Archiv

Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Über den Unsinn populärer Ernährungstipps am Beispiel des Speisepilzes

16. Juni 2017 29 Kommentare

 

Die Welt ist voll von guten Ratschlägen. Das gilt in hervorgehobenem Maße für das Thema „Ernährung“, was an sich nichts anderes bedeutet als Essen und Trinken, aber den Vorzug hat, irgendwie dietätisch-asketisch zu klingen und damit voll im Geist der Zeit zu liegen. Leider bleibt es allzu oft nicht beim frommen Klang, der Ton macht stattdessen gleich die ganze Musik, und so hebt sich immer wieder der Zeigefinger, um dem nach Rat hungernden und dürstenden Volke zu bedeuten, was bei den Höllenstrafen ungesunder Lebensweisen unbedingt – genau so und nicht anders! – zu tun oder zu lassen ist.

Und so kommt es, dass sage und schreibe unter der Rubrik „Genuss“ eines großen deutschen Nachrichtenmagazins eine Schlagzeile erscheint, die da lautet:

 

Nur so sollten Sie Pilze zubereiten

 

ergänzt durch den irgendwie frivol klingenden Zusatz

 

eine Mikrowelle ist hilfreich

 

In dem dazu gehörenden Artikel geht es um verschiedene Arten, Pilze zuzubereiten. Anders als es der Titel vermuten lässt, geht es aber keineswegs um eine Methode, die kleinen Dinger möglichst schmackhaft zuzubereiten. Es geht stattdessen darum,

wie man Pilze zubereiten sollte – sodass alle Nährstoffe erhalten bleiben

also um etwas, was zumindest mit „Genuss“ nur in zweiter Linie zu tun hat. Stattdessen geht es in irgendeinem nicht ganz offengelegten Zusammenhang um Gesundheit, wie man vermuten darf, und dies mit erheblichem Autoritätsgehabe, denn

Wissenschaftler haben herausgefunden…

 

Pilze, unten links

…dass es da irgendetwas mit den üblichen Verdächtigen, also Proteinen und – das vor allem – Ballaststoffen zu tun habe. Nun gut, wir wollen der Internationalen der Orthorektiker den Spaß nicht verderben, aber zwei Anmerkungen seien doch erlaubt, um den Gestus der Aufgeklärtheit, mit dem solche Berichte auftreten, auf das rechte Maß zurecht zu stutzen.

 

 

Erstens:

Vielleicht ist es ja gar nicht so sinnvoll, ausnahmslos alle Inhaltsstoffe bestmöglich zu erhalten. Das, was wir essen und trinken, hat die Natur nicht erschaffen, um uns eine Wohltat zu gewähren. Es ist eher so, dass das nutzbare Nahrungsangebot aus Dingen besteht, denen sich ein Organismus in langen und sich ständig fortentwickelnden Evolutionszyklen so gut anpasst, wie es eben gerade geht – aber niemals perfekt;  dafür enthalten diese Dinge auch die eine oder andere eher ungute Substanz, die allenfalls in Maßen den Esser nicht gerade um die Ecke bringt. Einige andere Substanzen sollte man lieber erst gar nicht anrühren – gerade Pilze können da ziemlich unangenehme Eigenschaften entfalten. Welche Garmethode solche gerade eben noch oder gar nicht mehr tolerierbaren Inhaltsstoffe am effektivsten ausschaltet, war entweder erst gar nicht Gegenstand der zitierten Studie, oder die Information fiel bei der Formulierung des Artikels unter den Tisch. Ein typisches Beispiel für den Unterschied zwischen realen (Gesundheit) und Surrogat-(Inhaltsstoffe)Endpunkten ernährungswissenschaftlicher Behauptungen…

Zweitens:

Wozu eigentlich müssen ausgerechnet die Bestandteile von Pilzen „bestmöglich“ erhalten werden? Eine einfache Tatsache lautet: niemand braucht Pilze. Es gibt nicht einen einzigen Inhaltsstoff gängiger Speisepilze, für dessen bedarfsdeckenden Verzehr der Mensch auf den Genuss von Pilzen angewiesen wäre. Kein Mensch muss seinen Bedarf an

Ballaststoffen, Vitaminen und auch Proteinen

aus Champignon, Schwammerl oder Steinpilz decken. Es ist von allem genug da – selbst wenn man ein Leben lang keinen einzigen Speisepilz verzehrt. Das mag anders gewesen sein, als der Jäger und Sammler alles zusammenklauben musste, was Landschaft und Jahreszeit gerade hergaben. Es ist sicher nicht mehr so in Zeiten, in denen es auf Grund des umfassenden Angebots praktisch kein einzelnes unentbehrliches Produkt mehr gibt.

