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Artikel Tagged ‘schlechter Journalismus’

Die österreichische Kronenzeitung weiter auf Eso-Kurs

28. April 2013 21 Kommentare

Die österreichische Kronenzeitung hat zur Zeit eine Esoterik-Serie im Programm, für die sie sogar schon von der deutschen Bild-Zeitung Spott und Hohn eingeheimst hat. Wir haben schon darüber berichtet, aber da die Beiträge jede Woche einfach konstant mies recherchiert sind und die Kronenzeitung sowieso nicht gerade als Qualitätsmedium zählt, haben wir ein paar Beiträge ausgelassen.

Für unsere Leser langweilig, wenn wir einfach schablonenhaft jede Woche gebetsmühlenartig die gleichen Kritikpunkte aufzählen.

Diese Woche allerdings hat ein Detail unsere Aufmerksamkeit erregt. Der Schausteller der Woche habe laut Kronenzeitung im Internet recherchiert und sei dabei auf Prof. Ignatenko gestoßen. Professor Ignatenko wird im Artikel als renommierter russischer Wissenschaftler dargestellt, der sich schon seit Jahren mit Kosmologie, Psychologie, Biologie, Quantenphysik, Medizin und Pädagogik beschäftigt und mehrfach dafür ausgezeichnet wurde, dass er Wissenschaft mit Spiritualität verbindet.

Eine Koryphäe sozusagen. Der Mann muss es echt drauf haben. Mehr…

Die österreichische Kronenzeitung und Aura Soma

8. April 2013 10 Kommentare

Und weiter geht es. Wir haben ja schon kurz über den Auftakt einer schmerzhaften Artikelserie geschrieben, den die Krone in ihrer Sonntagsbeilage verbrochen hat. Was natürlich die Krone wenig beeindruckte. Seitdem ist im Wochentakt ein Artikel erschienen, den zweiten Teil findet man bei Atheisten-Info kommentiert, falls man glaubt, etwas verpasst zu haben.

Der dritte Beitrag – bei dem eine Hellseherin mit Verstorbenen wie Falco, Prinzessin Diana, Jörg Haider und anderen sprach – war dann so abstrus, dass sich sogar die Bildzeitung etwas verstört ob des geballten Unsinns zeigte und titelte: „Völlig gaga! Ösi-Zeitung druckt Interviews mit Toten“

Wenn sogar die Bildzeitung etwas als völlig gaga abtut, dann muss einem wirklich ein journalistischer Geniestreich gelungen sein. Gratulation sozusagen.

Da man sich aber von ein wenig Kritik nicht irritieren lassen soll, ging es diese Woche munter weiter mit „Das Farb-Orakel“.

Zum Zuge kam die so genannte Aura-Soma Therapie, die sich als ganzheitliche feinstoffliche Aura- und Seelentherapie sieht. Dazu ein Interview mit Österreichs bekanntester Aura-Soma-Beraterin Barbara Heider-Rauter. Mehr…

Die österreichische Kronenzeitung und die Hellseher

17. März 2013 29 Kommentare
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Weiterführende Literatur gibt es in der Buchhandlung

Nach dem Jubelbeitrag über Am Anfang war das Licht in der Sonntagsbeilage(?) der österreichischen Kronenzeitung vor 2 Wochen geht es auch diese Woche munter weiter.

Eine neue Serie „Übersinnliche Phänomene“ wird mit einem Modell, das sich als Engel präsentiert, auf der Titelseite angepriesen.

