Saarbrücker Zeitung entlarvt Psiram

Die Saarbrücker Zeitung vom 12. Dezember 2017 bricht eine Lanze für das informationelle Selbstbestimmungsrecht und die Persönlichkeitsrechte. Da sind wir auch für, klar. Kommen wir aber zu den Beispielen für die Rechte, die geschützt werden müssen. Aus einem Gerichtsurteil zu „„fahrerbewertung.de“ meint die Zeitung, folgendermaßen verallgemeinern zu können:

Heute gibt es den Pranger von einst in digitaler Form im Internet: angefangen vom „Pascha“ des Monats der feministischen Zeitschrift Emma über „der online-pranger“ für „unmögliche Unternehmen“ bis zu Internet-Plattformen wie „Psiram“ und „Sonnenstaatland“ oder der inzwischen verbotenen Seite „linksunten.indymedia“ von Linksextremisten. Das Ziel ist dasselbe geblieben: Menschen für das, was sie getan oder gesagt haben öffentlich vorzuführen.

Autofahrerschelte, Feminismus, Esoterik-Kritik, Reichsbürger-Satire, Linksextremismus, alles eine Soße.

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Das goldene Brett vor dem Kopf 2017

Pseudowissenschaften bedienen sich wissenschaftlicher Begriffe, ohne jedoch wissenschaftliche Methoden anzuwenden. Was dabei herauskommt, ist gewöhnlich ein gewaltiger Unfug. Außergewöhnliche Koryphäen dieser Disziplin werden seit 2011 mit einer besonderen Auszeichnung bedacht: dem goldenen Brett vor dem Kopf. Vergeben wird dieser Satirepreis jährlich von der Gesellschaft für Kritisches Denken (GKD), der Wiener Lokalgruppe der GWUP (Gesellschaft zur … Weiterlesen

Mittelalter-Flacherde reloaded

A Newtonian might put it this way:
for every myth there is an equal and opposite myth.
– Noah J. Efron

Kürzlich haben wir im Blog versucht, über die Entlarvung des Mythos, das Mittelalter habe an die Erde als eine Scheibe geglaubt, zu berichten (hier). Wir hatten einen einzigen Kommentar:

Hä?

Da sind wir ein wenig in uns gegangen und zu dem Schluss gekommen, dass wir wohl etwas zu komprimiert und sprunghaft in unserem Text gewesen sind. Diejenigen, die mit der Materie bisher nicht so befasst waren (sicher 99,9% unserer Leser; so wichtig ist die Angelegenheit schließlich nicht), lässt unser Blogbeitrag ratlos zurück. Wir wollen deshalb noch ein wenig Kontext liefern, einen etwas größeren Rahmen aufspannen und bei dieser Gelegenheit einige weitere, charakteristische Details beitragen.

Man weiß, dass Galilei von der katholischen Kirche verurteilt wurde, weil er die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums geworfen hatte [1]. Man weiß: Kolumbus hat mit seiner Entdeckung Amerikas bewiesen, dass die Erde rund ist. So steht es in den Schulbüchern; auch jetzt noch [2]. Letztere Behauptung ist jedoch so unzulässig verkürzt, dass sie geradezu falsch ist, was eigentlich seit längerem [3] klargestellt sein sollte. Im 15. Jahrhundert war die Erde längst rund; theologische Bedenken über die Gestalt der Erde spielten bei der Reise des Kolumbus nur eine untergeordnete Rolle, wenn es auch plausibel ist, dass sie eine Rolle spielten [4].

Auftritt Jeffrey Burton Russell

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Nachtrag zu: Werner Rügemer und die „jüdischen Aufsteiger“

Anfang August dieses Jahres haben wir uns schon einmal mit der verschroben antisemitischen Weltsicht des Werner Rügemer befasst.

Dabei bemühten wir uns um Sachlichkeit. Jede Aussage wurde im Zweifel stets zugunsten Rügemers ausgelegt; der Vorwurf des Antisemitismus wurde nur erhoben, wenn er einwandfrei belegbar ist.

Inzwischen liegt uns ein aber ein Gerichtsurteil (*) vor, nach dessen Lektüre wir einräumen müssen, ihn zu wohlwollend kommentiert zu haben.

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Der fröhliche Bischof Virgil reitet auf der Erdkugel in die Neuzeit

Von mancherlay gestaltnus der menschen schreiben Plinius: Augustinus vnd ysidorus die hernachgemelten ding. Doch ist als Augustinus schreibt nit zuglawben das ettliche menschen an dem ort der erden gegen vns da die sunn auff geet. so sie wider nider geet die versen gegent vnsern fueßen keren. [Weltchronik des Hartmann Schedel, 1493 f. 12 recto]

Kürzlich erwähnten wir die merkwürdige aber vielfältig verwendbare Ansicht von der Erde als einer Scheibe: die Eintagsfliege Scaramucci hatte versucht, mit ihr die Wissenschaft lächerlich zu machen (hier). Die kryptosatirische Flat Earth Society vertritt sie, aber das Mem begegnet uns auch in anderen Zusammenhängen, die man sorgfältig von dieser Skurrilität unterscheiden sollte. So heißt es vielfach, insbesondere die amerikanischen Autoren des 19. Jhd. Irving, Draper und White hätten in ihren antichristlichen Polemiken die Idee propagiert, Kolumbus habe gegen die mittelalterliche Vorstellung von einer flachen Erde ankämpfen müssen. Sie wollten die Religion anschwärzen. Dazu wäre einiges zu sagen, aber wir wollen uns hier auf ein Detail beschränken.