Darum unser Rat: vergessen Sie, weshalb Sie Pilze so und nicht anders zubereiten sollen, wie es der „Stern“ (nun ist es doch herausgerutscht…!) rät. Es gibt keinen Grund, es anders zu tun, als es Ihnen bisher am besten schmeckte. Ältere oder überhaupt unerschrockene Leser finden vielleicht sogar bei diesem Herrn noch die eine oder andere Anregung:

 

Clemens Wilmenrod (1906-1967), Erfinder des Toast Hawaii und der gefüllten Erdbeere

 

Ach, und übrigens: den Tipp mit der Mikrowelle vergessen Sie besser. In der Rubrik „Genuss“ ist er deplaziert.

HiFi-Woodoo. Heute: Biophotone Audio

15. Mai 2017 33 Kommentare

Es gibt wohl kaum einen Bereich, in dem mehr pseudowissenschaftlicher Unfug behauptet wird als bei Audioanlagen. Der Vorteil dieser Branche: Sie gefährdet keine Menschenleben, und manche Erwerber des Woodoo-Zeugs sind sogar glücklich damit. Der Grund ist simpel: Akustische Signale durchwandern unser Hirn, ohne vorher groß beim Verstand anzuklopfen. Man ist hier suggestibel wie sonst kaum.

Was viel kostet, muss einfach besser klingen. Selbst wenn Messgeräte, die 1000 mal empfindlicher als unser Ohr sind, zeigen: Da ist nix, bzw. so Unwesentliches, dass es unmöglich wahrgenommen werden kann.

HiFi ist ja nun nicht der Kernbereich von Psiram, aber die Mechanismen des (Selbst-)Betruges, der Täuschung und Abzocke sind sehr ähnlich zu pseudowissenschaftlichen Begründungen bei Heilungsversprechungen und sonstigem Quack, wie z.B. beim Perpetuum mobile.

Daher, bevor es zum eigentlichen Artikel geht, eine kleine Handreichung für alle, die zwar gerne Musik hören, das aber nicht fanatisch betreiben: Mehr…

Evolution der Betrüger. Heute: „Dr.“ Leonard Coldwell

25. April 2017 11 Kommentare

Richard Dawkins beschreibt in seinem Klassiker “Das egoistische Gen”, wie in einer sozialen Gemeinschaft verschiedene Konzepte der Lebensbewältigung miteinander konkurrieren. Eines dieser Konzepte ist Lug und Betrug, der Gegenentwurf zu einem sozialen Miteinander, welches erstmal auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Dieses Konzept funktioniert allerdings nur bis zu einem gewissen Anteil an Betrügern innerhalb einer Gemeinschaft. Wird er überschritten, zersetzt sich die Gemeinschaft, die Basis, jedem erst mal zu vertrauen verliert an praktischer Funktionalität. Dass einem der andere grundsätzlich über’s Ohr hauen will, wird zur Standardannahme und der Vorteil verpufft.

In Zeiten internationaler und anonymer Vernetzung ist die Hemmschwelle zu Lug und Betrug bei so manchen gesunken – was man sich innerhalb einer Dorfgemeinschaft unmöglich hätte leisten können, um nicht die gravierenden Nachteile sozialer Ächtung zu erfahren, ist bei Fremden, die weit weg sind, eher kein Problem mehr. Mehr…

SkepKon – Skeptical, die deutschsprachige GWUP-Konferenz

19. April 2017 1 Kommentar

Wir machen mal etwas Werbung für diesen Event:

SKEPTICAL 2017 PROGRAMM

Fakten sind sexy!

Das Wissenschaftsevent für Vernunft und kritisches Denken

4 Stunden Fakten, Spaß und Musik rund um das Thema Verschwörungstheorien, Fake-News, Wissenschaft und Kritisches Denken.

Samstag, 29. April

Ort: Berlin – Urania e.V.,  An der Urania 17, 10787 Berlin   –   Zeit: 14  bis 18 Uhr.

