Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW12, 2017)

26. März 2017 1 Kommentar

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Gesundheit und Medizin

 

Humanistischer Pressedienst: Negativpreis – Dr. Jens Baas erhält „Bremsklotz des Monats“

Die Partei der Humanisten verleiht den sogenannten „Bremsklotz des Monats“ an Techniker-Vorstandsvorsitzenden Dr. Jens Baas für das vorsätzliche Ignorieren wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Nichtwirksamkeit von Homöopathie.

 

Skeptical Raptor: Chronic Lyme disease – is there any scientific evidence supporting it?

There is no evidence that chronic Lyme disease is caused by a persistent Lyme disease infection…
Despite this lack of scientific, medical and clinical evidence, a whole cottage industry has arisen to promote the myth of chronic Lyme disease along with selling expensive treatments that have shown little or no clinical efficacy. Furthermore, a whole activist movement that argues that CLD is a real disease, and they can be a vociferous and radical as your every day anti-vaccine activist. In fact, a lot of the arguments are similar between the CLD and anti-vaccine groups – over reliance on anecdotes, cherry picking scientific articles, and claims of some sort of conspiracy

 

Respectful Insolence (ScienceBlogs.com): Massive measles outbreak in Romania: A warning to the US?

When it comes to the measles, antivaxers love to repeat a series of talking points. One is that measles is not a dangerous disease and was considered a normal part of childhood 50 or 60 years ago. This is what I like to refer to as the “Brady Bunch” gambit, mainly because antivaxers who try to make this argument often invoke an episode of The Brady Bunch from 1969, Is There a Doctor in the House?, in which all six kids contract the measles within a day of each other.

 

FOCUS Online: Globuli gegen Heuschnupfen können gesundheitsgefährdende Folgen haben

Viele behandeln ihre Beschwerden gerne mit Globuli. Doch gerade bei allergischem Schnupfen ist das keine gute Idee, warnt ein Kinderarzt. Mit jedem Jahr, in dem die sogenannte Pollinose nicht gezielt behandelt wird, steigt das Risiko für allergisches Asthma.

 

Spectator Health: Prince Charles’s homeopathy for cows: the Royal Society cannot stay silent

Prince Charles told his audience that he had long been worried about the over-use of antibiotics. In fact, he said, ‘it was one of the reasons I converted my farming operation to an organic, or agro-ecological, system over 30 years ago, and why incidentally we have been successfully using homeopathic — yes, homeopathic — treatments for my cattle and sheep as part of a programme to reduce the use of antibiotics…

 

Novo: Jagd auf Ernährungsmythen

Beim Thema Ernährung wird es heutzutage politisch. Zahlreiche Initiativen von staatlicher Politik und NGOs sollen Verbraucher vor vermeintlich ungesunden Lebensmitteln schützen und damit auch vor schweren Krankheiten oder gar dem frühzeitigen Tod. Dabei gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise für die Schädlichkeit dieser Lebensmittel. Das wurde auch auf der jüngsten Novo-Diskussionsveranstaltung am 15. März in Frankfurt deutlich.

Der Diplom-Ernährungswissenschaftler und Buchautor Uwe Knop sprach zum Thema: „Gefährlich ungesund: Zucker, Fleisch & Co. – Konstrukt postfaktischer Filterblasen oder evidenzbasierte Datenlage?“ Sein Fazit: Die Verbraucher werden mit Studien überschüttet, die für sie keinerlei Mehrwert haben.

 

Science-Based Medicine: Another Child Suffers From the Effects of Anti-Vaccine Propaganda…and Tetanus

Last week, news of an Australian 7-year-old diagnosed with a vaccine preventable illness made the rounds. The child had not received a recommended series of vaccines that would have reduced her risk after exposure by about 100%, but this is a common occurrence in New South Wales where childhood immunization rates are below 50% in some areas. Mullumbimby, the birthplace of “rapper” Iggy Azalea and a recent host to a talk by New Age meme generator David Wolfe, in particular is a home to many unprotected children.

 


 

Wissen und Forschung

 

NeuroLogica Blog: The Need for Critical Thinking

One of the (perhaps) good things to come out of the recent political climate in the US is a broader appreciation for the need to teach critical thinking skills. I hope we can capitalize on this new awareness to make some longstanding changes to our culture.

