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Artikel Tagged ‘Medizin’

Cannabis – Medizin/Sucht/Mythen/Anekdoten … was uns bewegt

29. Juli 2017 37 Kommentare

Groucho,
du fehlst uns

Kaum eine Woche vergeht, in der Cannabis nicht als neues Wundermittel gegen Schmerzen, Depressionen, Schlafstörungen und andere Krankheitsbilder angepriesen wird. Und viele derer, die selbst schon mal konsumiert haben, nehmen dies zum Anlass und melden sich als Experten, oft wenig hilfreich, zu Wort.

Wie auch immer, Tatsache ist, zu diesem viel diskutierten Thema findet sich nur schwer eine neutrale Position. Oft geht es zwischen totaler Ablehnung und absoluter Toleranz. Und daraus folgt die Frage der Ebene, auf welcher diskutiert wird. Im Umgang mit, wie auch in der Diskussion über, psychotrope Substanzen und Sucht werden vielfältige und intensive Gefühle mobilisiert. Ich empfehle jedem vorab, stets auf Psychohygiene zu achten.

Wenn es bei der Diskussion nicht allein darum gehen soll, Gefühle zu artikulieren, dann sollten einige Aspekte beachtet werden, die häufig nicht ausreichend beleuchtet werden.

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Die Intoleranz der bösen Schulmedizin

3. Januar 2012 26 Kommentare

Von Anhängern der diversen „alternativmedizinischen“ Methoden wird der „Schulmedizin“, also der wissenschaftlichen Medizin, gerne vorgeworfen, sie sei neuen und alternativen Methoden gegenüber intolerant und wenig offen. Wie diese Argumentation oft abläuft, möchte ich am Beispiel der Homöopathie zeigen, sie wird aber auf gleiche Weise auch von Anhängern anderer Spielarten der sogenannten „Alternativmedizin“ angewendet.

Selbst der überzeugteste Homöopath wird zugeben müssen, dass die Homöopathie offensichtlich ungeeignet ist, um zum Beispiel ein gebrochenes Bein zu behandeln. Daher ist es für ihn leicht, zu sagen: Ich gebe zu, dass die Schulmedizin in gewissen Fällen der Homöopathie überlegen ist und daher eine Daseinsberechtigung hat. Jetzt müsst ihr Schulmediziner aber auch zugeben, dass die Homöopathie in anderen Fällen der Schulmedizin überlegen ist und daher ebenfalls eine Daseinsberechtigung hat!

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Masern: Pimpfe ohne Impfe

21. September 2011 Keine Kommentare

Wir haben schon oft über und vor allem auch für das Impfen geschrieben. Und das aus sehr gutem Grund. Gerade Masern müsste heutzutage niemand mehr bekommen und damit auch nicht unter der Krankheit selbst oder den gefährlichen Spätfolgen leiden. Leider gibt es immer noch genug Menschen, die das nicht verstanden haben oder schlimmer noch, nicht verstehen wollen.

Bei doccheck.com kam gerade ein sehr guter Artikel von Dr. Erich Lederer zu diesem Thema heraus. Aber lest einfach selbst: Dr. Erich Lederer – Masern: Pimpfe ohne Impfe.

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Was kann man denn noch glauben?

19. Dezember 2010 19 Kommentare

Aus einem Forumsbeitrag, irgendwo im Netz:

Solange niemand von uns persönlich also solche Studien durchgeführt hat, bleibt es letztlich eine Glaubens- bzw. Vertrauensfrage, und der Mensch kann ja immer Glauben was er will…. Eine universelle Wahrheit springt letztlich meist doch nicht bei raus

Ich jedenfalls würde nicht in jedem Fall meine Hand für den Wahrheitsgehalt so mancher Hochwissenschaftlich anmutenden Studie ins Feuer legen und gleichzeitig alle Alternativen Methoden per se als Scharlatanerie bezeichnen, weil hinter Wissenschaft letztlich auch nur Menschen stehen, die ja bekanntlich nicht unfehlbar sind.”