Nun, die Erwartungshaltung an die Kronenzeitung ist zugegebenermaßen nicht besonders groß; ein Artikel über „Engel, Hellsehen und Kontakt zum Jenseits“ – was wird das schon werden? Aber vielleicht wird man ja positiv überrascht? (Nein, nicht wirklich, aber man wird ja noch hoffen dürfen)

So geht es dann zum Artikel: auf einer Doppelseite – eine malerische Landschaft, auf der die Sonne wie ein leuchtender Stern über einer Hügelkette strahlt – bekommt man gleich ein „Shakespeare-Zitat“ präsentiert:

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich erträumen lässt“

William Shakespeare (Hamlet)

Dieses „Zitat“ ist an sich schon so ärgerlich, dass man darüber bloggen müsste, hätten es nicht schon andere getan: hier und hier (Falsch übersetzt, Romanfigur spricht zu Romanfigur, Autoritätsargument)

Auch eine Methode, einen Artikel auf vier Seiten aufzublasen.

Aber das sind nur Randnotizen: im eigentlichen Artikel wird dann die österreichische Hellseherin Rosalinde Haller von ihrer unkritischsten Seite gezeigt. Es kommt nicht einmal der Hauch eines Zweifels auf, jede Behauptung der Dame wird offenbar ohne weitere Recherche in den Artikel übernommen. Mehr…

Homöopathie im Standard

26. November 2012 27 Kommentare

Der Standard, eine österreichische Tageszeitung, ist an und für sich kein schlechtes Blatt. Aber wie es scheint, muss die Gesundheitsredaktion mindestens einmal im Jahr einen Bock schießen. Ist wohl Jagdsaison oder so.

Diesmal berichtet das Blatt über ein Symposium zur wissenschaftlichen Forschung in der Homöopathie: „Nicht Glauben sondern Wissen(schaft)“. Dabei wurde wohl über folgende Themen referiert:

  • Kann Homöopathie den Kriterien der evidenzbasierten Medizin standhalten?
  • Ist homöopathische Behandlung auf lange Sicht billiger als schulmedizinische?
  • Wie können HomöopathInnen in der Praxis ihren Beitrag zur Wissenschaft leisten?

Das Wort Symposium kann hier wohl nur im primitivsten altgriechischen Sinne gebraucht worden sein, andernfalls erschließt sich uns der Gedanke der Veranstaltung nicht, denn die Antworten kann man aus dem Handgelenk geben: „Nein„, „Nein“ und „Ist das eine Fangfrage?“.

Welch Geistes Kind der Artikel (und die Veranstaltung) ist, zeigt sich dann schon im ersten Satz zum Symposium.

Die Abgrenzung zur Schulmedizin dominierte, aber es gab Beispiele, wie sich das Beste zweier Welten vereinbaren ließe

Damit ist ein für alle mal klargestellt, hier geht es um: Die „böse Schulmedizin – die sanfte Homöopathie“. Und da die Homöopathie so lieb ist, geht sie auf die böse Schulmedizin ein. Sie ist ja viel verständnisvoller und sucht den Kompromiss. Wie der Jäger, der 2 Schüsse abgibt: einen vorn vorbei, einen hinten vorbei. Als Kompromiss definiert man: Er hat getroffen. Mehr…

Die Welt: Gentechnik, 250.000 Selbstmordbauern und anderer Unsinn

13. Dezember 2011 20 Kommentare

Die Welt hat in einem kürzlich erschienenen Artikel mit dem schönen Titel „Studie bescheinigt grüner Gentechnik Totalversagen“ komplett unreflektiert die Märchen einer sogenannten Studie fröhlich abgedruckt. Besonders interessant dabei, dass sie es eigentlich besser wissen könnten, haben sie doch in eigenen Artikeln einige dieser Märchen selbst schon thematisiert.

Besonders sticht aus dem Artikel die alte Kamelle hervor, dass sich wegen der Gentechnik in den vergangenen zwölf Jahren nach offiziellen Statistiken allein 250.000 Bauern umgebracht hätten. Wow. Harte Fakten sozusagen! Die zugrunde liegende Studie spricht übrigens sogar von 15 Jahren (Seite 21).

Leider hat die Zahl einen winzigen Schönheitsfehler. Gentechnisch modifizierte Samen wurden erst 2002/2003(!) in Indien eingeführt, nicht bereits 1997. Zynische Bemerkungen liegen uns hier auf der Zunge, aber tatsächlich ist die Selbstmordrate indischer Bauern leider entsetzlich hoch.