For example, a recent NYT article is titled: “Why People Continue to Believe Objectively False Things,” and begins: “Everyone is entitled to his own opinion, but not his own facts,” goes the saying — one that now seems like a relic of simpler times.

 

Bild der Wisenschaft: Haupt-Krebsursache: Zufällige Kopierfehler

„Warum ich – was habe ich falsch gemacht?“ Diese Frage stellt sich so mancher Krebspatient, denn immer wieder wird gewarnt: Meide Risikofaktoren! Doch auch Menschen, die sich an alle Empfehlungen halten, sind vor Krebs bekanntlich nicht gefeit. „Wir wissen, dass wir Umweltfaktoren wie das Rauchen meiden müssen, um unser Krebsrisiko zu verringern“, sagt Cristian Tomasetti von der Johns Hopkins University in Baltimore. „Weniger bekannt ist hingegen, dass ständig normale Zellen Fehler machen, wenn sie ihre DNA teilen und kopieren, um zwei neue Zellen hervorzubringen. Diese Kopierfehler sind eine wichtige Quelle von Krebsmutationen. Unsere Studie liefert nun die erste Schätzung dazu, wie viele Mutationen durch diese Fehlerquelle verursacht werden“, so der Krebsforscher.

 

Spektrum.de: Gene Editing: Die 5 wichtigsten Fragen zu CRISPR/Cas9

Eine neue Technologie revolutioniert die Gentechnik. Doch hält die Gen-Schere CRISPR/Cas9, was sie zu versprechen scheint? Die Fallstricke lauern in den Details.

 

Salonkolumnisten: Gentechnik und Glyphosat: Es geht nicht um Studien

Wissenschaftliche Studien und Bewertungen spielen für Grüne und Umweltschutzbewegungen nur eine untergeordnete Rolle. Ihnen geht es nicht um Gesundheit und Umwelt, sondern um eine antimodernistische Agenda und die Subventionierung des eigenen Milieus.

 


 

Gesellschaft

 

S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine: Künstliche Intelligenz – Wenn Maschinen über Menschen entscheiden

Kaum ein Feld der Technologie ist so unterschätzt und überschätzt wie künstliche Intelligenz. Maschinen entscheiden nämlich ganz anders, als Menschen es sich ausdenken. Das kann gut oder gruselig sein.

 

Niederrheiners Blog: Niederrheiners Abgesang auf Peter Fitzek

Peter Fitzek startete vielversprechend: „Diplomatische“ Besuche irgendwo in Südamerika, Staatsgründung in Königsrobe, die aber KEINE Krönung war, – nein nein…

Fangen wir anders an: Ich bin in diese Szene eingestiegen kurz nach dem Ende des „Fürstentums Germania“ irgendwann Mitte 2009. Das war das Nonplusultra an freigeistigem/reichsdeppischem unfreiwilligem Humor, welches ich knapp verpasst habe. Und ich war auf der Suche nach einem zweiten Germania und hatte gehofft, es in Fitzeks „Königreich Deutschland“ gefunden zu haben.

 

Salonkolumnisten: Greenpeace ist mal wieder schockiert

Greenpeace Deutschland hat einen Film über eine japanische Familie veröffentlicht, deren Urin auf Pestizide getestet wurde. Nachdem die Familie vollständig auf Bioprodukte umsteigt, ändern sich die Messwerte. Schockierend ist allerdings lediglich, wie aus völlig nichtssagenden Werten eine Lehre gestrickt wird.

 

rbb: Waffen bei „Reichsbürger“ in Fürstenberg beschlagnahmt

Razzia bei einem sogenannten „Reichsbürger“ in Fürstenberg: Die Polizei hat am Montag neun Waffen beschlagnahmt und dem 57-Jährigen ein Waffenbesitzverbot erteilt. Seine Ehefrau war bereits wegen Volksverhetzung in Erscheinung getreten.

 

SZ.de: Razzien gegen „Reichsbürger“ – Waffen und Blankodokumente sichergestellt

Polizei und Justiz sind an diesem Dienstag mit weiteren Razzien gegen die sogenannte Reichsbürgerbewegung vorgegangen. Mehr als 300 Ermittler durchsuchten insgesamt 36 Objekte in Bayern und Rheinland-Pfalz, wie das bayerische Innenministerium in München mitteilte.

