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Artikel Tagged ‘ADHS’

Gerald Hüther, eine Würdigung in DIE ZEIT

31. August 2013 100 Kommentare
Gerald Hüther (Bild: ARD)

Gerald Hüther (Bild: ARD)

Gerald Hüther beschäftigt Psiram schon seit einiger Zeit.

Aus ADHS-Selbsthilfeforen erreichten uns bereits vor Jahren Anfragen, was es mit ihm auf sich habe – denn obwohl seine 5-Ratten-Studie (Parkinson!) ihn schon länger aus der wissenschaftlichen Community katapultiert hatte, wurde er in den Medien weiterhin als ADHS-Experte hofiert, auf dessen vom wissenschaftlichen Konsens abweichende Sichtweise sich unter anderem auch der Gesundheitspolitiker Gerd Glaeske in seinem Barmer Report 2002 bezog.

Wer es in Diskussionen auf Selbsthilfeplattformen wagte, Hüthers Autorität in Frage zu stellen, zog eine Invasion ritalinkritischer Trolle auf sich, die auch vor deutlichen Drohungen nicht zurückschreckten. Mehr…

ADHS: von 3sat philosophisch betrachtet

20. März 2012 60 Kommentare

Stellen wir uns ein großes Schwimmbecken mit vielen Kindern drin vor. Der Boden des Beckens ist höhenverstellbar, und aus irgendeinem Grund senkt er sich langsam. Kinder, die schwimmen können, finden das lustig. Die, die es nicht können, werden langsam panisch. Der Bademeister schmeißt den Nichtschwimmern Schwimmhilfen zu, die sie dankbar annehmen. Am Rande des Beckens sitzt ein Philosoph und fragt den Bademeister, warum er das tut. “Damit sie nicht ertrinken”, antwortet dieser. Der Philosoph erwidert: “Das ist doch nicht nötig. Mit dem Zappeln und Schreien wollen sie doch nur Aufmerksamkeit für sich erregen. Gehen Sie doch einfach einen Kaffee trinken, und wenn Sie in 10 Min. wiederkommen, wird alles ruhig sein.” Mehr…

Frisch von der Alm: Gerald Hüthers neurobiologische Visionen

8. November 2011 8 Kommentare

Die Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung – die Laus im akademischen Pelz der Exzellenz-Universität Göttingen

Gerald Hüther ist spätestens seit seiner spektakulären Medieninszenierung “Alm statt Ritalin” in aller Munde.
Das Projekt war zwar ein totaler Flop, und der entsprechende STERN-Artikel wurde nicht zuletzt in einer Stellungnahme des Zentralen ADHS-Netzes als irreführend, falsch informierend und unseriös und von mehreren Betroffenen-Verbänden differenziert kritisiert.
Den abseits jeder Ethik-Kommission “beforschten” und zur Schau gestellten Jugendlichen wird wohl zeitlebens das Stigma des nicht beschulbaren und sozial gestörten Geißen-Peter anhaften, aber als PR-Gag für “Deutschlands meist zitierten Hirnforscher” erwies sich diese Aktion als außerordentlich erfolgreich. Mehr…

ADHS – das Feuilleton und die Philosophie, Christoph Türcke

13. Juni 2011 21 Kommentare

Oder: Wo kommt die Scheiße eigentlich immer her?

An der prominentesten Stelle des Feuilletons der SZ am vergangenen Freitag (10.6.2011) schreibt Thomas Steinfeld über die ADHS-Rezeption des Philosophen Christoph Türcke. Der Artikel ist auch online einsehbar.
Bevor uns der Autor zur „jüngsten Ausgabe des Jahrbuchs der Psychoanalyse (Heft 62/2011)“ führt, stimmt er uns medizinhistorisch ein, und zwar mit einem Vergleich von ADHS- zu Hysteriediagnosen. Leider versäumt er es, das Krankheitsbild nach ICD10 auch nur zu erwähnen. Stattdessen arbeitet er sich an dem Wort „Syndrom“ ab, das Ratlosigkeit suggeriere.1 So weit, so naja. Bevor der Autor schlussendlich seine Haltung zur Sache eröffnet mit „Aber klüger als Ritalin ist dieser erste Versuch allemal, einem grassierenden Defizit der modernen Gesellschaften mit den2 Mittel der Philosophie beizukommen.“3, gibt es noch ein paar Ausflüge in die feuilletonistische Welt der ADHS-Kritik.