Verzeihen wir diesen kleinen Fehler. Der Studienschreiber hat das sicher einfach nicht gewusst, nein, ganz sicher nicht, ganz sicher nicht (*hust* Studie, Seite 41 *hust*). Wichtig ist doch: stimmt die grundsätzliche Behauptung denn? Bringen sich tatsächlich viele Bauern wegen der Gentechnik um?
Nein.

Das Thema wurde schon im exzellenten Blog (Leseempfehlung, die Erste!) Gute Gene, Schlechte Gene besprochen. Die Welt (sic!) hat in einem früheren Artikel die Behauptung als Mythos entlarvt. Und dann gleich nochmal. Auch Novo Argumente (Leseempfehlung, die Zweite!) hat das Thema schon mal zerkaut (nebenbei auch die Autorin Vandana Shiva: „Dünne Männer, die sich in dürren Bäumen aufgehängt hatten, verendete Ziegen, denen Blut aus dem Maul tropfte, weil sie angeblich das Stroh von „Gen-Baumwolle“ gefressen hatten …“), wobei auch eine Studie des International Food Policy Research Institute zitiert wird, die die Behauptungen untersucht und als unsinnig beurteilt hat.

Sehr schlimm ist anscheinend auch, dass sich die Preise für Saatgut seit der Einführung von GMO Baumwolle verachzigfacht haben! Faktor 80! Hallo, klingelt es da nicht? Klingeln da nicht irgendwelche Realismusdetektoren?

Zurück von der Märchenwelt in die Realität: In der sind die Preise von 1600 Rupien (2003) auf 800 Rupien (2006) gefallen. Dieses Jahr wurden die Preise wieder um 180 Rupien erhöht. (1 Euro = 70 Rupien)

Das sich zwei Drittel des Weltsaatgutmarktes in den Händen von Monsanto befinden, ist wohl eher ein feuchter Traum (von Monsanto). In der Wirklichkeit müssen sie sich (als Platzhirsch) mit 23% zufrieden geben.

Nach all dem Schwachsinn ist da die Behauptung, dass Superunkräuter durch Gentechnik quasi „gezüchtet“ werden, ein dickerer Brocken. In dem Thema steckt ein Stück Wahrheit, gegen Glyphosat können Resistenzen gebildet werden. Aber Maßnahmen wie Herbizidwechsel negieren das Problem. Bei Raps gibt es das Problem in der Praxis z.B. überhaupt nicht.

Man möge uns verzeihen, wenn wir nicht noch mehr Details zerpflücken (ja, das geht tatsächlich!), aber das reicht doch wohl, oder?

Wir möchten der Welt zu diesem Meisterwerk ehrlich gratulieren, das muss Bild an Fehlerdichte erst mal nachmachen …

Wiesenhof – Ein Blick auf Herrn Wesjohann

9. Oktober 2011 24 Kommentare

Die ARD hat Ende letzten Monats einen einseitigen Bericht über „Das System Wiesenhof“ ausgestrahlt und ein tierquälerisches Bild der Firma sowie ein schäbiges des Paul-Heinz Wesjohann, des Firmen/Markeneigners, gezeichnet.

Dabei fiel besonders auf: Wann immer sich Offizielle von Wiesenhof den Kameras stellten, hatten sie ihr eigenes Kamerateam mit, das ebenfalls gefilmt hat. Als Grund wurde genannt, dass kein Vertrauen besteht. Man erkennt deutlich, Herr Wesjohann ist ein gebranntes Kind, was geschnittene Interviews angeht…

Dass es auch anders geht, es möglich ist, ein faires Gespräch, ein ehrliches Interview zu führen, zeigte uns eine engagierte Bloggerin.