Tickets gibt es bei der Urania (Übrigens: wenn Sie sich für die gesamte Skepkon anmelden, ist das Skeptical-Event inklusive)

KategorienAllgemein, Bildung Tags: , ,

Nur Psiram.COM ist Psiram

14. April 2017 18 Kommentare

Liebe Leser,

diesmal kurz in eigener Sache. Vermehrt erhalten wir in letzter Zeit Hinweise von aufmerksamen Lesern, die fragen, ob wir denn gehackt worden wären oder was mit Psiram los sei, weil z.B. als Favicon (das ist das kleine grafische Symbol in den Tabs) ein Hakenkreuz auftaucht. In heutigen Zeiten, in denen Fakenews vermehrt bewusst als Kampfmittel eingesetzt werden und nicht nur in einem mangelnden Intellekt oder sonstigen Unfähigeiten begründet sind, ist Psiram auch betroffen.

Virtuelle Produktpiraterie

Nicht nur Markenhersteller (siehe Bild oben) sind davon betroffen,  sondern auch virtuelle Produkte wie z.B. Psiram mit seinen Inhalten. Nachdem wir uns viel mit Quacksalbern, Betrügern und sonstigen netten Zeitgenossen befassen, reagieren diese gerne in ihrem gewohnten Modus, indem sie einfach eine Adresse mit anderer Top Level Domain (TLD) besetzen, um dort Unsinn über Psiram zu verbreiten. Die TLD ist das, was hinter dem Punkt und Name steht, also z.B.  *.de, *.com, etc.

Warum tun wir nichts dagegen?

Zum einen ist die Zahl der TLD inzwischen auf eine unüberschaubare Zahl angestiegen, und Psiram als nicht-kommerzielles Projekt kann den finanziellen und organisatorischen Aufwand schlicht nicht leisten, all diese TLD zu reservieren. Zum Anderen, natürlich, wir agieren halbwegs anonym, was einen möglichen Klageweg schwierig macht – nebenbei gesagt, möchten wir uns auf wichtige Dinge konzentrieren und mit solchen Albernheiten nicht kostbare Zeit verschwenden und würden solche Rechtsstreitigkeiten nicht auf uns nehmen.

Aber was kann man tun?

Erst einmal vertrauen wir auf die Intelligenz unserer Leser; Fakes sind i.d.R. leicht zu erkennen. Trotzdem sind manche etwas geschickter aufgezogen, so dass sie auf den ersten Blick sehr echt ausschauen. Z.B. indem aufwändig Seiten von Psiram kopiert werden, fast nichts verändert wird, aber eben z.B. ein kleines Hakenkreuz im Tab erscheint. Wie man auf solche Ideen kommt, ist schwer zu verstehen, aber die Welt der Fanatiker ist bunt. Mr. Spock würde sagen: „faszinierend!“.

Also: Für regelmäßige Leser lohnt es sich, einfach ein Lesezeichen anzulegen mit PSIRAM.COM (Vollständigkeitshalber: psiram.net haben wir als Ausweichdomäne, die ginge auch).  Wenn ihr Psiram erwähnt, schreibt lieber Psiram.com. Wir werden das auch vermehrt in dieser Schreibweise verwenden. Und einfach im Hinterkopf behalten: Nur PSIRAM.COM ist Psiram. (Wir hoffen, für diesen super Slogan mit einem Werbepreis ausgezeichnet zu werden 😉 )

 

KategorienAllgemein, Interna Tags: ,

Cannabis – Hinweise für Ärzte

10. April 2017 48 Kommentare


Wir haben kürzlich darauf hingewiesen, dass es für die seit Neuestem zu Lasten der Krankenkassen rezeptierbaren Hanfblüten keine wissenschaftlich ausreichend gesicherten Indikationen gibt. Der Gesetzgeber wusste dies, denn das hatten ihm Ärztekammer und Arzneimittelkommission mitgeteilt. Er hielt es für unerheblich. Er konnte auch nicht feststellen, wie viele potentiellen Anwender es geben wird und konnte nichts über Kosten prognostizieren. Das finanzielle Polster der Krankenkassen ist dennoch auf jeden Fall ausreichend, die monatlichen Therapiekosten von 1800 EUR (lt. Referentenentwurf) zu stemmen. Also kann es losgehen … aber, Moment: bei einer solchen Therapie handelt sich um „individuelle Heilversuche“, und der Arzt tut gut daran, vorher das Einverständnis der Krankenkasse einzuholen. Ohne ein solches Einverständnis fällt ihm die Verordnung als sog. Regress finanziell auf die Füße, und zwar mit voller Wucht (aus Sicht der Krankenkassen sind die Kosten ein „sonstiger Schaden“).
Mehr…