In Deutschland sollte das ja nun schon länger kein Thema mehr sein (Gerhard Prause, Niemand hat Kolumbus ausgelacht, 1966). Ist es aber, wir kommen darauf zu sprechen. Der international erfolgreiche Debunker dieses Mythos, d. h. der These, das Mittelalter habe an eine flache Erde geglaubt, ist Jeffrey Burton Russell [1] (es besteht keine Gefahr, ihn mit Bertrand Russell zu verwechseln). Für Russell dient die völlige Überzeichnung der Flacherde-Geschichte dazu, sie als erlogenen Keim und Kern der Auffassung von der Inkompatibilität von Religion und Wissenschaft hinzustellen, und so bemüht er sich, die Aufklärung gleich mit im Klo runterzuspülen. Voltaire war ein „großer Satiriker“, Hobbes hat „geprahlt“; Condorcet, Diderot, Benjamin Franklin, Edward Gibbon, Hume „waren unermüdlich in ihrer Verachtung für das Christentum und besonders für das Mittelalter“, und Thomas Paine war „zügellos“ [unbridled] (S. 61). Verweilen wir ein wenig bei letztgenanntem.

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Werner Rügemer und die „jüdischen Aufsteiger“

Werner Rügemer (ca. ein Jahr vor dem Besuch der Synagoge)

Als Werner Rügemer die Grenzen des Erlaubten testete, verschlug es selbst ­dem wortgewaltigen Herausgeber des KONKRET-Magazins, Hermann L. Gremliza, die Sprache. Entsprechend kurz fiel sein Urteil über den Artikel „Ein Besuch in der Kölner Synagoge – Wenn Kipa-Brüder die Woche der Brüderlichkeit feiern“ aus: „Dieser Dreck läßt sich nicht mehr kommentieren.“

Wir wollen es dennoch versuchen. Zitat:

 „Man bekam ein schwarzes Mützchen, Kipa genannt: Nur mit einer solchen dürfe man den eigentlichen Synagogenraum betreten, schärfte mir eine der Schwestern bedeutsam ein. Das schien sehr, sehr wichtig zu sein. Andere Besucher nahmen andächtig ein Mützchen und setzten es sich auf. Ich tat es ihnen nach.“

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Der ärgerliche Mythos des Glaubens an die flache Erde

Immer wieder stößt man im Internet auf Behauptungen, dass man früher ja auch mal geglaubt habe, die Erde sei flach. Gerade neulich hat der kurzzeitige Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, Anthony Scaramucci, der den unglaublich talentierten Sean Spicer abgelöst hatte, wieder diese Keule ausgepackt.

„Chris, there was an overwhelming science that the Earth was flat and there was an overwhelming science that we were the center of the world. One hundred percent. We get a lot of things wrong in the scientific community,“ Scaramucci said.

In dem Interview ging es um den Klimawandel und die klare Stellung der wissenschaftlichen Gemeinschaft dazu. Anthony Scaramucci begründet seinen Standpunkt damit, dass die Wissenschaft ja dauernd irre; es hätte ja auch einmal überwältigende Beweise gegeben, dass die Erde flach sei und das Zentrum der Welt. Einhundertprozentig.

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Ulrich Kutschera: ein Mann sieht rosa

Man kennt das: ein Mensch redet sich in Rage und vertritt am Ende einer Diskussion, in der er sich entweder bedrängt oder bejubelt fühlt, Positionen, die er, hätte er klaren Kopf und einen Rest an Selbstreflektion behalten, zu Anfang niemals vertreten hätte. Selbst ein Jörg Meuthen soll ja einmal ein – konservativer, aber durchaus raisonabler – Nationalökonom gewesen sein.

Ein weiteres Beispiel lässt sich an dem an der Gesamtuniversität Kassel lehrenden Botaniker und Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera studieren. Mit seinen kritischen Anmerkungen zu den um sich greifenden Gender-Theorien und Gender-Ideologien erlangte er eine gewisse Popularität. In der Tat sind viele seiner Bemerkungen in diesem Zusammenhang bedenkenswert, nicht obwohl, sondern gerade weil sie die Objektivität biologischer Fakten gegen die Subjektivität gesellschaftlicher Urteile und Zuschreibungen verteidigen. So weit, so gut – wäre da nicht die Verlockung der falschen Gefolgschaft, die unverhoffte Schützenhilfe wittert; der Reiz, die Dosis der Provokation, die schon einmal für frenetischen Beifall sorgte, noch einmal zu erhöhen. Und so musste es wohl kommen, dass der widerborstige Hochschullehrer der Verlockung, einmal als Tribun des gesunden Volksempfindens aufzutrumpfen, nicht widerstehen konnte. Die sogenannte „Homo-Ehe“ war der Aufhänger, das ultrareligiöse Medium „kath.net“ das Sprachrohr.

