Ulrich Kutschera: ein Mann sieht rosa

1. August 2017 41 Kommentare

Man kennt das: ein Mensch redet sich in Rage und vertritt am Ende einer Diskussion, in der er sich entweder bedrängt oder bejubelt fühlt, Positionen, die er, hätte er klaren Kopf und einen Rest an Selbstreflektion behalten, zu Anfang niemals vertreten hätte. Selbst ein Jörg Meuthen soll ja einmal ein – konservativer, aber durchaus raisonabler – Nationalökonom gewesen sein.

Ein weiteres Beispiel lässt sich an dem an der Gesamtuniversität Kassel lehrenden Botaniker und Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera studieren. Mit seinen kritischen Anmerkungen zu den um sich greifenden Gender-Theorien und Gender-Ideologien erlangte er eine gewisse Popularität. In der Tat sind viele seiner Bemerkungen in diesem Zusammenhang bedenkenswert, nicht obwohl, sondern gerade weil sie die Objektivität biologischer Fakten gegen die Subjektivität gesellschaftlicher Urteile und Zuschreibungen verteidigen. So weit, so gut – wäre da nicht die Verlockung der falschen Gefolgschaft, die unverhoffte Schützenhilfe wittert; der Reiz, die Dosis der Provokation, die schon einmal für frenetischen Beifall sorgte, noch einmal zu erhöhen. Und so musste es wohl kommen, dass der widerborstige Hochschullehrer der Verlockung, einmal als Tribun des gesunden Volksempfindens aufzutrumpfen, nicht widerstehen konnte. Die sogenannte „Homo-Ehe“ war der Aufhänger, das ultrareligiöse Medium „kath.net“ das Sprachrohr.

Es war dem habilitierten Biologen erklärtermaßen wichtig, seine prinzipiell atheistische und naturwissenschaftlich-materialistische Ausgangsposition in dem Interview vom 3. Juli 2017 klarzustellen:

Als atheistischer Evolutionsforscher bin ich dem christlichen Glauben gegenüber offen und tolerant eingestellt, ohne jedoch Schöpfungsmythen, über Adam und Eva als das erste Menschenpaar, in mein naturalistisches Weltbild aufnehmen zu können. Die offensichtliche Ablehnung der sogenannten „Ehe für alle“, eine Weiterführung des Begriffs „Homo-Ehe“, teile ich.

Weshalb dieses Medium, das Kutscheras Ausgangsposition sonst völlig ablehnt, trotzdem die Chance ergriff, gerade ihn zum Plausch zu bitten, war ihm anscheinend keine Überlegung wert. Und so warf er auf der Woge wohlfeiler Anfeuerungsrufe alle eigentlich angebrachten Bedenklichkeiten auch in sachlicher Hinsicht über Bord. Das Interview geriet genau zu dem Desaster, als das es wahrgenommen wurde.

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Cannabis – Medizin/Sucht/Mythen/Anekdoten … was uns bewegt

29. Juli 2017 36 Kommentare

Groucho,
du fehlst uns

Kaum eine Woche vergeht, in der Cannabis nicht als neues Wundermittel gegen Schmerzen, Depressionen, Schlafstörungen und andere Krankheitsbilder angepriesen wird. Und viele derer, die selbst schon mal konsumiert haben, nehmen dies zum Anlass und melden sich als Experten, oft wenig hilfreich, zu Wort.

Wie auch immer, Tatsache ist, zu diesem viel diskutierten Thema findet sich nur schwer eine neutrale Position. Oft geht es zwischen totaler Ablehnung und absoluter Toleranz. Und daraus folgt die Frage der Ebene, auf welcher diskutiert wird. Im Umgang mit, wie auch in der Diskussion über, psychotrope Substanzen und Sucht werden vielfältige und intensive Gefühle mobilisiert. Ich empfehle jedem vorab, stets auf Psychohygiene zu achten.

Wenn es bei der Diskussion nicht allein darum gehen soll, Gefühle zu artikulieren, dann sollten einige Aspekte beachtet werden, die häufig nicht ausreichend beleuchtet werden.

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Zurück zur Natur!