Manomama, Sina Trinkwalder, hat auf die Reportage hin einen offenen Brief(Jeder muss mal Federn lassen) an Herrn Wesjohann geschrieben. Sie sprach ihn an, weil sie der Beitrag sehr bewegt hatte und sie diese Art des Wirtschaftens nicht gutheißt. Allerdings, den quotengeilen Sensationsjournalismus im Beitrag und die plakative Effekthascherei von PETA auch nicht.

Der gelungene Brief hat Herrn Wesjohann offensichtlich erreicht, der daraufhin anbot, sich mit Manomama zu treffen, um die Themen der Reportage sowie des offenen Briefes zu diskutieren. Auf die Frage, ob das gefilmt werden darf, antwortete er „Ja, selbstverständlich“. (Man beachte den Unterschied!)

Herausgekommen ist ein sehr spannendes, faktisch ungeschnittenes Video (keinerlei Schnitte im Gespräch, nur bei Pausen/Raumwechseln/etc.), in dem Manomama Herrn Wesjohann viele gute Fragen stellt, ihn auch ausreden lässt und dabei und dadurch viele Antworten bekommt. Man könnte jetzt vielleicht annehmen, dass die Fragen dann „kuschelweich“ waren, aber das ganz sicher nicht. Aber sehen Sie selbst, Sie finden es im Blog von Manomama.

Herr Wesjohann zeigt sich als Unternehmer der alten Schule, sehr überzeugt von Wiesenhof, seinem Produkt, natürlich auch oft diplomatisch, aber vor allem fachlich beeindruckend kenntnisreich. Man merkt klar: 50 Jahre im Geschäft. Der Zuschauer erfährt, wie viele Kilo Futter ein Freilandhuhn und ein Wiesenhof Huhn verbrauchen (ökologischer Fußabdruck), wie das mit den Antibiotika so ist, findet Erklärungen zu diversen Kritikpunkten im ARD-Video und erfährt auch, woran Herr Wesjohann glaubt. Und wird vielleicht in manchen Dingen überrascht werden.

Die Hühnerzucht ist sicher nicht das schönste Gewerbe, wenn man aus einer Bauernfamilie stammt, weiß man, ein Bauernhof und noch viel mehr die professionelle Fleischproduktion ist kein Streichelzoo. Nicht Teil der klinisch schönen, heilen Welt, in der das Fleisch fertig paniert und portioniert, in Plastik verpackt, aus dem Supermarkt kommt. Die Produktion muss billig sein, man jammert beim Einkaufen, dass alles teurer wird, und wenn man dann abends vor dem Fernseher sitzt, freut man sich schon auf den Skandal des Tages, wie z.B. die „Zustände“ bei Wiesenhof. Und tags darauf sieht man sich dann eine Reportage über die Abgründe des Sensationsjournalismus an.

Edzard Ernst und der dürftige Journalismus im Telegraph

29. August 2011 1 Kommentar


Please note: This article also has an English version: https://blog.psiram.com/?p=3902

In den letzten Wochen haben wir viel über dürftigen Journalismus in deutschen Magazinen und Zeitungen, wie „Die Welt“ und „GEO“ gebloggt.
Als wir vor einigen Tagen ein neues Interview im „The Telegraph“ mit Edzard Ernst bemerkten, waren wir begeistert.

Vermutlich kennen die meisten unserer Leser Herrn Ernst; einige haben wahrscheinlich “Gesund ohne Pillen – was kann die Alternativmedizin?”, ein Buch über Alternativmedizin, das er zusammen mit Simon Singh schrieb, gelesen. Trotzdem möchten wir ihn kurz vorstellen:

Edzard Ernst ist der erste Professor für Alternativmedizin der Welt und lehrt an der Universität von Exeter, England. Er ist weltweit der führende Experte für Alternativmedizin und ein unerschütterlicher Verteidiger der wissenschaftlichen Methodik. Seine Position drückt er wohl am besten selbst aus (Auszug aus einem Interview mit ihm und Simon Singh):

For us, there is no such thing as alternative medicine. There is either medicine that is effective or not, medicine that is safe or not. So-called alternative therapies need to be assessed and then classified as good medicines or bogus medicines. Hopefully, in the future, the good medicines will be embraced within conventional medicine and the bogus medicines will be abandoned.