Eine super Erkenntnis, aber was hilft sie uns, wenn wir urteilen müssen? Z. B. wenn wir Kinder haben, und die geimpft werden sollen?

Fast alles, was wir über diese Welt jenseits unserer persönlichen Erfahrung wissen, baut auf der Erkenntnis anderer auf. Doch woher wissen wir, dass das alles stimmt? Im Bereich des “Alltagswissens” ist es relativ einfach: Das Wissen über die Welt muss hier dazu dienen und in der Lage sein, möglichst sichere Vorhersagen zu machen, ansonsten ist es wertlos und eben kein Wissen, sondern Vermutung und Spekulation, wie etwas sein könnte, aber nicht sein muss. Wenn wir ein rohes Ei aus 1m Höhe auf einen Steinboden fallen lassen, wissen wir vorher, dass es kaputt gehen wird.

Die Metasicht
Wenn wir vor dem Problem stehen, zu etwas Stellung beziehen zu müssen, zu dem es widersprüchliche Ansichten gibt und einem spezielles Fachwissen fehlt, kann eine “Metabetrachtung” hilfreich sein, indem man als erstes, ohne groß in Details zu gehen, sehr allgemeine Überlegungen anstellt.

Nehmen wir als beliebtes Beispiel die Homöopathie. Angenommen, wir hätten keinerlei Ahnung, was das ist, außer, dass behauptet wird, man könne damit Krankheiten heilen. Also überlegen wir: Mehr…

CCSVI: Eingriffe auf spekulativer Basis, das „Liberation Treatment“ bei multipler Sklerose

21. September 2010 Keine Kommentare

Nach Diasporal mal wieder so ein richtiges Thema wo verstaubte und verluderte Schulmediziner so richtig voll auf ihre Kosten kommen, die Kasse klingelt und dahergelaufene Quacksalber doof aus der Wäsche gucken. Aber keine Sorge liebe Leser: So schlimm ist es doch nicht.
Seit etwa 2 Jahren macht eine etwa 75 Jahre alte Hypothese zu einer „venösen Multiplen Sklerose“ (MS) bei Multiple-Sklerose-Kranken die Runde. Demnach wäre die Ursache der häufigsten neurologischen Krankheit erkannt: Eine Abflussbehinderung für venöses Blut aus dem Kopfbereich durch angeborene Verengungen oder Verschlüsse bestimmter Venen im Bereich des Halses, genannt Chronische Cerebro-Spinale Venöse Insuffizienz (CCSVI). Nichts gegen Hypothesen, vielleicht ist auch was dran, immerhin sprechen einige Beobachtungen dafür, dass sich bis heute Neurologen auf einem Irrweg befanden, indem sie annahmen, bei der MS handele es sich um eine Autoimmunerkrankung. Aber auf der anderen Seite spricht doch auch sehr viel dafür, dass sie richtig liegen, und die CCSVI vielleicht nur ein unbedeutender Nebenfaktor ist, oder überhaupt kein Zusammenhang besteht.

Aber kommen wir zum Kern der Sache: Primum non nocere ist eine wichtige Regel in der Medizin. Diese knapp 2.000 Jahre alte Regel besagt „zunächst nicht schaden“, will meinen, dass vor Einsatz einer Therapie zwischen Nutzen und möglichem Schaden stets abgewogen werden muss.

Im Zusammenhang mit der CCSVI-Hypothese kann aber beobachtet werden, dass trotz des bislang nicht sicher nachgewiesenen Zusammenhangs zwischen CCSVI und MS (bzw. angesichts der extrem widersprüchlichen Studienlage) an mehreren Kliniken im In- und Ausland „experimentelle“ Ballondilatationen und Stent-Implantationen am Fließband durchgeführt werden (3.000 – 6.000 Euro). Imposanterweise oft „Liberation Treatment“ genannt. Dies, obwohl sich die Befürworter der „venösen MS-Hypothese“ sich noch nicht einmal einig darüber sind, wie die CCSVI zu diagnostizieren ist.

