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Artikel Tagged ‘Gerichtsurteil’

Kriminelle bei Psiram

27. Juni 2015 23 Kommentare

Psiram Wiki feat. The Daltons

Wer sich durch die unendlichen Weiten des Netzes bewegt und dabei auf den Namen „Psiram“ stößt, wird früher oder später mit Unterstellungen angeblich diverser Straftaten, Prozesse und Urteile konfrontiert. Auf anonymen Webseiten ohne Impressum wird geraunt, es gäbe da dunkle Machenschaften, die dringend an die Öffentlichkeit gebracht werden müssten.

Das hat uns natürlich sehr interessiert, deshalb sind wir der Sache nachgegangen und haben unser Psiram-Wiki genauer untersucht. Und tatsächlich: es wimmelt dort nur so von Gerichtsurteilen, Anklagen und Ermittlungsverfahren. In knapp 200 Artikeln haben wir entsprechende Hinweise und Quellenangaben gefunden, diese sorgfältig aufgelistet und analysiert.

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Diagramm anklicken um zugehörige Daten in der Tabelle anzuzeigen

Diese interaktive Grafik zeigt die Verteilung der im Psiram-Wiki dokumentierten Straftaten und Urteile. Ein Klick auf das jeweilige Segment öffnet eine Tabelle mit Links auf die zugehörigen Artikel.




 

Gesiebte Luft

Die Bandbreite der Kriminalgeschichten reicht von Betrug, Steuerhinterziehung, Volksverhetzung bis hin zu Körperverletzung, Totschlag und Sexualstraftaten. Ein nicht unwesentlicher Teil unserer Wiki-Bewohner hat bereits gesiebte Luft geatmet und wurde zu Haftstrafen zwischen 3 Monaten bis zu 20 Jahren verurteilt, die Summe aller Urteile mit darauf folgendem Freiheitsentzug beträgt mehr als 290 Jahre.

Aber werfen wir zunächst einen Blick auf die kleineren Übeltäter. Volksverhetzung ist unter den Bewährungs– und Geldstrafen am häufigsten zu finden. Dabei handelt es sich meistens um Anhänger kommissarischer Reichsregierungen und Verbreiter rechtsesoterischer Verschwörungstheorien. Beleidigung und Bedrohung von Staatsbediensteten gehören in diesen Kreisen ebenso zum guten Ton wie die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole und wurden mit entsprechenden Urteilen geahndet.

Bemerkenswert: Unter den Kleinkriminellen im Psiram-Wiki finden sich so gut wie keine Betrüger, wenn man minderschwere Fälle von Steuerhinterziehung und Konkursbetrug vernachlässigt. Verurteilungen wegen Betruges fingen sich vorwiegend die Schwergewichte der Scharlataneriebranche ein. Spitzenreiter ist hier ein Anbieter unkonventioneller Krebstherapien, der zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde. Gewissermaßen außer Konkurrenz wird die Top-Ten jedoch vom Erfinder des Wasserautos angeführt, der seine Strafe allerdings nie antrat und frühzeitig verstarb.

„Perendev-Generator“ von Mike Brady

Unmögliche Erfindungen und schräge Geschäfte mit dem Geld anderer Leute scheinen ohnehin sichere Tickets in die staatliche Vollpension zu garantieren. Hier seien beispielhaft Andrea Rossi (E-Cat), Horst Kirsten (GFE), Mike Brady (Perendev) und Holger Thorsten Schubart (Neutrino Inc.) erwähnt, die aus ihrer frischluftarmen Vergangenheit immerhin gelernt haben, nur noch leere Versprechungen statt funktionsloser Geräte und geplatzter Kredite zu verkaufen.

Erschreckend fanden wir die Tatsache, dass ein großer Teil der dokumentierten Straftaten Sexualdelikte betrifft, deren Opfer teils minderjährige Personen waren. Diese Verbrechen fanden überwiegend im Umfeld von Sekten und esoterischen Vereinigungen statt.

Ebenfalls grausam sind unterlassene, aber notwendige medizinische Behandlungen, die zu Verurteilungen wegen Körperverletzung und fahrlässiger Tötung durch Unterlassen führten. Unter den Verurteilten finden sich etwa Anhänger der Germanischen Neuen Medizin nach Hamer, die sich weigerten, ihren Kindern eine Versorgung nach aktuellen wissenschaftlichen Standards zukommen zu lassen, aber auch falsche Heiler, die krebskranke Patienten durch pseudomedizinische Verfahren in den sicheren Tod schickten.

Viele Möchtegern-Mediziner schmücken sich mit falschen Titeln, lassen sich als Doktor und Professor bezeichnen oder glänzen mit Jodeldiplomen von Titelmühlen. Jene, die sich dabei weniger geschickt anstellten, konnten dafür bis zu zwei Jahren Auszeit in ihren Lebenslauf eintragen.