 

Humanistischer Pressedienst: Shaq mag es platt

Die Flachwelttheorie ist um einen prominenten Vertreter reicher – Basketball-Superstar Shaquille „Shaq“ O’Neal. In einem von ihm ko-moderierten Podcast bekannte der fünftbeste NBA-Scorer aller Zeiten sich kürzlich zu der Idee, die Erde sei eine Scheibe.

 

Die Presse: Staatsverweigerer von Kärnten nach Slowenien abgeschoben

Ein 57-jähriger deutscher Staatsverweigerer ist in der Nacht auf Donnerstag von der Kärntner Polizei nach Slowenien abgeschoben worden. Der Mann war bei einer Verkehrskontrolle in Villach überprüft worden – dabei wurde festgestellt, dass gegen ihn ein Aufenthaltsverbot und ein Festnahme-Auftrag des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl besteht, teilte die Polizei mit.

 

Spectator Health: Prince Charles’s homeopathy for cows: the Royal Society cannot stay silent

Prince Charles told his audience that he had long been worried about the over-use of antibiotics. In fact, he said, ‘it was one of the reasons I converted my farming operation to an organic, or agro-ecological, system over 30 years ago, and why incidentally we have been successfully using homeopathic — yes, homeopathic — treatments for my cattle and sheep as part of a programme to reduce the use of antibiotics…

 

Der Bund: Ein Verschwörungstheoretiker fürs Leben

Damit Verschwörungstheoretiker künftig unter sich bleiben und ihre Ansichten diskutieren können, ohne Gefahr zu laufen, dass ihr Date hastig das Restaurant verlässt, gibt es nun «Awake Dating»: eine Dating-Seite, die sich an all jene richtet, die glauben, die Mondlandung sei im Fernsehstudio gedreht, die Terroranschläge von 9/11 von der US-Regierung geplant und Barack Obama in Wirklichkeit in Kenia geboren.

 

Wissenschaftsfeuilleton (ScienceBlogs.de): Vom Nutzen des Nutzlosen

In diesen Tagen erscheint bei der Princeton University Press ein schmaler Band mit dem langen Titel “The Usefulness of Useless Knowledge”. Es geht also um den Nutzen von nutzlosem Wissen, und geschrieben hat den wahrlich kurzen Text ein Mann namens Abraham Flexner, der von 1866 bis 1959 lebte und sich als Gründungsdirektor des Instituts for Advanced Studies in Princeton einen Namen gemacht hat, den die Welt besser kennen sollte als etwa den von Donald Trump. Flexner hat das berühmte Institut 1930 auf seinen Weg gebracht und wenige Jahre später Albert Einstein als Mitarbeiter gewinnen können.

 


 

Psiram

 

Blog-Archiv (07/2016): Haschisch für alle

Die scheinbare Paradoxie: Wenn man den Gesetzesentwurf so umformuliert, dass er vernünftig wird, dann stellt sich heraus, dass er überflüssig ist: Dronabinol/Nabilon für Spastik bei MS ist, wie erwähnt, ohnehin schon Kassenleistung. Der Klarheit halber: es gibt genau eine gesicherte Indikation; die genannte. Und diese nicht für Hanfblüten, sondern für das Wirkstoffgemisch. Bei allen anderen ist mehr der Wunsch Vater des Gedankens, wie sich bei nüchterner Betrachtung zeigt (ähnlich sieht es die von der Kammer zitierte Arzneimittelkommission, hier).

 

Neu im Psiram-Wiki:

 


 

Video der Woche

 

Veritasium: Does Water Swirl the Other Way in the Southern Hemisphere?

The idea that water going down a drain or flushed down a toilet swirls in opposite directions in the Northern and Southern Hemispheres has a long history. But few have ever done the experiment. Destin from Smarter Every Day and I performed identical experiments in the Northern and Southern hemispheres. What we found is the direction of water swirl in a toilet, sink, or bathtub is determined by other sources of angular momentum. However if the body of water is big enough, e.g. a kiddy pool, and left still for long enough (at least 24 hours), then the Coriolis effect is observable with water swirling counterclockwise in the Northern hemisphere and clockwise in the Southern hemisphere.