KategorienAllgemein, Medizin, Recht Tags: ,

Wissenschaft, Verschwörung und Demokratie

1. April 2017 201 Kommentare

Noch stehen wir ratlos der Vorstellungswelt gegenüber, die sich der freidrehende menschliche Intellekt schaffen kann, wenn er losgelöst von der Wirklichkeit und wider die simpelste Einsicht in die Natur der Dinge und der Menschen agiert. Der mächtigste Mann der Welt ist nebenbei Impfgegner, und zu seinen Kumpanen hat er beispielsweise

  • einen Klimawandel-“Skeptiker“ als Umweltminister (vorher bekannt als der erbittertste Feind des Umweltministeriums im Sold der Industrie),
  • einen Energieminister gleichen Zuschnitts (er hat gerade verboten, dass in den Texten seines Ministeriums Worte wie „Klimawandel“, „Emissionsreduktion“ oder „Pariser Abkommen“ erscheinen, hier),
  • eine Gegnerin der öffentlichen Schulbildung als Bildungsministerin (sie sagt, Waffen gehören in die Schulen, falls die Grizzlybären angreifen, hier),
  • einen Justizminister mit rassistischer Vorgeschichte (er hat Wahlhelfer der Schwarzen in Alabama verfolgen lassen),
  • einen menschenscheuen Außenminister (seine Unterstellten sind angewiesen, ihm nicht in die Augen zu schauen, hier),
  • usw.

Mehr…

Wie sieht es mit dem Goldenen Reis aus?

16. März 2017 32 Kommentare

Vor einigen Wochen wurde eine Studie zum Goldenen Reis mit dem schönen Titel „Molecular and Functional Characterization of GR2-R1 Event Based Backcross Derived Lines of Golden Rice in the Genetic Background of a Mega Rice Variety Swarna“ veröffentlicht, die innerhalb von kurzer Zeit zu diversen „Goldener Reis ist ein Fehlschlag“ Meldungen auf gentechnikfeindlichen Webseiten führte. Im deutschen Raum geschah das zum Beispiel durch Christoph Then von Testbiotech, der einmal mehr bewies, dass ein Tierarzt, der seine Dissertation über Homöopathie schrieb, auch zur Gentechnik Nichts zu sagen hat.

Wir wollen das zum Anlass nehmen, das Thema erneut zu beleuchten. Einem Leser, dem das Thema unbekannt ist, sei zum Einstieg der Artikel Goldener Reis – Fluch oder Segen? Ein Faktencheck empfohlen. In Kürze: Beim Goldenen Reis handelt es sich um eine gentechnisch geschaffene Sorte, die helfen soll, den in Südostasien verbreiteten Vitamin-A Mangel zu beseitigen.

Ein auf einem Auge erblindetes indisches Mädchen

Wenn der Reis erfolgreich ist, könnte damit einfach und kostengünstig ein erheblicher Teil des Vitamin-A Bedarfs der Kinder Asiens gedeckt werden. Und das ohne das Risiko einer Vitamin-A Vergiftung, die bei Supplementierung mit Tabletten besteht, da der Reis nur Beta-Karotin enthält, eine Vitamin-A Vorstufe, wie man sie eben von Karotten und anderem Gemüse kennt. Seit 20 Jahren verteilen Hilfsorganisationen jährlich Hunderte Millionen Vitamin-A Tabletten, was Kosten von 500 Millionen Dollar pro Jahr verursacht. Dennoch wurden zum Beispiel 2014 in Bangladesh nur 62,1% der Kleinkinder mit Supplemtierung erreicht.

Eine bessere Lösung wäre daher wünschenswert. Ethisch betrachtet muss man daher jeder guten Idee die Daumen drücken und kann nur hoffen, dass Goldener Reis ein Erfolg wird. Mehr…

10 tote Babies durch homöopathisches Zahnprodukt

21. Februar 2017 65 Kommentare

Man denkt ja, dass einen nichts mehr überraschen kann, aber es passiert doch immer wieder, dass man sich fragt: Wie, wie nur? Jedem, der sich auch nur minimal mit dem Thema und der wissenschaftlichen Beweislage auseinandergesetzt hat, weiß: Homöopathie ist völlig wirkungslos. Und dann liest man von 10 toten und 400 toten kranken Kindern durch homöopathische Mittelchen.