Es war dem habilitierten Biologen erklärtermaßen wichtig, seine prinzipiell atheistische und naturwissenschaftlich-materialistische Ausgangsposition in dem Interview vom 3. Juli 2017 klarzustellen:

Als atheistischer Evolutionsforscher bin ich dem christlichen Glauben gegenüber offen und tolerant eingestellt, ohne jedoch Schöpfungsmythen, über Adam und Eva als das erste Menschenpaar, in mein naturalistisches Weltbild aufnehmen zu können. Die offensichtliche Ablehnung der sogenannten „Ehe für alle“, eine Weiterführung des Begriffs „Homo-Ehe“, teile ich.

Weshalb dieses Medium, das Kutscheras Ausgangsposition sonst völlig ablehnt, trotzdem die Chance ergriff, gerade ihn zum Plausch zu bitten, war ihm anscheinend keine Überlegung wert. Und so warf er auf der Woge wohlfeiler Anfeuerungsrufe alle eigentlich angebrachten Bedenklichkeiten auch in sachlicher Hinsicht über Bord. Das Interview geriet genau zu dem Desaster, als das es wahrgenommen wurde.

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Cannabis – Medizin/Sucht/Mythen/Anekdoten … was uns bewegt

Groucho,
du fehlst uns

Kaum eine Woche vergeht, in der Cannabis nicht als neues Wundermittel gegen Schmerzen, Depressionen, Schlafstörungen und andere Krankheitsbilder angepriesen wird. Und viele derer, die selbst schon mal konsumiert haben, nehmen dies zum Anlass und melden sich als Experten, oft wenig hilfreich, zu Wort.

Wie auch immer, Tatsache ist, zu diesem viel diskutierten Thema findet sich nur schwer eine neutrale Position. Oft geht es zwischen totaler Ablehnung und absoluter Toleranz. Und daraus folgt die Frage der Ebene, auf welcher diskutiert wird. Im Umgang mit, wie auch in der Diskussion über, psychotrope Substanzen und Sucht werden vielfältige und intensive Gefühle mobilisiert. Ich empfehle jedem vorab, stets auf Psychohygiene zu achten.

Wenn es bei der Diskussion nicht allein darum gehen soll, Gefühle zu artikulieren, dann sollten einige Aspekte beachtet werden, die häufig nicht ausreichend beleuchtet werden.

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Netzwerke der Abzocker: Ulrich Fricke, der Apostel des Ordens der allheilenden Jungfrau der Vitamine

Groucho,
du fehlst uns

Angelehnt an einen älteren Blog-Beitrag hier, Netzwerke der Abzocker, ist es nun mal wieder an der Zeit, ein Thema aufzugreifen, das in der Szene der Scharlatane, Betrüger und Schwurbler ein außerordentlich beliebter und einträglicher Dauerbrenner ist: der Markt der Nahrungsergänzungsmittel, speziell der Vitamine. Es existieren wenige Bereiche, in denen so viele Mythen unterwegs sind, die von unzähligen Akteuren aufrechterhalten und aus kommerziellen Gründen gepflegt werden.
Auf diesem von vornherein nicht durch Seriösität, Transparenz oder belegte Aussagen gekennzeichneten Markt der Vitalstoffe tummeln sich noch einige Black Mambas, die selbst dort auffallen. Wir wollen uns eine davon, die bisher unter dem Radar geflogen bzw. gekrochen ist, aber durchaus Potenzial zur Szene-Ikone hat, und auch ihren Arbeitgeber etwas näher ansehen.

Die Rede ist von Ulrich „the great white Hope“ Fricke, seines Zeichens selbsternannter und selbstgefeierter Experte und Apostel des Ordens der allheilenden Jungfrau der Vitamine, mit Ambitionen, den ach so maroden Gesundheitsmarkt aufzurollen. Medizinlaie Fricke, von dem keinerlei Qualifikationen oder irgendwelche Ausbildungen im Bereich der Medizin bekannt oder zu erkennen sind, ist offensichtlich wie die Jungfrau zum Kinde zu Erkenntnissen und Einsichten gekommen, die tausenden von Forschern und Institutionen verborgen geblieben sind. Offensichtlich wissen Fricke und seine Gefolgschaft Dinge, die so geheim sind, dass noch nicht einmal diejenigen davon wissen, von denen er behauptet, dass sie es wissen sollen können müssten dürften. Ein echter Wettbewerbsvorteil, der Mann ist ein Genie.

Sollten Sie jetzt, angesichts der ultimativen Verheißung des offenbar ewigen Lebens und der immerwährenden Gesundheit, den spontanen Drang verspüren, aufzuspringen und sofort ins Mekka der Vitalstoff-Erleuchtung aufzubrechen …(und das liegt nicht im fernen Osten, sondern bequem und beschaulich am Rhein), beherrschen Sie Ihre Begeisterung, dem Meister in spe zu huldigen, und achten Sie vor allem auf ihr Portemonnaie. Vielleicht ist es am Ende hilfreich, ein wenig zu verweilen.

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