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Artikel Tagged ‘Wissenschaft’

Foldit – Oder wie Computerspieler wissenschaftliche Paper schreiben…

19. September 2011 1 Kommentar

Ok, der Titel ist etwas übertrieben, aber nur ein klein wenig. Tatsächlich gelang es mit Hilfe von Computerspielern ein Problem der Proteinfaltung innerhalb von 3 Wochen zu lösen, an dem Wissenschaftler seit 15(!) Jahren verzweifeln. Das Ergebnis war das zweite Paper, das auf der Basis von Foldit Erkenntnissen im Nature Magazin veröffentlicht wurde. Die Spieler (bzw. die Spielergruppen) werden als Co-Autoren gelistet.

Screenshot of Foldit software aus Wikipedia

Screenshot(Quelle: Wikipedia)

Bei Foldit handelt es sich um ein experimentelles Computerspiel, bei dem es darum geht, Proteinfaltung durchzuführen. Wie bei vielen Computerspielen löst man Probleme, allerdings haben die Probleme in diesem Fall eine „reale“ Qualität. Es geht darum, Proteine möglichst gut zu falten, ähnlich wie es auch Projekte wie Folding@Home und Rosetta@homeautomatisiert tun. Aber wo rohe Rechenkraft ins Leere läuft, macht menschliche Intuition den Unterschied.

Im konkreten Fall konnte die Struktur des Enzyms M-PMV retroviral protease durch den Mix aus Zusammenarbeit und Konkurrenz der Spieler von Foldit sehr schnell entschlüsselt werden. Es handelt sich dabei, wie auch Geograffitico nebenan bei den Scienceblogs berichtet um ein Protein, dass in der AIDS Forschung von großem Nutzen sein könnte, es löst das Äquivalent von AIDS in Rhesus-Affen aus.

Es wird zur Zeit intensiv daran geforscht, Proteine wie dieses mit Medikamenten zu blockieren, jedoch kämpfte man bisher damit, dass man nicht wusste, welche geometrische Struktur das Protein hat.

Es gelang den Spielern Modelle zu erarbeiten, die es innerhalb weniger Tage erlaubten, die Struktur des Enzyms zu bestimmen. Und nicht nur das, es gelang außerdem lohnende Ziele an der Oberfläche auszumachen, die als Ziele für Medikamenten dienen könnten. Laut der Foldit Homepage hat man noch weitere Erkenntnisse auf Lager, die man in Kürze veröffentlichen wird. Man darf also gespannt sein. Um Seth Cooper, einen der Schöpfer von Foldit zu zitieren:

Games provide a framework for bringing together the strengths of computers and humans. The results in this week’s paper show that gaming, science and computation can be combined to make advances that were not possible before.

Jedenfalls finden wir die Meldung cool und das Spiel durchaus interessant. Da soll noch einer sagen, Computerspielen ist zu nichts nutze. 😉 Man kann nur hoffen, dass die Publicity weitere Spieler anlocken wird. Und es scheint, von außen betrachtet, zu funktionieren, die Foldit Seite ist zur Zeit sehr zäh.

Bleibt wohl nur die Frage, wann integriert das ganze jemand in World of Warcraft?

Die Geschichte vom Feuergott oder An den Grenzen der Rationalität

17. September 2011 23 Kommentare

Ein toller Gastbeitrag von einem unserer Blogleser. Besten Dank!

Vor langer, langer Zeit kamen einst zum ersten Mal nach der Jagd Menschen zusammen, um ihre Beute gemeinsam zu verzehren und Geschichten darüber auszutauschen, wie sie diese für sich erringen konnten. Aus einem Treffen wurden erst zwei, dann viele, und schließlich war es zu der Menschen liebster Zeitvertreib geworden, so beieinander zu sitzen. Aus Einzelpersonen wurden Paare, dann Jagdgruppen und schließlich Stämme, die allein durch das Gefühl der Gemeinsamkeit verbunden waren.
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Was kann man denn noch glauben?