Der Gipfel sind Berichte aus dem Internet über Eingriffe bei Gesunden (also Nicht-MS-Patienten), die sich vorsorglich ihre CCSVI ballonieren lassen, aus Furcht sie könnten eine MS bekommen.

Zur Zeit laufen mehrere Studien, deren Ergebnis wohl 2011 veröffentlicht wird. Schaun mer mal…

Der Diskurs des Psycho-Irrsinns

26. September 2009 17 Kommentare

Ein Kommentar von pianoman zum Blogthema „Erste Pfuscherregel“, der so gut ist, dass er unbedingt einen eigenen Platz hier braucht:


Als ich am vergangenen Wochenende die Meldung zum Psychodrogendoc im Tagesspiegel las, hat sie mir zwar das Frühstück versaut, aber wirklich überrascht hat sie mich nicht.

Ich habe in den letzten Jahren des Öfteren darüber nachgedacht, was wohl passieren würde, wenn sedierende Psychopharmaka auf holotropes Atmen oder andere körperbezogene Manipulationstechniken der psychedelischen Absurd-Psychologie treffen.

Nun gut, die Frage scheint beantwortet: Offenbar geht´s richtig schief.
So war es im Grunde wohl nur eine Frage der Zeit, bis irgend jemand durch Psycho-Quacksalber, die den abgehakten Müll des NewAge wiederbeleben, zu Schaden kommen würde.
(Warum testen diese Schwachköpfe nicht mal ihre Therapien zur Abwechselung an sich selbst?)

Nun kann man ja nicht behaupten, dass die Gefahren solcher parawissenschaftlichen Therapien völlig unbekannt wären. Immerhin stehen solche Verfahren seit geraumer Zeit in der Diskussion.
Das ist zwar gut und wichtig; bringt aber offenbar gar nichts.

Deshalb hat man konsequenterweise damit aufgehört (nicht mit den schwachsinnigen Therapien, sondern mit der Diskussion), und wendet die Therapien einfach an. Ohne Diskussion.
Das ist insgesamt schlecht, und manchmal auch tödlich.

Es ist unübersehbar, dass der Diskurs des Psycho-Irrsinns der letzten drei Jahrzehnte keine Folgen hatte: Eine wirksame Kontrolle im Sinne des Verbraucher- und Patientenschutzes ist ausgeblieben.
Ganz im Gegenteil, Esoteriker und Okkultisten mit Approbation – oder die Pfuscher mit der skandalösen psychotherapeutischen HP-Prüfung – dürfen, relativ unbehelligt, weiter unter dem Deckmäntelchen der Therapiefreiheit herumwurschteln.

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Warum wir Wissenschaft brauchen: „Ich habs mit eigenen Augen gesehen“ Ist Nicht Genug

19. August 2009 18 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Harriet Hall (Übersetzung Thomas Xavier)
(Link zum Originalartikel bei SBM: Why We Need Science: “I saw it with my own eyes” Is Not Enough)

Ich habe kürzlich einen Artikel für eine Gemeindezeitung geschrieben, der versucht, wissenschaftlich nicht vorgebildeten Lesern zu erklären, warum Einzelfälle keine Beweise sind; unglücklicherweise wurde er nicht gedruckt. Ich überlegte, ihn in meinem Blog zu verwenden, aber ich dachte er wäre zu elementar für dieses Publikum. Ich habe meine Meinung geändert und bringe ihn im Folgenden (Entschuldigung an die Mehrheit unserer Leser), denn mir scheint, ein paar Leser haben immer noch nicht mitgekriegt, warum wir exakte Wissenschaft brauchen, um Behauptungen zu überprüfen. Leute, Menschen können sich täuschen. Alle Menschen. Das beinhaltet mich und dich. Richard Feynman hat gesagt:

„Der erste Grundsatz ist, Du darfst dir selber nichts vormachen – und Du bist derjenige, der sich am leichtesten was vormacht.“

Die Wissenschaft ist die einzige Methode, die Fehler zu korrigieren, die durch unsere Wahrnehmung und Zuordnung entstehen. Es ist der einzige Weg sicherzustellen, dass wir uns nichts vormachen. Entweder hat die Wissenschaftsmedizin ihre Aufgabe nicht gut gemacht, diese lebenswichtigen Fakten zu erklären, oder einige unserer Leser sind nicht willens oder unfähig unsere Erklärungen zu verstehen.