 

 

Seine Arbeit hat ihm den Respekt von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt eingetragen.

Nun, zurück zum aktuellen Thema. Der Artikel im Telegraph erwies sich als, äh also, nun ja. Sagen wir mal, er hatte einen besonderen Touch. Wir hatten etwas anderes erwartet, etwas Solideres, mit mehr Stil.

Verblüfft entschieden wir uns, Professor Ernst über den Artikel zu befragen.
Was hat Sie am meisten am Artikel gestört?

Meiner Ansicht nach war das Ärgerlichste die Einstellung der Journalistin. Sie schien Wissenschaft herabzusetzen und Unwissenschaftlichkeit anzupreisen. Das mag man vielleicht von einer billigen Frauenzeitschrift erwarten, aber nicht vom meistgelesenen Blatt Großbritanniens.

Wir könnten nicht mehr zustimmen, auch uns erschien der Artikel sehr herablassend. Die Einstellung der Journalistin ist offenbar treffend klassifiziert mit: „Was auch immer, interessiert mich nicht sehr“.
Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Wir fragten Professor Ernst noch nach der Qualität des Artikels und nach potentiellen Fehlern. Er war so freundlich, uns ein paar Beispiele zu nennen:

Es waren zu viele faktische Fehler und Ungenauigkeiten, um sie aufzuzählen. Zum Beispiel existiert eine „recuperative medicine“ („stärkende Medizin“) nicht. Ich teilte ihr mit, dass ich den Lehrstuhl für Physikalische Medizin und Rehabilitation in Wien innehatte. Ebenso habe ich nie gesagt, dass meine Einheit zu Spitzenzeiten 20 Forschungsprojekte durchführte; ich erwähnte, dass wir früher 20 Forscher waren. Zu diesem Zeitpunkt betrieben wir weit mehr als 20 Projekte und selbst jetzt führen wir etwa 20 durch. Dies mag nach Trivialitäten aussehen, sind aber tatsächlich die Ergebnisse von mangelhaftem Journalismus.

Unsere deutschen Leser werden uns vermutlich zustimmen, das kommt dem, was GEO und Die Welt abgedruckt haben, nicht nahe, aber es ist schlimm genug. Sollte ein Journalist nicht danach streben, die Fakten korrekt darzustellen? Wir sind uns nicht sicher, was schlimmer ist: Die groben Fehler (die man leicht sieht) in unseren deutschen Magazinen oder die schlampigen, gleichgültigen Fehler im Telegraph?

„Die Welt“ über Impfungen – Jetzt ist es genug

9. August 2011 23 Kommentare

Seit einigen Monaten verwendet „Die Welt“ in ihren impfbezogenen Artikeln(1, 2, 3, 4 and last but not least 5) eine kleine Pro/Kontra Infobox. Das Kontra wurde wohl von einem „Freimuth Hessenbruch, Allgemeinmediziner mit anthroposophischer Zusatzqualifikation, aus Winterbach (Rems-Murr-Kreis)“ , der sich selbst als „Impfkritiker“ – nicht „Impfgegner“ bezeichnet, verfasst.

Zu dem Herrn spuckt die Suchmaschine leider nur aus: „Sehr nett und kompetent. Sehr gute homöopathische Mittel.“. Wobei kompetent und „gute homöopathische Mittel“ ein klarer Widerspruch ist.

Was gibt dieser Herr Hessenbruch nun als Kontra zu Impfungen zum Besten?

Der Impfzeitpunkt ist entscheidend. Das von der Ständigen Impfkommission angegebene Alter von drei Monaten ist zu früh. Die neurologische und Immunentwicklung ist erst mit einem Jahr so weit, dass man mit Impfungen beginnen kann. Mit einem Jahr ist die Tetanus-Impfung gegen Wundstarrkrampf empfehlenswert, danach die gegen Diphtherie, eine schwere Atemwegserkrankung.