Direktlink: https://www.youtube.com/watch?v=mXaad0rsV38

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Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW11, 2017)

19. März 2017 12 Kommentare

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Werte Krankenversicherungen, wir haben da ein paar ungeklärte Fragen, die uns gerade unlösbare Knoten in den Hirnwindungen verursachen. Letzte Woche haben wir von Euch gehört, dass die Kostenübernahme für Cannabis in der Schmerztherapie Schwierigkeiten verursache, weil es an Wirksamkeitsnachweisen fehle. Wie wir eine Woche zuvor erfahren haben, scheint dieses Kriterium im Falle der Homöopathie jedoch keine Rolle zu spielen. Habt Ihr die Sache noch im Griff? Wir empfehlen, etwas Ordnung in diese Argumentation zu bringen. Unsere Linksammlung möge dabei helfen. Falls nicht, kann es vielleicht Paul Watzlawick richten: Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns
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Wie sieht es mit dem Goldenen Reis aus?

16. März 2017 30 Kommentare

Vor einigen Wochen wurde eine Studie zum Goldenen Reis mit dem schönen Titel „Molecular and Functional Characterization of GR2-R1 Event Based Backcross Derived Lines of Golden Rice in the Genetic Background of a Mega Rice Variety Swarna“ veröffentlicht, die innerhalb von kurzer Zeit zu diversen „Goldener Reis ist ein Fehlschlag“ Meldungen auf gentechnikfeindlichen Webseiten führte. Im deutschen Raum geschah das zum Beispiel durch Christoph Then von Testbiotech, der einmal mehr bewies, dass ein Tierarzt, der seine Dissertation über Homöopathie schrieb, auch zur Gentechnik Nichts zu sagen hat.

Wir wollen das zum Anlass nehmen, das Thema erneut zu beleuchten. Einem Leser, dem das Thema unbekannt ist, sei zum Einstieg der Artikel Goldener Reis – Fluch oder Segen? Ein Faktencheck empfohlen. In Kürze: Beim Goldenen Reis handelt es sich um eine gentechnisch geschaffene Sorte, die helfen soll, den in Südostasien verbreiteten Vitamin-A Mangel zu beseitigen.

Ein auf einem Auge erblindetes indisches Mädchen

Wenn der Reis erfolgreich ist, könnte damit einfach und kostengünstig ein erheblicher Teil des Vitamin-A Bedarfs der Kinder Asiens gedeckt werden. Und das ohne das Risiko einer Vitamin-A Vergiftung, die bei Supplementierung mit Tabletten besteht, da der Reis nur Beta-Karotin enthält, eine Vitamin-A Vorstufe, wie man sie eben von Karotten und anderem Gemüse kennt. Seit 20 Jahren verteilen Hilfsorganisationen jährlich Hunderte Millionen Vitamin-A Tabletten, was Kosten von 500 Millionen Dollar pro Jahr verursacht. Dennoch wurden zum Beispiel 2014 in Bangladesh nur 62,1% der Kleinkinder mit Supplemtierung erreicht.

Eine bessere Lösung wäre daher wünschenswert. Ethisch betrachtet muss man daher jeder guten Idee die Daumen drücken und kann nur hoffen, dass Goldener Reis ein Erfolg wird. Mehr…

Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW10, 2017)

12. März 2017 1 Kommentar

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Spaß mit der Techniker-Krankenkasse: Eine einfache Frage via Twitter löste in der letzten Woche eine interessante Diskussion aus: Wünschen Patienten die Behandlung mit wirkungslosem Zauberzucker auf Kassenkosten? Folgt die Kasse diesem Wunsch, warum werden dann Zahnersatz und Sehhilfe nicht erstattet? Diese Grundsatzdiskussion ist überfällig und will geführt werden: Wissenschaft oder Wunderwunsch – was zählt im Gesundheitswesen mehr?
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Afghanistan: Die glorreichen 65.000

7. März 2017 Keine Kommentare

Bei „Den glorreichen Sieben“ (hier sei auch das „Original“ Die sieben Samurai von Akira Kurosawa empfohlen) handelt es sich um eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die ein armes Dorf gegen üble Banditen verteidigen und die dabei auch einen hohen Blutzoll zu entrichten hat.