Unsere Kommentatoren schreiben häufig anekdotische Berichte, dass eine bestimmte alternative Methode „bei mir wirklich wirkt“. Sie verstehen nicht, dass sie keinen Grund haben zu behaupten: es „wirkt“. Alles was sie behaupten können ist, dass sie nach der Behandlung eine Besserung beobachtet haben. Das kann eine echte Wirkung anzeigen, aber auch eine ungenaue Beobachtung oder einen „post hoc ergo propter hoc“ Fehler, die falsche Annahme, dass eine zeitliche Korrelation einen Kausalzusammenhang bedingt. Solche Beobachtungen sind immer nur ein Ausgangspunkt: Wir müssen Wissenschaft betreiben, um herauszufinden, was die Beobachtungen bedeuten.

Letzte Woche hat ein Kommentator die bisher schlechteste Anekdote beschrieben:

„Ich habe aus erster Hand erfahren, wie das Leben durch den Körper strömt, wenn (bei der Chirotherapie) die Subluxation entfernt wird.“

Was soll das bedeuten? Erwartet er, dass irgendjemand das glaubt, nur weil er es sagt? Würde er mir glauben, wenn ich sagte, ich hätte den unsichtbaren Drachen in Carl Sagans Garage gesehen?

Ein anderer Kommentator schreibt

„Diese pro-EBM Kommentatoren hier scheinen zu glauben, dass sogar wenn sie was mit eigenen Augen sehen, sie es nicht glauben können, wenn es keine doppelt verblindeten, ordentlich publizierten Studien gibt die beweisen, dass das was sie gesehen haben wirklich passiert ist.“

Nun, ja, das ist ziemlich genau das, was wir denken und wir sind entsetzt, dass Du es noch nicht verstanden hast, denn es ist der Grund, warum wir Wissenschaft betreiben müssen. Ich würde es aber anders ausdrücken: „Etwas mit eigenen Augen sehen bedeutet nicht, dass es wahr ist und macht eine wissenschaftlichen Überprüfung nicht überflüssig.“

Wir können unseren Augen nicht trauen. Der Vorgang des Sehens selbst ist ein interpretierendes Konstrukt des Gehirns. Es gibt zwei blinde Flecken in unserem Sichtfeld und wir nehmen sie nicht einmal wahr. Ich habe einen Zauberer gesehen, der eine Frau in zwei Teile gesägt hat – das war eine Illusion, eine falsche Wahrnehmung. Ich habe einen Patienten gesehen, dem es nach der Behandlung besser ging – meine Interpretation, dass die Behandlung die Besserung verursacht hat, kann ein Fehler gewesen sein, eine falsche Zuordnung.

Für die, die es immer noch nicht kapiert haben, hier mein grob vereinfachender Artikel:

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Moderne Medizin in der Falle?

17. April 2009 19 Kommentare

Ein paar generelle Anmerkungen anlässlich der Abstimmung in der Schweiz zur Verankerung der „Alternativ“-Medizin in der Verfassung.

Als aufgeklärt denkender Mensch hat man zunehmend das Gefühl, zu einer aussterbenden Minderheit zu gehören. Jedenfalls beschleicht einen dieser Eindruck, wenn man an gesellschaftlichen Ereignissen wie Partys, Elternabenden, Kneipengesprächen usw. teilnimmt und es um das Thema Medizin geht. Die moderne Medizin ist in eine Falle gelaufen; eine mit mehren Gruben.