19. Juli 2017 35 Kommentare

Groucho,
du fehlst uns

Natur ist gütig, Natur ist gesund. Natur ist romantisch und schön, durchwandert in Hightech-Funktionsunterwäsche und Goretex-Overall, durchsegelt in Karbonrümpfen, um ihre Urgewalt zu erleben, ans Ziel geführt von unzähligen Satelliten und einem Heer superschneller Siliziumchips. Natur heilt und pflegt, verpackt in Klarsichtflakons, zum Sonderpreis im Online-Versandhandel, aus China importiert, von indischen Kindern geerntet, zu Säften gepresst und zu Pillen gerollt. Wir sind ungeimpft glücklich, gesund und frei von Chemie, essen ökologisch, vegan, aus nachhaltiger Massenproduktion. Natur gibt uns das neue Superfood, regelt Verdauung und Blutdruck, schützt vor freien Radikalen, entgiftet, entschlackt und entsäuert, erhältlich beim Discounter, mit Chia und Goji oder mit Aktivkohle versetzt. Natur ist entspannend und labend, schön anzusehen durch Dreifachverglasung in polystyrolisolierten Wänden, die Idylle schnell zu erreichen, nur kurz über die Autobahn, man fährt naturbewusst elektrisch oder im neuen Direkteinspritzer mit grüner Plakette, um Pflanzen und Tiere zu bewundern, deren Namen wir nicht einmal kennen.

Natur ist die Sonne, die unsere Haut verbrennt, die Wüste, die uns verdursten lässt, das Eis, das unsere Zehen gefriert, eine endlose und unermüdliche Armee von Viren, Bakterien, Pilzen, Insekten und Parasiten, die nichts lieber täten als unsere Leiber zu verzehren und sich darin einzunisten. Natur ist der Dorn, der unsere Gesichter zerkratzt, auf der Suche nach etwas Essbarem im Unterholz. Natur ist das Raubtier, das im Dickicht verharrt und auf Beute wartet. Natur ist der Fluss, der unser Haus überschwemmt, der Schädling, der die Ernte verdirbt, der Stachel des Skorpions, der uns im Schlaf überrascht. Natur ist die Seuche, die ganze Landstriche entvölkert, Siechtum und Elend bereitet und nicht zu besiegen ist. Diese Natur, die wir so sehr lieben, die Leben spendet, nimmt es auch wieder, wo immer sich die Gelegenheit bietet, und führt uns zurück in ihren immerwährenden Kreislauf, schneller als uns lieb ist.

Es wird Zeit. Wir müssen zurück zur Natur. Dem Laster der Zivilisation entfliehen, wieder eins werden mit Gottes Schöpfung, dem Universum und den Geistern der Ahnen. Aber bitte vollkaskoversichert, vor allen Gefahren bewahrt und mit Highspeed-Internet, um der ganzen Welt davon zu berichten.

Zurück zur Natur!

 

Netzwerke der Abzocker: Ulrich Fricke, der Apostel des Ordens der allheilenden Jungfrau der Vitamine

15. Juli 2017 5 Kommentare

Groucho,
du fehlst uns

Angelehnt an einen älteren Blog-Beitrag hier, Netzwerke der Abzocker, ist es nun mal wieder an der Zeit, ein Thema aufzugreifen, das in der Szene der Scharlatane, Betrüger und Schwurbler ein außerordentlich beliebter und einträglicher Dauerbrenner ist: der Markt der Nahrungsergänzungsmittel, speziell der Vitamine. Es existieren wenige Bereiche, in denen so viele Mythen unterwegs sind, die von unzähligen Akteuren aufrechterhalten und aus kommerziellen Gründen gepflegt werden.
Auf diesem von vornherein nicht durch Seriösität, Transparenz oder belegte Aussagen gekennzeichneten Markt der Vitalstoffe tummeln sich noch einige Black Mambas, die selbst dort auffallen. Wir wollen uns eine davon, die bisher unter dem Radar geflogen bzw. gekrochen ist, aber durchaus Potenzial zur Szene-Ikone hat, und auch ihren Arbeitgeber etwas näher ansehen.