Die gute Nachricht zum Schluss: Eine Auswertung der polizeilichen Führungszeugnisse sämtlicher Wiki-Autorinnen und Autoren bei Psiram ergab übrigens insgesamt eine Zahl von – Moment, nochmal nachrechnen – ja, exakt Null dokumentierten Verurteilungen, auch keine laufenden Strafverfahren und selbst die Hochschulabschlüsse sind alle echt.

Im Psiram-Wiki dokumentierte Haftstrafen – „Top-Ten“
PersonArtikelUrteil(e)Delikt
Daniel DingelWasserauto20 JahreBetrug
Guy-Claude BurgerGuy-Claude Burger15 Jahre + 4 JahreSexualdelikt
Nicholas BachynskyIntracellular Hyperthermia Therapy14 JahreBetrug
Michel und Dagmar GinouxGlaubensgemeinschaft Zwölf Stämme12 JahreKörperverletzung
Holger Thorsten SchubartNeutrino Inc4 J. 4 M., 6 J. 6 M.Betrug
Jim McCormickADE 65110 JahreBetrug
Kevin TrudeauKevin Trudeau10 JahreBetrug
Horst KirstenFreie-Energie-Geschäftsmodelle9 JahreBetrug
Andrea RossiFocardi-Rossi-Energiekatalysator9 JahreBetrug
Grigori GrabovoiGrigori Grabovoi8 JahreBetrug
Otto MühlOtto Mühl7 JahreSexualdelikt

Mehr zum Thema:

Klehr verklagt Blogger: Aktion Klehranlage

30. Mai 2012 16 Kommentare

Der Krebsscharlatan Nikolaus Klehr war bereits mehrfach Thema hier im Blog. Die Tatsache, dass er für viel Geld ebenso „alternative“ wie wirkungslose Behandlungen gegen Krebs durchführt, brachte ihm nicht nur die Bezeichnung „erwerbsgetriebenes Ungeheuer“ seitens des Präsidenten der bayerischen Ärztekammer ein, sondern auch eine Anklage wegen Betruges in Österreich. Der Prozess in Salzburg läuft immer noch; Klehr drohen im Falle einer Verurteilung bis zu 10 Jahre Haft.

Neben seiner nutzlosen Krebstherapie ist Klehr aber auch für seine Klagefreudigkeit bekannt: Wie nicht wenige seiner Scharlatan-„Kollegen“ neigt er dazu, auf Kritik an seinen Behandlungsmethoden statt mit sachlichen Argumenten lieber mit Abmahnungen und Klagen zu reagieren.

Zuletzt traf es den Rechtsanwalt und Blogger Markus Kompa, den Klehr vor dem Landgericht Hamburg verklagte, und zwar nicht einmal wegen dem, was Kompa selbst schrieb, sondern lediglich, weil Kompa einen Link auf ein Video setzte. Bei diesem Video handelte es sich um einen Beitrag der Fernsehsendung Panorama der ARD, gegen den Klehr ebenfalls rechtlich vorgegangen war. Mehr…

Geistheiler: Selber schuld – und wenn ja: wieviel?

20. Januar 2011 37 Kommentare

1. Wer sich mit dem Wolf plagt
Lupus Erythematodes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich Körperzellen, stark vereinfacht,  auf äußere Reize hin durch falsche Programmierung selbst auflösen. Ein fehlgesteuertes Immunsystem erkennt solche Zellen als fremd und leitet eine Immunreaktion ein. Das Ergebnis sind schließlich umfassende Entzündungsprozesse, die in schweren Fällen in ein multiples Organversagen mit tödlichem Ausgang einmünden können. So viel vorab zur Harmlosigkeit eines „Wolfes“. Die medikamentöse Behandlung bedient sich unter anderem einer präzise eingestellten Cortison-Substitution (und, nebenbei gesagt, ist das eines der streng überwachten Anwendungsgebiete für den Contergan-Wirkstoff Thalidomid).

2. Wie die Geschichte begann
Eine junge Frau, nennen wir sie K., litt unter einem Systemischen Lupus Erythematodes (SLE). Die Erkrankung hatte bereits erhebliche Komplikationen verursacht, darunter eine Rückenmarkserkrankung mit Querschnittssymptomatik, in deren Folge K. an den Rollstuhl gefesselt war. Zur Behandlung war ihr Cortison verordnet. Im Sommer 2003, mit 21 Jahren, wandte sie sich an Frau B. Vor dem Haus der Frau B. hängt ein Praxisschild mit der Aufschrift „Tierheilpraktikerin…Termine nach Vereinbarung/Mobile Naturheilpraxis“. In der Folgezeit kam es zu mehreren Besuchen und Telefonaten zwischen K. und B., deren Inhalt streitig ist. Nicht streitig ist, dass Frau B. eine Haarprobe der Frau K. untersuchte und diese Probe mit ihr besprach. Mehr…

Verleumdungsklage: Simon Singh darf Berufung einlegen

15. Oktober 2009 2 Kommentare
Verleumdungsklage: Simon Singh darf Berufung einlegen

Padraig Reidy

Heute bestätigte ein Gericht das Recht des Wissenschaftsjournalisten Simon Singh auf freie Meinungsäußerung. Er darf gegen die Entscheidung des Hohen Richters Eady in der Sache der British Chiropractic Association (BCA) gegen ihn Berufung einlegen.