Die Falle des Erfolgs
Selbst ein üblicher Hausarzt kann heute ohne größeren Aufwand Erkrankungen heilen, an denen man früher mit hoher Wahrscheinlichkeit verstorben wäre. Unikliniken gehen an die Grenze des Möglichen und machen gleichsam manchmal Wunder möglich. Trotzdem – sterben muss jeder. Man stirbt heutzutage später. Dazu noch in der Regel mit deutlich erhöhter Lebensqualität. Wir haben hier den ersten Effekt, der Wahrnehmungsprobleme schafft: Mit jedem neuen Heilerfolg werden die verbliebenen, nicht „besiegten“ Krankheiten komplexer. Das Einfachere ist durchschaut, begriffen, trotzdem steht nach wie vor der Tod am Ende. Zwangsläufig bleibt eine zunehmende Komplexität übrig, die man eben deswegen noch nicht im Griff hat und nie haben wird. S.J. Gould hat diesen Effekt in seinem Buch „Illusion Fortschritt“ aus Evolutionssicht beschrieben – man muss allerdings die Vorzeichen vertauschen, was in dem Falle erlaubt, weil nicht sinnentstellend, ist. Er fragt sich, warum es z.B. beim Baseball immer seltener zu Rekorden kommt. Die Antwort ist, dass wir uns Grenzen nähern, die nicht zu überschreiten sind. In der Öffentlichkeit wird dies z.T. als Versagen wahrgenommen. Man ignoriert, dass in einer Gesellschaft vor 200 Jahren z.B. weniger Menschen an Krebs gestorben sind, weil sie aufgrund ihrer niedrigen Lebenserwartung und hunderter anderer Erkrankungen dazu gar nicht die Möglichkeit hatten, da sie schon vorher tot waren.

Was die wissenschaftliche Medizin grundlegend von anderen Wissenschaftsbereichen unterscheidet, ist, dass ihr Forschungsgebiet niemals den Durchbruch erzielen kann, den sich viele unbewusst erhoffen: Wir werden immer sterben. Zwar später und angenehmer, aber wir werden.

An dieser Einsicht erkennt man, dass wir unausweichlich auf den Punkt zulaufen, an dem wir gezwungen werden, Kosten/Nutzen-Rechnungen anzustellen. Das ist nicht schön, und darum wird das stets empört zurückgewiesen. Trotzdem ist die Logik zwingend. Es gibt die altbekannte Pareto-Regel, die besagt, dass man mit 20% Aufwand 80% des Möglichen erreicht. Um 100% des Möglichen zu erreichen, müssen also die restlichen 80% des Aufwandes getätigt werden. Nachdem in der Medizin nie 100% erreicht werden können – das würde mit der Abschaffung des Todes erreicht – kann der Aufwand theoretisch ins Unermessliche steigen. Die gesellschaftliche Frage ist also, wo wir eine Grenze ziehen. Es gingen einige spektakuläre Fälle durch die Presse, doch bald wird dieses Problem jeden treffen, der Zugang zu einer hochwertigen medizinischen Versorgung hat: Wann ist es genug? Allein diese Frage stellt die moderne Medizin in ein schlechtes Licht gegenüber den stets von „Ganzheitlichkeit“ schwafelnden Alternativ“medizinern“.

Die Falle des Placebo
Dieser Effekt hängt mit der Qualität der medizinischen Versorgung einer Gesellschaft zusammen. Auch hier schießt die moderne Medizin zwangsläufig ein Eigentor: Je besser die Versorgung, umso wirksamer der Placeboeffekt. D.h. je besser die Wissenschaft, umso beliebiger kann man in ihrem Namen herumpfuschen, denn es gibt den doppelten Boden einer Notaufnahme in einer Klinik und danach blendet man den kurzen rettenden Eingriff aus, weil das ja unangenehm und es in Wirklichkeit die Globulis etc. waren.
Mit Placebo bezeichne ich hier eine Behandlung, die vom Behandelten als Erfolg gewertet wird, obwohl eigentlich nicht behandelt wurde im Sinne dessen, was unter „richtiger“ Behandlung verstanden wird. Man kann auch „nichts tun“ dazu sagen.