Gepaart mit einer offensichtlich außerordentlichen Berufung zur Inkompetenz, schafft man es offenbar sogar als Homöopathie-Hersteller, ein tatsächlich direkt tödliches Produkt abzufüllen. Meine Güte.

Die FDA (US-Behörde für Arzneimittelsicherheit) sah sich letztes Jahr gezwungen, insgesamt 400 Fälle von kranken und sogar 10 Fälle von verstorbenen Kleinkindern zu untersuchen. Verdächtigt wurde ein homöopathisches Produkt, welches das Zahnen erleichtern soll.

Bereits 2010 hatte die FDA eine Warnung vor dem Mittel herausgegeben, der Hersteller Hyland’s hätte also durchaus Motivation und Gelegenheit haben können, die Sicherheit der im Normalfall überteuerten Süßigkeiten sicherzustellen.

Im September 2016 warnte die FDA dann aufgrund der gehäuften Todes und Krankheitsfälle erneut vor den homöopathischen Tabletten und dem Gel, was aber Hyland’s nicht davon abhielt, das Zeug weiter an den Mann zu bringen. Auf ihrer Webseite schrieben sie groß:

There is no current recall of Hyland’s Baby Teething Tablets … Hyland’s Baby Teething Tablets have safely treated the pain associated with teething for more than 85 years. There is NO scientific link between homeopathically-prepared belladonna, or Hyland’s Baby Teething Tablets, and seizures.

Es gibt derzeit keinen Rückruf, immerhin verkaufen sie es schon seit 85 Jahren erfolgreich. Nun, wir glauben ihnen ja, dass es keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen homöopathisch „korrekt“ präpariertem Was-auch-immer (inklusive Tollkirsche und Plutonium) und Krampfanfällen gibt. Homöopathische Mittel zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie keinerlei Wirkstoff mehr enthalten und daraus folgend gar nicht wirksam sein können. Daher kann ja gar nichts passieren. Ähnliches hat sich übrigens wohl auch der Homöopathika-Produzent Nelson gedacht, bis Glassplitter hinein gerieten.

Vor 2 Wochen bestätigte die FDA dann, dass tatsächlich erhöhte Mengen von Belladonna, der Schwarzen Tollkirsche, in Hyland’s Teething Gel gefunden wurden.

Hyland’s ist aber offenbar noch immer der Meinung, dass es keinen endgültigen Beweis gibt, dass ihre Tabletten Kinder krank machen und sogar umbringen. Man hat zwar zugegeben, es gäbe gewisse „Inkonsistenzen“ bei den in den Tabletten gefundenen Giftstoffen, aber diese lägen nicht im gefährlichen Bereich und ihre Produkte seien absolut sicher. Und die über 400 Fälle und zehn toten Kleinkinder sind sicher purer Zufall.

Inkonsistenzen also. Hmm. Nun, die FDA hat die Ergebnisse einer Stichprobe veröffentlicht. Die Mehrzahl war zwar harmlos, aber das Spektrum der Ergebnisse ist doch erschreckend. Die Bandbreite ging von 0 (das heißt, nicht nachweisbar) bis 1100 ng Atropin bei 8 geprüften Tabletten EINER Charge. Scopolamin schwankte von 0 bis 390 ng.

Bei einem pharmazeutischen Herstellungsprozess dürfen nur winzige Abweichungen bei den Wirkstoffen auftreten. Auf keinen Fall Unterschiede Faktor 1000. Hyland’s selbst gibt die Menge an Inhaltsstoffen mit „0.0000000000002 mg of Belladonna alkaloids“, d.h. mit 0,2 Millionstel Nanogramm an, was bedeutet, dass die gewünschte Menge Milliardenfach überschritten wurde.

Die Grenzwerte für Atropin liegen in der EU bei 1000 ng/kg (wir vermuten, in den USA sind sie ähnlich). Mit einer solchen Tablette hätte ein Kleinkind also bereits einen signifikanten Anteil der als sicher erachteten Tagesdosis zu sich genommen. Als vorgeschlagene Dosierung findet man 2-3 Tabletten vier mal am Tag. Damit überschreitet man den Grenzwert mit etwas Pech leicht, wenn man mehrere Tabletten mit überhöhter Menge erwischt. Dazu kommt, dass die Inhaltsmenge offenbar völlig zufällig ist, sie könnte bei einzelnen Tabletten noch wesentlich höher liegen.