Die Rede ist von Ulrich „the great white Hope“ Fricke, seines Zeichens selbsternannter und selbstgefeierter Experte und Apostel des Ordens der allheilenden Jungfrau der Vitamine, mit Ambitionen, den ach so maroden Gesundheitsmarkt aufzurollen. Medizinlaie Fricke, von dem keinerlei Qualifikationen oder irgendwelche Ausbildungen im Bereich der Medizin bekannt oder zu erkennen sind, ist offensichtlich wie die Jungfrau zum Kinde zu Erkenntnissen und Einsichten gekommen, die tausenden von Forschern und Institutionen verborgen geblieben sind. Offensichtlich wissen Fricke und seine Gefolgschaft Dinge, die so geheim sind, dass noch nicht einmal diejenigen davon wissen, von denen er behauptet, dass sie es wissen sollen können müssten dürften. Ein echter Wettbewerbsvorteil, der Mann ist ein Genie.

Sollten Sie jetzt, angesichts der ultimativen Verheißung des offenbar ewigen Lebens und der immerwährenden Gesundheit, den spontanen Drang verspüren, aufzuspringen und sofort ins Mekka der Vitalstoff-Erleuchtung aufzubrechen …(und das liegt nicht im fernen Osten, sondern bequem und beschaulich am Rhein), beherrschen Sie Ihre Begeisterung, dem Meister in spe zu huldigen, und achten Sie vor allem auf ihr Portemonnaie. Vielleicht ist es am Ende hilfreich, ein wenig zu verweilen. Mehr…

Unser Freund Groucho ist tot

7. Juli 2017 Kommentare ausgeschaltet

Unser Freund Groucho ist tot.

Wir können unseren Schmerz nicht in Worte fassen.

Nie mehr wird uns seine tiefe Weisheit, sein klarer Blick, sein Witz, seine Freundlichkeit, seine Menschlichkeit, seine Gelassenheit angesichts des umlaufenden Schwachsinns, der Lüge und des Wahnsinns erfreuen und ermutigen. Nie mehr. Er war ein Fels der Verlässlichkeit, ein Bollwerk gegen die Verzweiflung, die jeden zuweilen überwältigt. Bosheit war ihm fremd. Viele von uns verdanken ihm Verständnis, Trost, Bestärkung, Einbeziehung. Er gab jedem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Er war unser guter Geist.

Einmal hat er diese Musik gepostet:
Cyprien Katsaris spielt Chopin.

O Tod, o habsüchtiger, gieriger Dieb, warum hattest du nicht Erbarmen mit uns ein einziges Mal?
Isaak Babel, Der Friedhof von Kosin.

Er hat nicht umsonst gelebt. Unser Beileid und unser Dank auch an seine Familie.

pelacani,
im Namen von Team Psiram.

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Neutrino Inc.: Schwurbelei an der Hochschule Wismar – Günther Krause, Bundesminister a.D. schwurbelt mit.

4. Juli 2017 21 Kommentare

An der Hochschule Wismar im Bereich Maschinenbau/Verfahrenstechnik gab es am 16.06.2017 einen Vortrag in der Vorlesungsreihe „Biogene Verfahrenstechnik“. Der Titel:  „Neutrino-Energie aus der perfekten Welle. Kabellose Datenübertragung Zukunft einer Netztechnologie. Pyrolyse-statt Müllverbrennung“. Eingeführt in diese Konzeption wurde durch Herrn Prof. Dr.-Ing. habil. Günther Krause, Bundesminister a.D.:

  • Neutrino eine permanente, erneuerbare Energie mit unvorstellbaren Möglichkeiten.
  • Einführung in die Forschungsthemen von der Entwicklung eines Beschichtungsautomaten bis zur Industrieenergielösung
  • Breitbandtransponder mit 1.8 GBit kabellos; zweite Ausbaustufe mit Neutrino-Energieversorgung
  • Rezepturgesteuerte Pyrolyse eine Chance für Sekundärende Stoffgewinnung

Zum Thema „Neutrino-Strahlung“ wird der CEO der Neutrino Inc. Montana, USA, Herr Holger Thorsten Schubart, einen Abriss geben.

Herr Dr.-Ing habil. Lutz Rothe und Herr Dipl.-Ing. Olaf Moszeik werden mit zwei Laptops und einem Transponder die Zukunft einer Netztechnologie, die keine „weißen“ Flecken mehr kennt, vorführen.

Im vierten Vortrag stellt Dipl.-Ing. Philip Hagemann mit einer Anwendungslösung, die auf Abfallstoffe „einstellbar“ ist, die seit dem Jahre 2000 getätigten Forschungen in der „Pyrolyse-statt Müllverbrennung“ vor.