In gewisser Hinsicht ist die Situation in Afghanistan ähnlich. Das Land wird von einem grausamen Feind bedroht, der Kinderlähmung. Aber zur Verteidigung der Menschen haben sich nicht sieben Revolverhelden, sondern zehntausende Impfhelfer und Freiwillige, gefunden. Dazu gehören nicht nur die Angestellten der WHO, Ärzte und Menschen die von Haus zu Haus gehen, sondern auch traditionelle Heiler, Mullahs, Bewahrer heiliger Stätten, und auch einfach Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen. Zusammen treten sie an, die Kinderlähmung zurückzuschlagen und ein für alle mal zu besiegen.

Wie auch die glorreichen Sieben hatten sie bereits Opfer zu beklagen. Nicht nur in Afghanistan, auch in den anderen Ländern, wo diese Seuche noch heimisch ist. Bei Anschlägen auf Impfhelfer kamen schon öfter Menschen ums Leben, aber der Erfolg kann sich ebenfalls sehen lassen (PDF, Seite 10).

Noch vor 30 Jahren traf die Kinderlähmung jährlich 350.000 Menschen auf der ganzen Welt. 1988 setzte sich die WHO das Ziel, die Krankheit auszurotten. Und das mit großem Erfolg. Letztes Jahr gab es nur mehr 13 Fälle in Afghanistan, 4 in Nigeria und 20 in Pakistan. Diese drei Länder sind die letzten Landstriche, in denen das Virus noch heimisch ist. Mehr…

Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW09, 2017)

5. März 2017 8 Kommentare

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Wissenschaftlich-kritisch denkende Menschen stehen oft ratlos vor der Frage: „Warum glaubt jemand einen solchen Unsinn?“. In der Tat ist es manchmal schwer nachvollziehbar, warum eindeutige Fakten, sachlich präsentiert und wasserdicht belegt, nicht die gewünschte Wirkung erzielen, nämlich die Überzeugung einer offensichtlich irrgläubigen Person zu ändern. Cornelius Courts hat im Scienceblog „blooD’N’Acid“ diese Woche eine interessante Studie ausgegraben, die einige neue Aspekte und Erkärungen zu diesem Phänomen liefert. Was die Divergenz zwischen Überzeugung und Realität mit der zunehmenden Komplexität der Welt zu tun hat, besprechen Dr. Jan Dreher und Dr. Alexander Kugelstadt im Psychcast. Für weitere Orientierungsansätze soll auch in dieser Psirama-Folge wieder unsere umfangreiche Linksammlung sorgen.
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Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW08, 2017)

26. Februar 2017 7 Kommentare

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Eifrige Psiram-Leser wissen es längst: Fakten checken tut not. Namen und Repuation einer Quelle sind zweitrangig. Wichtig ist, ob der Inhalt einer genaueren Überprüfung stand hält. Das gilt auch (oder ganz besonders), wenn eine Information vom Präsidenten persönlich oder einer Ärztevereinigung mit stark verdünntem Fachwissen kommt. Zu Trainingszwecken enthält unsere wöchentliche Linkparade gelegentlich zweifelhafte oder zumindest diskussionswürdige Inhalte. Wir wünschen viel Spaß bei der Suche, Recherche und dem dabei entstehenden Erkenntnisgewinn.
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10 tote Babies durch homöopathisches Zahnprodukt

21. Februar 2017 52 Kommentare

Man denkt ja, dass einen nichts mehr überraschen kann, aber es passiert doch immer wieder, dass man sich fragt: Wie, wie nur? Jedem, der sich auch nur minimal mit dem Thema und der wissenschaftlichen Beweislage auseinandergesetzt hat, weiß: Homöopathie ist völlig wirkungslos. Und dann liest man von 10 toten und 400 toten kranken Kindern durch homöopathische Mittelchen.

Gepaart mit einer offensichtlich außerordentlichen Berufung zur Inkompetenz, schafft man es offenbar sogar als Homöopathie-Hersteller, ein tatsächlich direkt tödliches Produkt abzufüllen. Meine Güte.

Die FDA (US-Behörde für Arzneimittelsicherheit) sah sich letztes Jahr gezwungen, insgesamt 400 Fälle von kranken und sogar 10 Fälle von verstorbenen Kleinkindern zu untersuchen. Verdächtigt wurde ein homöopathisches Produkt, welches das Zahnen erleichtern soll.

Bereits 2010 hatte die FDA eine Warnung vor dem Mittel herausgegeben, der Hersteller Hyland’s hätte also durchaus Motivation und Gelegenheit haben können, die Sicherheit der im Normalfall überteuerten Süßigkeiten sicherzustellen.