Die FDA hat ja nur zwei Chargen untersucht und schon dabei enorme Unterschiede gemessen. Diese Messungen dürften also nur die Spitze des Eisbergs darstellen. In jedem Fall gehören solche Fabriken stillgelegt. Entweder sie stellen sicher, dass (messbar) keine Tollkirsche mehr in keinem einzigen ihrer überteuerten Fläschchen zu finden ist, oder sie werden dicht gemacht.

Und während Hyland’s sich dagegen wehrt, dass ihr Zeug (wie gesagt, abgesehen von kleineren „Inkonsistenzen“ absolut sicher! Ganz ehrlich!) von der FDA vom Markt genommen wurde, hat sich auch schon das „National Center for Homeopathy“, ein Dachverband für Homöopathie in den USA, vergleichbar mit dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte e.V., eingeschaltet und meint dazu:

„The homeopathic community is deeply concerned about the actions of both of these agencies and has formed a task force to identify the most strategic and appropriate collective course of action. We will share more information about how individuals in the homeopathic community can support this effort if and when it is determined that a broader community response is appropriate.“

Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Man ist besorgt über das Vorgehen der beiden Behörden (hier sind die FDA und die Handelsaufsicht FTC gemeint) und wird eine Task Force gründen, die das beste strategische und passende gemeinsame Vorgehen identifizieren wird. Wie darf man das verstehen? Man ist besorgt darüber, dass die US-Behörden so gemein sind und man wird sich dagegen wehren, oder wie? Nach hilfreicher Unterstützung der Untersuchung hört sich das jedenfalls nicht an.

Liebe Homöopathen. Bitte. Bitte. Bitte. Wenn ihr schon etwas verschütteln müsst, dann verschüttelt bitte Sternenlicht oder meinetwegen Entenleber wie Boiron. Aber lasst das mit den wirklich gefährlichen Sachen bleiben. Warum muss es gerade Tollkirsche beim Zahnen sein? Ist doch sogar nach der reinen Leere Schwachsinn.

Den Schmerz beim Zahnen verursachen Zähne. Zermahlt ein paar Zähne. Das schlimmste, was euch bei falscher Dosierung passieren kann: es könnte ein wenig knirschen, wenn man in die Tabletten beißt. Und wenn ihr Zähne von Enten nehmt, könnt ihr euch sogar die Ente mit Boiron teilen. Aber bitte keine giftigen Substanzen. Keine Tollkirschen. Kein Plutonium. Kein HIV. Und so Sachen wie Hundekot und faules Rindfleisch lasst bitte auch bleiben. Nehmt Vakuum. Zucker. Wasser. Nur absolut harmlose Dinge.

Seht es ein, Ihr seid nicht kompetent genug, mit gefährlichen Dingen zu hantieren. Zehn tote Kinder sind mehr als zu viel. Danke.

Was unterscheidet einen Wolf vom Genmais?

14. Februar 2017 25 Kommentare

Eine Antwort lautet kurz und bündig: für Genmais soll das Vorsorgeprinzip gelten, für den Wolf nicht. 

Das Vorsorgeprinzip ist, folgt man der Definition der Wikipedia, ein „wesentlicher Bestandteil der aktuellen Umweltpolitik und Gesundheitspolitik in Europa, nach dem Belastungen bzw. Schäden für die Umwelt bzw. die menschliche Gesundheit im Voraus (trotz unvollständiger Wissensbasis) vermieden oder weitestgehend verringert werden sollen“. Standard der aktuellen umweltpolitischen Diskussion ist dabei seit einigen Jahren sogar die Vermeidung „unbekannter Risiken“, einer extremen Interpretation des „Vorsorgeprinzips“.  

Prinzip ist immer gut, wer lebt schon gerne ohne Grundsätze, und Vorsorge ist mindestens so positiv besetzt, wissen doch alle – zumindest die Älteren – noch aus der Zahnpasta-Reklame, dass Vorsorge besser ist als Bohren. Also meidet der aufrechte Bürger entschlossen die Risiken von Genmais, von denen niemand weiß, worin sie eigentlich bestehen, und zwar genau deshalb, weil niemand es weiß. Es könnte ja trotzdem irgendetwas sein. Mehr…