Die Praxisanwendung kann in Schwerin besichtigt werden.

So weit, so gut — oder schlecht, wie man es gerne hätte.

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Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW26, 2017)

2. Juli 2017 10 Kommentare

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Wissen, Forschung, Verschwörungstheorien, Medizin und Pseudomedizin, Wahrsagerei, Reichsbürger, Alltagsmythen, Verbraucherschutz, Evolution und Politik, dazu ein wenig Satire – das Spektrum dieser letzten Rückblick-Folge vor der Sommerpause ist wieder ziemlich breitbandig und spiegelt so unsere Interessengebiete gut wider. Bei Psiram geht es nicht um Ideologie oder um richtige und falsche Meinungen, sondern darum, den Dingen auf den Grund zu gehen sowie Werkzeuge und Quellen zu liefern, die zur Beurteilung von Informationen notwendig sind, um zu möglichst objektiven Ergebnissen zu gelangen. Die Psirama-Redaktion wird in den nächsten Wochen an dieser Stelle etwas Raum zur Vertiefung einzelner Themen lassen und verabschiedet sich bis Ende August.
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Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW25, 2017)

25. Juni 2017 14 Kommentare

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Natur ist gesund, Chemie ist ungesund. Alternativmedizin ist sanft und nebenwirkungsfrei und Medikamente sind schädlich. Die Pharmaindustrie hält wirksame Medikamente zurück und die Spanische Grippe gab es überhaupt nicht. Gerade im Gesundheitsbereich hat es das kritische Denken schwer. Mythen siegen oft über gesichertes Wissen, zumindest auf Seiten der Patienten. Die Schweizer Skeptiker haben sich dieses Themas angenommen und erklären, warum Medizin ein objektives Konzept ist und nicht davon abhängt, ob wir daran glauben. Allerdings gibt es nicht nur Phantasie-Therapien, sondern auch erfundene Krankheiten. Mehr dazu findet sich diese Woche bei „Science-Based-Medicine“ und „Respectful Insolence“. Außerdem im Wochenrückblick: Aliens, Fehlschlüsse, Verschwörungstheorien, Kreationismus und vieles mehr … Mehr…

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Rechts oder links – wo steht die Wissenschaft?

20. Juni 2017 4 Kommentare

Wo ist der Platz der Wissenschaft im gesellschaftlichen Spannungsfeld? Wir wollen das an einem Beispiel erläutern. Die ZEIT Nr. 25 (14. Juni 2017) verkündet auf ihrer Titelseite in großen Lettern:

Etwa 2 Millionen Deutsche wollen sich nicht festlegen lassen, ob sie Mann oder Frau sind

und verweist auf einen Beitrag im Zeitmagazin. Dort sind es gleich noch ein paar mehr, nämlich „knapp 2,5 Millionen“, das habe die „ZEIT-Vermächtnis-Studie von 2016“ ergeben. Genauer werden die Angaben nicht. Wenn man mit diesen spärlichen Schlüsselwörtern sucht, wird man nicht fündig. Die „Veröffentlichung“ – oder sagen wir besser, die Vermarktung – dieser Studie ist auf viele Links hinter der Bezahlschranke aufgeteilt, aber aus den frei zugänglichen Angaben haben wir nicht ablesen können, hinter welchem sich mehr Details verbergen mögen. In der Printausgabe dieser ZEIT Nr. 25 wird einem Absolventen der Gender Studies eine ganze Seite eingeräumt. Die Kernaussage hier:
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Psiram Bullshit-Bingo

19. Juni 2017 26 Kommentare

In Diskussionen mit Menschen, die, nun, gewisse Vorbehalte gegenüber unserer Arbeit haben, fallen immer die selben Schmähungen, wie wir beobachtet haben. Damit solche Unterhaltungen zukünftig mehr Spaß machen, haben wir ein Bullshit-Bingo gebaut.

Anleitung:
Sobald in der Diskussion eine Psiram-Beschimpfung auftaucht, den passenden Begriff auf der Bingo-Karte anklicken. Wenn eine Zeile, Spalte oder Diagonale gefüllt ist, Schampus öffnen.

Prost!

Nachtrag: Es gibt jetzt auch eine Offline-Version zum Download

Psiram Bullshit-Bingo
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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