Meldung vom HPD

Zehnkampf im Hochstapeln

20. Juni 2009 1 Kommentar

Protsch von Zieten, siehe Beitrag „Der Herr der Schädel“ vom 18.06.2009, wurde gestern zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Über dieses recht milde Urteil – wenn man die Einzelstrafen bedenkt – waren Verurteilter und Verteidigung so erfreut, dass man auf Rechtsmittel verzichtete. Da auch der Staatsanwalt Rechtsmittelverzicht bekundete, ist das Urteil rechtskräftig. Protsch von Zieten muss alle Kosten des Prozesses tragen.

Er ist siebzig. Fast hätte er es mit seinen lebenslangen Aufschneidereien so weit gebracht, dass er mit vollen Bezügen eines C4 Professors in den Ruhestand hätte gehen können. Fast. Doch die beamtenrechtlichen Folgen des heutigen Urteils werden noch festzulegen sein. Es wird wahrscheinlich mindestens in eine Aberkennung der Ruhebezüge münden, die sich auf etwa 4500 Euro monatlich belaufen.

Da die Vorgänge und Behauptungen so ungewöhnlich und unglaublich sind, sind sie etwas breiter dargestellt.

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Die Ohnmacht eines Egomanen

10. April 2009 24 Kommentare

Unter dem Aktenzeichen (234 Cs)3012PLs14916/07(133/08) fand am 24.03.2009 um 12:00 Uhr im Raum 1007 des Berliner Amtsgerichts Tiergarten die mündlichen Verhandlung in der Strafsache das Volk gegen Dr. rer. nat. Stefan Lanka statt.

Das Verfahren hatte die Beleidigungstatbestände der §§185ff des Strafgesetzbuches zum Gegenstand. Die Ermittlungen gegen den Angeklagten Lanka wurden aufgrund eines Antrages des Prof. Dr. Reinhard Kurth in die Wege geleitet, nachdem der AIDS-Leugner Lanka dessen Wirken als Präsident des Robert Koch Instituts (RKI) als strafbar gemäß dem Völkerstrafrecht bezeichnete und dies im Jahre 2007 per Fax dem RKI kundtat.

Lanka, in seiner unerschütterlichen Überheblichkeit, zog es vor, seine Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen. Ein Unterfangen, welches von Beginn an zum Scheitern verurteilt war und in der folgenden Exklamation Lankas einen denkwürdigen Höhepunkt fand:

„SIE SIND EIN MÖRDER, EIN MASSENMÖRDER, EIN VÖLKERMÖRDER!“

Prof. Kurth nahm es gelassen.

Worum ging es Lanka in diesem Verfahren? Lanka, der als Mitglied der sog. Perth-Group die These vertritt, die Existenz von HIV als ein exogenes Retrovirus sei nicht nachgewiesen, wollte mit diesem Verfahren ein Exempel statuieren und seine Auffassung zur AIDS-Thematik kolportieren. Auf diesem Wahn basierte seine Verteidigung: Wenn Prof. Dr. Kurth öffentlich bekennt, daß HIV existiert und nachgewiesen wurde und die damit verbundenen HIV-Tests valide sind, kann er, Lanka, der große Wissenschaftler, gegen Prof. Kurth Strafanzeige wegen Meineides stellen. Für Lanka war es ein unwesentliches Detail, daß hier gegen ihn ermittelt und vor Gericht gezogen wurde. Er sieht in diesem Strafprozeß eine Gelegenheit, seinen Standpunkt vor Gericht zu verteidigen nicht seine strafbare Handlung. Der vermeintliche Meineid Kurths ist für ihn das Ziel – nicht die Abwendung einer Verurteilung.

Lanka konnte seinen Kampf nicht auf dem Boden der Wissenschaft gewinnen, so sucht er nun, ihn im Lager der Juristerei für sich zu entscheiden. Die Maßstäbe, die hier angelegt werden, sind jedoch mitnichten geringer als die, mit welchen er in peer-reviewed Publikationen zu kämpfen hat. So ist es nicht verwunderlich, daß in der Datenbank von Pubmed zwar 152 Einträge zu Autoren namens Lanka zu finden sind, einen Stefan Lanka man jedoch vergeblich sucht.

Daß Lanka unter Anbetracht der durch ihn im Verfahren getätigten Aussagen nur verurteilt werden konnte, liegt auf der Hand. Spektakulär war sein Auftritt mit Sicherheit, von einer großartigen Verteidigung kann angesichts des Ausgangs wohl kaum gesprochen werden. Dank seiner Selbstverteidigung hat er sich einen Eintrag ins Bundeszentralregister erworben als auch eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen á 15 EUR (750 EUR). Wir gratulieren.