Im September 2016 warnte die FDA dann aufgrund der gehäuften Todes und Krankheitsfälle erneut vor den homöopathischen Tabletten und dem Gel, was aber Hyland’s nicht davon abhielt, das Zeug weiter an den Mann zu bringen. Auf ihrer Webseite schrieben sie groß:

There is no current recall of Hyland’s Baby Teething Tablets … Hyland’s Baby Teething Tablets have safely treated the pain associated with teething for more than 85 years. There is NO scientific link between homeopathically-prepared belladonna, or Hyland’s Baby Teething Tablets, and seizures.

Es gibt derzeit keinen Rückruf, immerhin verkaufen sie es schon seit 85 Jahren erfolgreich. Nun, wir glauben ihnen ja, dass es keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen homöopathisch „korrekt“ präpariertem Was-auch-immer (inklusive Tollkirsche und Plutonium) und Krampfanfällen gibt. Homöopathische Mittel zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie keinerlei Wirkstoff mehr enthalten und daraus folgend gar nicht wirksam sein können. Daher kann ja gar nichts passieren. Ähnliches hat sich übrigens wohl auch der Homöopathika-Produzent Nelson gedacht, bis Glassplitter hinein gerieten.

Vor 2 Wochen bestätigte die FDA dann, dass tatsächlich erhöhte Mengen von Belladonna, der Schwarzen Tollkirsche, in Hyland’s Teething Gel gefunden wurden.

Hyland’s ist aber offenbar noch immer der Meinung, dass es keinen endgültigen Beweis gibt, dass ihre Tabletten Kinder krank machen und sogar umbringen. Man hat zwar zugegeben, es gäbe gewisse „Inkonsistenzen“ bei den in den Tabletten gefundenen Giftstoffen, aber diese lägen nicht im gefährlichen Bereich und ihre Produkte seien absolut sicher. Und die über 400 Fälle und zehn toten Kleinkinder sind sicher purer Zufall.

Inkonsistenzen also. Hmm. Nun, die FDA hat die Ergebnisse einer Stichprobe veröffentlicht. Die Mehrzahl war zwar harmlos, aber das Spektrum der Ergebnisse ist doch erschreckend. Die Bandbreite ging von 0 (das heißt, nicht nachweisbar) bis 1100 ng Atropin bei 8 geprüften Tabletten EINER Charge. Scopolamin schwankte von 0 bis 390 ng.

Bei einem pharmazeutischen Herstellungsprozess dürfen nur winzige Abweichungen bei den Wirkstoffen auftreten. Auf keinen Fall Unterschiede Faktor 1000. Hyland’s selbst gibt die Menge an Inhaltsstoffen mit „0.0000000000002 mg of Belladonna alkaloids“, d.h. mit 0,2 Millionstel Nanogramm an, was bedeutet, dass die gewünschte Menge Milliardenfach überschritten wurde.

Die Grenzwerte für Atropin liegen in der EU bei 1000 ng/kg (wir vermuten, in den USA sind sie ähnlich). Mit einer solchen Tablette hätte ein Kleinkind also bereits einen signifikanten Anteil der als sicher erachteten Tagesdosis zu sich genommen. Als vorgeschlagene Dosierung findet man 2-3 Tabletten vier mal am Tag. Damit überschreitet man den Grenzwert mit etwas Pech leicht, wenn man mehrere Tabletten mit überhöhter Menge erwischt. Dazu kommt, dass die Inhaltsmenge offenbar völlig zufällig ist, sie könnte bei einzelnen Tabletten noch wesentlich höher liegen.

Die FDA hat ja nur zwei Chargen untersucht und schon dabei enorme Unterschiede gemessen. Diese Messungen dürften also nur die Spitze des Eisbergs darstellen. In jedem Fall gehören solche Fabriken stillgelegt. Entweder sie stellen sicher, dass (messbar) keine Tollkirsche mehr in keinem einzigen ihrer überteuerten Fläschchen zu finden ist, oder sie werden dicht gemacht.