Wir empfehlen hier doch im Hinblick auf die fachliche Korrektheit der weiteren Aussagen des Herrn doch lieber der Impfempfehlung des RKI zu befolgen:
Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut PDF

Diese sind durch Statistiken und harte Fakten untermauert, keine persönliche Meinung.

Die klassischen Kinderkrankheiten wie Mumps, Masern und Röteln sollen die Kinder bis etwa zum 13. Lebensjahr durchleben können, denn dann haben sie anders als bei einer Impfung einen lebenslangen Schutz.

Die Empfehlung, Kinder lieber dem Risiko der Krankheit auszusetzen als einer Impfung, ist grober Unfug. Und der Impfschutz durch MMR wirkt nach heutigen Erkenntnissen ebenfalls ein Leben lang. Mehr…

Latte statt Leitlinie

20. März 2009 9 Kommentare

Der Medien-Triumph des Banalen über das Wichtige
Wenn man die Printmedien der letzten Woche zu medizinischen Themen überblickt, so fällt auf, dass sehr viele Zeitungen auch in ihrem Online-Angebot eine Nachricht verbreiteten: ein aussichtsreiches pflanzliches Viagra sei gefunden und würde gegenwärtig an der Charité geprüft. Da wurde der Doktorand schon mal zum „Studienleiter“, der Alleingang des Studenten und vermutlich seines Doktorvaters schon mal unter das Renommee der Charité gestellt, was von diesen aber wohl beabsichtigt war. Eine Meldung wirkt glaubwürdiger, wenn die Institution einen guten Ruf genießt, was ja auch meistens gerechtfertigt ist. Bis in den „Krankenkassen-Ratgeber“ watschelte die Marketingente. Auch wenn Sex die „wichtigste Nebensache der Welt“ sein soll: da hat wohl die Begeisterung, dass die Wirkungen von Viagra jetzt auch ohne Nebenwirkungen, was ja mit dem Begriff „Bio-Viagra“ suggeriert werden soll, zu haben seien, den einen oder anderen Redakteur dazu verleitet, erst weiterzugeben und dann erst nachzufragen. Die unerfreuliche Wahrheit über diese Meldung kommt derzeit an Licht, die Charité erwägt rechtliche Schritte, die Zeitungen drucken Klarstellungen oder nehmen die Meldung ganz heraus. An der Geschichte war wenig jenseits der Phantasie eines Doktoranden und dem Marketinginteresse des Herstellers, der die Nahrungsergänzung nächstes Jahr auf den Markt bringen will.

Ganz leise neben diesem mächtigen Rauschen im Blätterwald wirkt dagegen die eigentliche Meldung der Woche, wenn nicht des Jahres hinsichtlich ihrer Tragweite. Der Skandal um den amerikanischen Anästhesiologen Scott Reuben, der über mindestens 12 Jahre hinweg mindestens 21 Studien gefälscht haben soll, findet bis auf eine kleine Notiz im Ärzteblatt vom 11.03.2009 bislang nicht den Weg in die großen deutschen Agenturen. Wahrscheinlich Millionen Patienten wurden mit Mitteln aufgrund von angeblich gesicherten Empfehlungen behandelt, deren Datenbasis schlicht gefälscht war. Diesen Mitteln wurden besondere Vorteile gegenüber den bisher verwandten zugeschrieben. Natürlich waren sie teurer. Und auffallend oft Neuentwicklungen aus dem Hause Pfizer. Die Mittel fanden Eingang in die Leitlinien, also Empfehlungen für sachgerechtes ärztliches Handeln, zuungunsten anderer Substanzen. Was diese, aus heutiger Sicht, grundlos veränderten Empfehlungen an zusätzlichen Kosten verursacht haben, wird man erst abschätzen müssen, auch, ob dadurch Menschen durch die Gier und Skrupellosigkeit eines Mannes zu Schaden kamen. Bextra und Vioxx, von Reuben empfohlene Mittel, wurden bereits vor einigen Jahren vom Markt genommen wegen schwerer Nebenwirkungen. Vielleicht werden jetzt weitere folgen. Der Anästhesiologe war letztes Jahr über einen hausinternen Formfehler gestolpert, wodurch nach und nach das ganze elaborierte Lügengebäude einstürzte. Immerhin waren seine Veröffentlichungen von namhaften Fachjournals abgedruckt worden, er hatte also die üblicherweise wirksamen Qualitätskontrollen zu unterlaufen gewusst. Auch scheint der Pharma-Konzern Pfizer, dessen Mittel von den Empfehlungen Reubens stark im Umsatz profitierten, möglicherweise über die Vergabe von Geldern in den Betrug verwickelt. Die Geschichte hat also nicht nur alles, was eine Meldung für Leser spannend machen sollte, sondern hätte für nicht wenige Leser – die Mittel sind auf dem Markt – auch direkte Konsequenzen: sie könnten bei ihrem Arzt einmal nachfragen, ob es nicht ggf. Alternativen zu ihrer gegenwärtigen Medikation gibt.