Um das zu verstehen, muss man sich zwei Dinge vor Augen halten:
– Das Allermeiste dessen, was wir als Krankheit bezeichnen, verschwindet von selbst. Gemäß dem alten Spruch, dass eine Erkältung mit Behandlung 2 Wochen und ohne 14 Tage dauert. Die Definition eines Organismus ist quasi diejenige, dass er sich gegen außen verteidigen kann. Das tut er bis zur letzten Erkrankung erfolgreich.

– Der Begriff „Gesundheit“ ist ein sehr relativer. Selbst die WHO hat hier nur sehr Schwammiges formulieren können. Sprich: Ab wann ich mich krank fühle und meine, die Hilfe eines Arztes zu benötigen, schwankt ungemein mit den gesellschaftlichen Umständen. Weil wir in unserer westlichen Gesellschaft durchschnittlich einen recht guten gesundheitlichen Status haben, ist das Empfinden für das, was wir als „Krankheit“ bezeichnen, deutlich differenzierter und sensibler geworden. Anders formuliert, könnte man auch wehleidiger sagen. Nicht Gesundheit, sondern Krankheit ist der Normalzustand eines Lebewesens. Hinzu kommt: Früher musste einem ein Zahn schon arg weh tun, dass man sich einem Baader auf dem Jahrmarkt „anvertraute“. Heute ist die Hemmschwelle, sich überhaupt behandlungsbedürftig zu fühlen, dank moderner Anästhesie massiv gesunken.

Wer sich also krank fühlt, geht zum Arzt. Danach geht es im in den meisten Fällen besser. Oft auch weil die meisten Krankheiten von selbst verschwinden und wir erst dann einen Arzt aufsuchen, wenn wir uns auf einen Höhepunkt der Krankheit zu bewegen oder diesen bereits erreicht haben. Das Verständnis von „Kranksein“ ist ein sozial variables. Was früher einfach hingenommen und unter der Rubrik „nicht weiter wichtig“ abgehakt wurde, produziert heutzutage bei manchen existenzielle Nöte. Entsprechende Foren und Newsgroups im Internet lassen da wenig Zweifel, dass dem nicht so wäre.

Seltsame Folgen
Je gesünder eine Gesellschaft, um so eher fühlen wir uns krank und umso schneller genesen wir, weil wir unsere Maßstäbe für Krankheit entsprechend verschoben haben. Placebo nimmt dadurch stark an Bedeutung zu. Das erklärt vielleicht auch, warum wir laut Medien immer kränker werden, aber erstaunlicherweise immer länger leben. Und es ist die Erklärung, warum Scharlatane wie Homöopathen so viel „Erfolg“ haben und eben wie Schmarotzer hauptsächlich nur in Gesellschaften anzutreffen sind, die ein funktionierendes medizinisches System haben – oder in fatalistischen Gesellschaften wie z.T. in Indien, wo sterben so alltäglich wie Zähneputzen ist und keinen interessiert.

In einer Schale mit neutraler Nährlösung vermehrt sich alles, was sonst keine Chance hat. So ist es im biologischen Labor. Im gepufferten, demokratisch wertneutralisierten Labor unserer Gesellschaft wächst Entsprechendes: Heilsversprechungen jeglicher Couleur, zwar meistens vor langer Zeit fast ausgestorben, aber auf dem Boden einer eigentlich fast perfekten medizinischen Versorgung durch den neutralen Boden des hohen Gesundheitsstandards Auftrieb bekommend – weil zwicken tuts ja immer irgendwo. Man könnte glatt zu der Frage kommen, ob der Mensch an sich unglücklich ist, wenn er nicht leidet und ob er nicht ein Leidenspotential per se hat, das wohl irgendwie gefüllt werden muss. Man könnte sich das so erklären, dass ein Mensch zwangsläufig Eckwerte setzen muss: Es gibt in seiner Vorstellung immer einen schlimmsten und besten vorstellbaren Fall. Nähern sich auf einer absoluten Skala diese gegensätzlichen Werte, wird die Skala dazwischen entsprechend feiner. Das Relative setzt die Grenzwerte für das absolute Vorstellbare.