Gewiss, eines kann als gesichert gelten, eine erbliche Disposition in manchen Fällen etwa.

Wie großzügig! Eine Recherche nach der Quote hätte vielleicht 90% ergeben. „In manchen Fällen“ ist in seiner Faktenignoranz eine Beleidigung.

Und selbstverständlich gibt es physiologisch manifeste Störungen oder traumatische Erfahrungen, die eine klare Diagnose erlauben. Aber beim übergroßen Rest …  greifen solche diagnostischen Muster nicht.

Wieder eine bodenlose Frechheit. Was für ein übergroßer Rest, und wie groß ist er denn? Und welche Störungen und Erfahrungen gehören denn zur Krankheitsdefinition und ihrer Diagnose?

Türcke habe Thesen zur „Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ verfasst. Er setze voraus, dass zu einem Scheiden von Norm und Krankheit eine deutliche Diskrimination gehöre, die es im Fall von ADHS aber nicht gebe, denn die normentsprechende Welt unterliege selbst einem Aufmerksamkeitsdefizit. Dazu wird der Fernsehkonsum angeführt (was ja tatsächlich laut Spitzer bei Schulkindern die gesunde Reizverarbeitung stark, auch neurochemisch, stört) und die Störung der Arbeit durch hereintröpfelnde E-Mails. Warum Mobiltelefone und Smartphones, die m.E. die besten Zeugen für diese These darstellen, nicht erwähnt werden, kann ich mir nicht erklären.  Doch dies ist einer der guten Teile des Artikels.

Nach einer in ihrer Idiotie (wahlweise: Perfidie) kaum überbietbaren Zwischenüberschrift „Was muss geschehen sein, dass kleine Menschen zu Rumpelstilzchen werden?“ setzt nun die Schwurbelei über „das Kind“ ein. Hier wird der uns bereits bekannte – hier als Kinderanalytiker apostrophierte –  Wolfgang Bergmann (siehe auch Konferenz ADHS) angeführt: Am Computer, wohin es das Rumpelstilzchen zieht, reichten „wenige Handbewegungen aus, um ein gewünschtes Objekt in den Bereich der Verfügbarkeit zur2 holen, oder einen Kommunikationspartner für den Austausch dieser oder jener Phantasie, dieser oder jener Kontakte anzurufen.“ Türcke nennt den Computer durchaus treffend das Medium der konzentrierten Zerstreuung schlechthin, doch wäre es gut gewesen klarzumachen, welche Applikationen in der Vorstellung unserer Philosophen eigentlich auf dem Rechner laufen: Textverarbeitung, Mailclient, Soziales Netzwerk, Musik, Spiel, alles gleichzeitig? Sonst könnte man nämlich auch einen Staubsauger (ein monoapplikatives Gerät…) als Zerstreuungsgerät für Kinder verdächtigen, doch wer interessiert sich schon für Details, für empirische Belastbarkeit?

Auch wenn Türcke es sich, wie Steinfeld versichert, nicht einfach macht, denn bspw. „insistiert er darauf, dass die Unruhe der Medien sich nicht schlicht in der kindlichen Unruhe spiegele“, bleibt immer noch die Frage, was diese Kulturkritik mit ADHS zu tun hat. Wer glaubt, dass ADHS eine Befindlichkeitsstörung darstellt, die von Eltern und Ärzten zu ihrer Bequemlichkeit erfunden worden ist, also keine behandlungsbedürftige Krankheit, für den ist ADHS ein rein kulturelles Problem, über das sich trefflich schwurbeln lässt. Wie angenehm, damit sein Brot verdienen zu können, doch etwas unangenehmer ist die Realität betroffener Eltern und Kinder. Naja, irren ist philosophisch.

Das Krönung zum Schluss:

Aber man müsse davon ausgehen, dass ein Defizit an Aufmerksamkeit zuerst einmal erlebt werde, bevor es im Kind wiederholt werde, in Gestalt ein2 Umwelt, die ihrerseits von einer tiefen Unruhe geprägt werde, von ständigen Springen zwischen den Medien und Ereignissen: Fände nicht ein vitaler Entzug statt, gäbe es nicht die motorische Dauerunruhe, die unablässige Suche nach etwas, was die Gestalt eines verlorenen Objekts noch gar nicht angenommen hat.