Es steht also einmal unwichtig und unwahr gegen wahr und wichtig.

Warum verbreitete sich also die eine Meldung wie ein Lauffeuer und die andere schwelt nach wie vor unter der Decke? Eine Schreckstarre vor dem Giganten Pfizer wird es nicht gewesen sein. Die Antwort könnte vielleicht ganz einfach sein: Journalisten sind (wie alle Menschen) bequem und sie stehen unter Zeitdruck. Die eine Meldung konnte rasch mit ein paar bunten verbalen Anregungen versehen gedruckt werden, da sie – sie kam ja von der Charité – als seriös galt. Die andere Meldung war weniger erfreulich, hätte Recherchen in US-Medien und an den beteiligten Institutionen erfordert zuzüglich vielleicht noch Nachforschungen, wie verbreitet die Mittel hierzulande sind. Wenn man also nur „Dienst nach Vorschrift“ machen wollte, irgendwie nur das Blatt füllen wollte, war man vom zeitlichen und Arbeitsaufwand her mit der ersten Meldung besser bedient. Die Alternative, dass nämlich in den Nachrichtenagenturen und Redaktionen nur noch Menschen sitzen, die einen großen Skandal nicht mal erkennen, wenn man ihn ihnen auf den Bauch bindet, mag man sich nicht vorstellen. Auch nicht, dass man dort der Meinung ist, eine gute Nachricht über Sex verkaufe sich besser als eine schlechte Nachricht über Krankheit.

Die Fragen bleiben also: warum nehmen die deutschen Medien den Fall Reuben/Pfizer so wenig zur Kenntnis? Warum erscheint den Redakteuren Lifestyle wichtiger als Lebensrettung? Trügt dieser Eindruck?

Hoffentlich kommen die Herren und Damen Wissenschaftsredakteure bald mal in die Puschen. Während sie von „Bio-Viagra“ träumen, werden draußen im Lande die Menschen auf Grundlage dieser Fälschungen behandelt.

bisherige deutschsprachige Links zum Thema:
Wissenschaftsbetrug schockt USA
Von Christa Karas in der „Wiener Zeitung“

US-Schmerzforscher als Studienfälscher entlarvt im Blog „Stationäre Aufnahme“

Medizinischer Fälschungsskandal: Der bedenkliche Fall des Scott S. Reuben im Blog „Echolot“

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21.03.2009
wieder die Wiener Zeitung:
Wer benötigte neue Schmerzmittel?
Von Christa Karas

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23.03.2009
Das schockierende Lügengebilde des Scott Reuben und dessen Fundamente
im Blog „Weitergen“

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Schmerzfreier Fälscher
23.03.2009, 20:49
Von Hanno Charisius
(Süddeutsche Zeitung)