Und während Hyland’s sich dagegen wehrt, dass ihr Zeug (wie gesagt, abgesehen von kleineren „Inkonsistenzen“ absolut sicher! Ganz ehrlich!) von der FDA vom Markt genommen wurde, hat sich auch schon das „National Center for Homeopathy“, ein Dachverband für Homöopathie in den USA, vergleichbar mit dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte e.V., eingeschaltet und meint dazu:

„The homeopathic community is deeply concerned about the actions of both of these agencies and has formed a task force to identify the most strategic and appropriate collective course of action. We will share more information about how individuals in the homeopathic community can support this effort if and when it is determined that a broader community response is appropriate.“

Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Man ist besorgt über das Vorgehen der beiden Behörden (hier sind die FDA und die Handelsaufsicht FTC gemeint) und wird eine Task Force gründen, die das beste strategische und passende gemeinsame Vorgehen identifizieren wird. Wie darf man das verstehen? Man ist besorgt darüber, dass die US-Behörden so gemein sind und man wird sich dagegen wehren, oder wie? Nach hilfreicher Unterstützung der Untersuchung hört sich das jedenfalls nicht an.

Liebe Homöopathen. Bitte. Bitte. Bitte. Wenn ihr schon etwas verschütteln müsst, dann verschüttelt bitte Sternenlicht oder meinetwegen Entenleber wie Boiron. Aber lasst das mit den wirklich gefährlichen Sachen bleiben. Warum muss es gerade Tollkirsche beim Zahnen sein? Ist doch sogar nach der reinen Leere Schwachsinn.

Den Schmerz beim Zahnen verursachen Zähne. Zermahlt ein paar Zähne. Das schlimmste, was euch bei falscher Dosierung passieren kann: es könnte ein wenig knirschen, wenn man in die Tabletten beißt. Und wenn ihr Zähne von Enten nehmt, könnt ihr euch sogar die Ente mit Boiron teilen. Aber bitte keine giftigen Substanzen. Keine Tollkirschen. Kein Plutonium. Kein HIV. Und so Sachen wie Hundekot und faules Rindfleisch lasst bitte auch bleiben. Nehmt Vakuum. Zucker. Wasser. Nur absolut harmlose Dinge.

Seht es ein, Ihr seid nicht kompetent genug, mit gefährlichen Dingen zu hantieren. Zehn tote Kinder sind mehr als zu viel. Danke.

Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW07, 2017)

19. Februar 2017 10 Kommentare

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In einigen der letzten Psirama-Folgen fanden sich Meldungen, die – nun – nicht unbedingt von Fakten gedeckt waren. Beschwerden gab es deshalb allerdings keine. Diskussionen, sofern sie stattfanden, drehten sich meistens um Weltanschauungen und Meinungen. Findet vielleicht gerade eine Art Gewöhnung an „alternative Fakten“ statt, die uns dazu bringt, Meldungen weniger kritisch zu hinterfragen oder gar bedenkenlos zu glauben? Sollten wir die Gelegenheit nutzen und das tun, was uns gerne vorgeworfen wird: Lügen verbreiten und die Öffentlichkeit manipulieren? Nein, keine Sorge. Tun wir nicht. Aber behaltet uns trotzdem im Auge, zur Sicherheit 😉
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Was unterscheidet einen Wolf vom Genmais?

14. Februar 2017 24 Kommentare

Eine Antwort lautet kurz und bündig: für Genmais soll das Vorsorgeprinzip gelten, für den Wolf nicht. 

Das Vorsorgeprinzip ist, folgt man der Definition der Wikipedia, ein „wesentlicher Bestandteil der aktuellen Umweltpolitik und Gesundheitspolitik in Europa, nach dem Belastungen bzw. Schäden für die Umwelt bzw. die menschliche Gesundheit im Voraus (trotz unvollständiger Wissensbasis) vermieden oder weitestgehend verringert werden sollen“. Standard der aktuellen umweltpolitischen Diskussion ist dabei seit einigen Jahren sogar die Vermeidung „unbekannter Risiken“, einer extremen Interpretation des „Vorsorgeprinzips“.  

Prinzip ist immer gut, wer lebt schon gerne ohne Grundsätze, und Vorsorge ist mindestens so positiv besetzt, wissen doch alle – zumindest die Älteren – noch aus der Zahnpasta-Reklame, dass Vorsorge besser ist als Bohren. Also meidet der aufrechte Bürger entschlossen die Risiken von Genmais, von denen niemand weiß, worin sie eigentlich bestehen, und zwar genau deshalb, weil niemand es weiß. Es könnte ja trotzdem irgendetwas sein. Mehr…