Vielleicht macht es dem Feuilleton ja einmal Spaß, diese Argumentationsweise für andere Erkrankungen anzuwenden: Kurzsichtigkeit, Masern, bipolare Störung, Leukämie. Von hier ist der Weg zu Hamer nicht weit.

Die einleitende Frage nach dem Woher der Scheiße dürfte beantwortet sein.

1Die lexikalische Herangehensweise an die Analyse ist stets ein Zeichen für Schwurbelitis. Gibt es auch nur einen Schwurbler, der bspw. Andenken nicht An-Denken buchstabieren würde? „Syndrom“ einfach mit „Krankheitsbild nach ICD 10“ zu übersetzen, ist intellektuell wohl zu wenig anspruchsvoll für die philosophische Korona.
2Fehler im Original
3Dass MPH Kindern konkret hilft, blendet er hier aus. Sonst wäre der Artikel ja ganz falsch.

Lustiges Vergiften

5. September 2008 20 Kommentare

Peter Artmann, seiner Angabe zufolge Biologe, Wissenschaftsjournalist und Webdesigner, Autor des Scienceblogs „Medlog“ hat sich köstlich über die Dummheit von amerikanischen Forschern amüsiert, die in ayurvedischen Zubereitungen über 1000-fache Grenzwertüberschreitungen bei Schwermetallen gefunden haben, so z.B. bei Quecksilber. Das ist irgendwie lustig oder? Haha. Er findet das deswegen so lustig, weil die Schwermetalle ja da rein gehören! Und man einen Schamanen braucht, der einem das verabreicht. Und die dummen Forscher wissen das nicht! Haha. Und dann gibts auch noch so Blöde, die solche Sachen übers Internet bestellen. Und dann nette Cocktails aus Schwermetallen zu sich nehmen. Haha! Keine Ahnung von Ayurveda.

Herr Artmann ist schon mit einem anderen abstrusen Artikel aufgefallen. So holte er hier zu einem Rundumschlag gegen Kinderärzte aus, welche alle von der Pharmaindustrie gekauft wären und Kinder massenhaft mit der „chemischen Peitsche“ Methylphenidat „verstümmeln“. Auch hier wird es bedenklich, erinnern doch solche Aussagen exakt an den Unsinn, den Scientology verbreitet. Dass dies gerade bei Methylphenidat völliger Unsinn ist – bei nicht betroffenen Kindern wirkt das eben nicht beruhigend, sondern aufputschend – ignoriert er. Dann will er Kinder auch noch „chemisch unversehrt“ halten, was immer das heißen soll. Aber lesen Sie selbst:

Gibt es jemanden, der Kinder, die früher mit Ohrfeigen bestraft wurden, vor der Zwangsabhängigkeit durch Psychostimulanzien schützt?
Abhängigkeiten, die in der Grundschule geschaffen werden und frühestens in der Pubertät enden, weil zuvor sämtliche Absetzversuche scheitern.
Oder anders gefragt: Wenn die heutigen Erwachsenen die Wahl hätten zwischen jeweils drei Ohrfeigen für nicht gemachte Hausaufgaben und sechs Jahre lang Psychopharmakaschlucken
– mit ungewissen Folgen für die Gehirnentwicklung – wie würden sie entscheiden?
Das soll jetzt kein Plädoyer fürs Kinderschlagen sein, aber wenn Leute ernsthaft eine körperliche Unversehrtheit für Kinder fordern, die sie sogar ins Grundgesetz schreiben wollen, dann sollten sie auch mal über eine chemische Unversehrtheit nachdenken.
Denn was auf den ersten Blick als saubere Tablettenlösung daherkommt – und sogar vom Kinderarzt verschrieben wird – muss nicht unbedingt die beste Lösung für Erziehungsaufgaben sein.

Für jemanden, der Biologie studiert hat, ein echtes Armutszeugnis.

Die Science Blogs sind im Allgemeinen mit wirklich guten Leuten besetzt. Hier scheint es, dass sich neben Bert Ehgartner noch ein zweiter Kuckuck ins Nest gesetzt hat.
Kann man nur hoffen, dass er sich mehr auf Webdesign konzentriert. Das kann man zwar auch unglaublich schlecht machen, aber es stirbt keiner dran.