Aber konkret: Leute, bitte macht mit:

Beim einsamen Haudegen Beda Stadler, der wider Willen wegen der Abstimmung zu bloggen angefangen hat hier

und bei Ali Arbia hier

Es kann nicht sein, dass Voodoo-Priester von der Schweizer Verfassung gedeckt sind. Nachdem die Schweiz oft als Vorbild dient, sollte das auch jeden aus den Nachbarländern angehen.

Kidmed wird 60!

19. Dezember 2008 19 Kommentare

KidMed natürlich nicht, sondern der Initiator Ralf Behrmann, der Kinderarzt, der die Scharlatane das Fürchten lehrt!

KidMed ist DER Lichtblick im Web, wenn es um wissenschaftliche Medizin, speziell für Kinder, geht. Bei Problemen und Fragen bekommt man immer eine Antwort, egal wie spät, rund um die Uhr. Diese Antworten sind stets aufschlussreich und von nüchterner Dichte. Entweder es kommt ein angenehm ehrliches Eingeständnis („Keine Ahnung“) oder eine konkreter Hinweis („Ab in die Klinik, „abwarten“, „Arzt wechseln“ „kein Problem“ etc). Und dann wird auch noch nachgefragt, wie es nun aussieht. Welches medizinische Forum leistet sowas? Kein anderes.

Wenn es im deutschsprachigen Web jemanden gibt auf den der Spruch „Viel Feind, viel Ehr“ zutrifft, ist es Ralf Behrmann, der Kinderarzt. Begriffs-Schöpfungen wie „Homöopsychopathie“, „Alternaivmedizin“, „Anthropopsychopathen“ sagen alles – Behrmann trifft wo er kann. Und er kann!

Kidmed hat viele Feinde. Z.B. Menschen, denen Höflichkeit wichtiger ist, als konkretes Handeln. Die sich darüber entsetzen, wie man Schwachsinn nur deutlich Schwachsinn nennen kann. Von Leuten, die wahrscheinlich nicht sterben werden können, solange sie nicht jemand in höflichem Ton dazu auffordert.

Sehr geehrter Herr Behrmann, zu Ihrem 60. Geburtstag wünschen wir Ihnen alles Gute. Und das Sie uns erhalten bleiben…Venceremos!

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Endlich – eine seriöse Zeitschrift schreibt Klartext!

25. November 2008 8 Kommentare

Diesmal ist es keine Satire, sondern ein echter Tipp.
Es gibt eine seriöse und werbefreie Laienzeitschrift über medizinische Therapien:

www.gutepillen-schlechtepillen.de

Diese Redaktionen stecken hinter dem Projekt:

Gute Pillen – Schlechte Pillen

wird gemeinsam von vier unabhängigen medizinischen Fachzeitschriften herausgegeben:

Das arznei-telegramm und DER ARZNEIMITTELBRIEF richten sich vorwiegend an Ärztinnen und Ärzte sowie an Apotheker und Apothekerinnen,

während der Pharma-Brief vorwiegend Dritte-Welt-Gruppen, Gesundheitspersonal, Presse und Politik informiert.

Die Zeitschrift Arzneiverordnung in der Praxis wird von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft herausgegeben.

Die Redaktion von Gute Pillen – Schlechte Pillen rekrutiert sich aus Herausgebern und Mitarbeitern der oben genannten vier Zeitschriften. Sie wird also von Fachleuten geschrieben, die überwiegend seit Jahrzehnten wissenschaftliche Sachverhalte journalistisch darstellen. Vertreten sind die Fachrichtungen Medizin, Pharmazie, Biologie, Chemie, Gesundheitswissenschaften und Soziologie.

Die Zeitschrift ist wirklich gut, das weiß bloß kaum jemand. Ein Jahresabo kostet für Privatleute 15 €. Das ist solide angelegtes Geld, welches man locker wieder reinholt, weil man weniger auf Werbeversprechen reinfallen wird.
Für wirklich mündige Verbraucher ist „GPSP“ in meinen Augen unverzichtbar.
Die haben sogar schon vor Jim Humble und „MMS“ gewarnt: