lanka hat tatsächlich mal promoviert und in der Tat eine Publikation, die dem Peer Review unterlag, als Erstautor vorzuweisen.

Immerhin: anderen fielen solche Ideen beim Melken ein. Danach aber kam er auf merkwürdige Gedanken (Impfkritik, AIDS-Leugnung und GNM). Er gründete mit anderen den Klein-Klein-Verlag, und irgendwann hatte er den besonders klugen Einfall, 100.000 Euro für die Widerlegung seiner Ideen auszuloben. (Gabs schon mal …)

Inzwischen hat ihn jemand beim Wort genommen, sich das ganze noch einmal schriftlich von Lanka bestätigen lassen und dann die 100.000 € für sich reklamiert. Natürlich will Lanka nicht zahlen, der Klein-Klein-Verlag ist aus dem Netz verduftet und die Sache ist vor Gericht…

 

Wir bleiben dran.

Edit:

Sebastian Bartoschek hat einen ausführlicheren Text zum Thema geschrieben: Masern für 100.000 €?

Psiram und die Spiritualität

28. März 2014 37 Kommentare

Vor ein paar Tagen wurden wir gebeten, dem Blog “Woran glauben? – Götter, Quanten, Wirtschaftswachstum” des Bayerischen Rundfunks einige Fragen zur Spiritualität zu beantworten. Es ging wohl darum, jemanden zu befragen, der – und das wird unsere regelmäßigen Leser jetzt sicher überraschen, dass man da an uns gedacht hat – nicht so spirituell eingestellt ist. Unsere Antworten findet man hier:

Spiritualität – Flucht vor der Wirklichkeit oder Weg der Erkenntnis?

Spiritualität ist ein schwammiger Begriff, ähnlich wie Esoterik, und es fällt uns irgendwie schwer, etwas dazu zu sagen.

Es gibt offenbar Menschen, denen transzendente Dinge Freude oder Trost spenden. Die nach Erkenntnis und Wahrheiten bei geistigen Wesenheiten suchen. Für uns dagegen ist Spiritualität, was auch immer man darunter verstehen mag, weder Weg noch Ziel. Mehr…

Selbst ernannte Skeptiker, raus aus Wikipedia!

27. März 2014 10 Kommentare

Unserem Foristen ajki war ein Beitrag unterlaufen, den wir hier mit seinem freundlichen Einverständnis weiterverwenden:

Neben den esotenüblichen Bestellungen beim Universum [baerbelmohr.de] muß die Ungerechtigkeit der Ignoranz wahrer heilerischer Künste auch anderweitig durchgesetzt werden. Besonders natürlich dort, wo heutzutags kostenfreies Marketing mit hoher Reichweite erzielt werden kann.

Eine solche Plattform ist Wikipedia – dort schlagen alle möglichen Leute weltweit alle möglichen, für sie wichtigen Sachen nach. Deshalb ist es Esoten schon immer wichtig gewesen, in den diversen Artikeln zu ihrem Verkaufskram möglichst positive Texte zu unterhalten – die diversen Edit-Wars auf manchen Seiten sind legendär. Alles, was von einem potentiellen Leser als irgendwie “ungünstig” empfunden werden könnte (vom einfachen “Citation needed” über den Standardvorbehalt “… Effekte nicht nachgewiesen…” bis hin zu den üblichen Kategorisierungen wie “Esoterik” usw.), wird bekämpft, rerverted, ad nauseam diskutiert und in immer wieder neuen Artikelansätzen unter “neuem” Begriff eingestellt.

Der Grund ist natürlich klar: neben öffentlicher “Respektabilität” und Zitierbarkeit ist das reputable Werbung. Mehr…

Norman Borlaug zum Hundertsten Geburtstag – Im Gedenken an Milliarden Leben

24. März 2014 5 Kommentare

There are no miracles in agricultural production. --  Norman Borlaug mit GetreideWir hatten vor einiger Zeit hier im Blog die rhetorische Frage gestellt: Wer kann von sich behaupten, 5 Millionen Menschen das Leben gerettet zu haben? und erhielten prompt die Antwort in den Kommentaren: Norman Borlaug

Ja, klar. Treffer und versenkt. Man könnte höchstens anführen, dass die Antwort nicht stimmt, weil 5 Millionen viel, viel zu niedrig gegriffen sind für das Lebenswerk des Vaters der Grünen Revolution.

Vor 50 Jahren – zu der Zeit, in der Norman Borlaug wirkte -, herrschte große Sorge vor einer Malthusianischen Katastrophe: Hungersnöten, ausgelöst durch das ungebremste Bevölkerungswachstum.

So begann zum Beispiel die Originalausgabe (1968) des Bestsellers “Die Bevölkerungsbombe” mit dem Satz:

The battle to feed all of humanity is over. In the 1970s hundreds of millions of people will starve to death in spite of any crash programs embarked upon now. At this late date nothing can prevent a substantial increase in the world death rate …

Mehr…

Ruqia (Exorzismus) für Anfänger

11. März 2014 6 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Sigrid Herrmann-Marschall

Magisch-mythisches Denken auch in Alltagsfragen findet sich als volkstümliche Nebenerscheinung von einigen Religionen. So werden Hostien Heilkräfte zugeschrieben, ebenso dem Wasser aus Lourdes. Manche Gruppierung setzt auf die heilende Kraft des Gebetes wie viele Pfingstgemeinden. Es wird sich bekreuzigt, es werden Schutzzauber mit Reliquien vollzogen und es werden Heiligenbildchen mitgeführt. Es gibt einen bunten Strauß an Möglichkeiten, wie der ängstliche Mitmensch sich durch Rituale zu beruhigen suchen kann. Wenn es für die Person funktioniert und keine andere Person betroffen ist, so liegt das in ihrer persönlichen Freiheit. Viel Glück, die Person wird es brauchen bei ernsthafter Erkrankung.

Auch der fundamentalistische Islam ist nicht frei davon. Auf diversen Internetseiten finden sich detaillierte Nachfragen, was hinsichtlich einer rituell korrekten Wohnungsreinigung zu beachten ist, wie man  mit Dschinns umzugehen hat  oder ob Haarbürsten aus Schweinehaar benutzt werden dürfen. Obwohl Konzepte wie Gegenzauber und Exorzismus etc. wohl nicht auf den Koran zurückgehen, sondern auf die Sunna und eingebundenen Volksglauben, werden von einigen Strömungen diese Ideen verwendet, ebenso wie das Konzept der Dschinns oder der Zauberei, die sich im Koran wiederfinden. Es hat den Anschein, dass Anhänger fundamentalistischer Richtungen mehr zu Beiritualen neigen. Man könnte es auf die einfache Formel bringen: Mehr Angst, mehr Regelungsbedarf, mehr Abwehrzauber. Mehr…

SkepKon Mai 2014 München

3. März 2014 4 Kommentare

Es ist uns eine Freude, wieder einmal etwas Werbung machen zu dürfen. Und zwar für die Skeptiker Konferenz 2014 in München. Wir kritisieren ja immer wieder gerne Schwachfugveranstaltungen wie die Paracelsus-Messe oder pseudowissenschaftliche “Impfsymposien”, da macht es zwischendurch Spaß, wenn man auf eine Skeptiker-Veranstaltung aufmerksam machen darf!

skepkon14
Die SkepKon 2014 findet dieses Jahr vom Donnerstag, 29. bis Samstag, 31. Mai 2014 in München statt und wird von der GWUP organisiert.

 

 
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