19. Dezember 2010 19 Kommentare

Aus einem Forumsbeitrag, irgendwo im Netz:

Solange niemand von uns persönlich also solche Studien durchgeführt hat, bleibt es letztlich eine Glaubens- bzw. Vertrauensfrage, und der Mensch kann ja immer Glauben was er will…. Eine universelle Wahrheit springt letztlich meist doch nicht bei raus

Ich jedenfalls würde nicht in jedem Fall meine Hand für den Wahrheitsgehalt so mancher Hochwissenschaftlich anmutenden Studie ins Feuer legen und gleichzeitig alle Alternativen Methoden per se als Scharlatanerie bezeichnen, weil hinter Wissenschaft letztlich auch nur Menschen stehen, die ja bekanntlich nicht unfehlbar sind.”

Eine super Erkenntnis, aber was hilft sie uns, wenn wir urteilen müssen? Z. B. wenn wir Kinder haben, und die geimpft werden sollen?

Fast alles, was wir über diese Welt jenseits unserer persönlichen Erfahrung wissen, baut auf der Erkenntnis anderer auf. Doch woher wissen wir, dass das alles stimmt? Im Bereich des “Alltagswissens” ist es relativ einfach: Das Wissen über die Welt muss hier dazu dienen und in der Lage sein, möglichst sichere Vorhersagen zu machen, ansonsten ist es wertlos und eben kein Wissen, sondern Vermutung und Spekulation, wie etwas sein könnte, aber nicht sein muss. Wenn wir ein rohes Ei aus 1m Höhe auf einen Steinboden fallen lassen, wissen wir vorher, dass es kaputt gehen wird.

Die Metasicht
Wenn wir vor dem Problem stehen, zu etwas Stellung beziehen zu müssen, zu dem es widersprüchliche Ansichten gibt und einem spezielles Fachwissen fehlt, kann eine “Metabetrachtung” hilfreich sein, indem man als erstes, ohne groß in Details zu gehen, sehr allgemeine Überlegungen anstellt.

Nehmen wir als beliebtes Beispiel die Homöopathie. Angenommen, wir hätten keinerlei Ahnung, was das ist, außer, dass behauptet wird, man könne damit Krankheiten heilen. Also überlegen wir: Mehr…

Warum wir Studien brauchen.

25. Oktober 2010 42 Kommentare

“Ihr mit Euren Studien dauernd. Mir hat es geholfen, und das genügt mir.” “Wer heilt, hat recht!” (Das haben wir schon oft erwähnt). Das sind Sätze, die man so in Diskussionen mit Anhängern so genannter alternativer Methoden immer wieder hört. Das klingt erst einmal nach gesundem Menschenverstand, nach etwas, das eigentlich einleuchtet.

Beda Stadler (Prof. und Leiter des Immunologischen Instituts in Bern) meinte einmal, dass die zwei größten Errungenschaften der Medizin im 20. Jahrhundert die Doppelblindstudie und das Impfen gewesen wären. Es erstaunt, dass er die Doppelblindstudie vor das Impfen gesetzt hat. Aber er hat recht.

Man muss aber erst einmal ein Verständnis für die Problematik entwickeln, um das nachzuvollziehen. In der Medizin hat man ein Problem: Der “Versuchsgegenstand” Mensch ist zum einen nicht normiert, und er ändert sich während des Versuches auch noch dauernd. Da haben es die Physiker wesentlich einfacher. Ein Eisenwürfel bleibt ein Eisenwürfel. Auch, wenn man ihn beschimpft oder gegen die Wand knallt. Ein lebender Organismus hingegen reagiert konstant auf Umwelteinflüsse, und vor allem ist er darauf spezialisiert, sich permanent selber zu reparieren.

Es ist enorm schwierig, eine Methode oder Behandlung als wirksam zu beweisen, da man nie weiß, was ohne diese Behandlung geschehen wäre. Klar, es gibt eindeutige Eckpunkte: Kein Mensch wird Zyankali in passender Menge überleben, kein insulinpflichtiger Diabetiker den Entzug des Insulins. Der größte, umstrittenste Teil spielt sich allerdings in der Mitte ab.

Hinzu kommt unser Hirn. Es ist nicht dafür gemacht, die “Wahrheit” zu erkennen, sondern fungiert evolutionär als Überlebensinstrument. Dazu gehört die Selbsttäuschung, das selektive Wahrnehmen inklusive dem Umgekehrten, dem selektiven Wegschauen. Was dem Überleben dient, ist gut, ob nun real falsch oder nicht. Die Natur ist da sehr pragmatisch und kennt keine Ethik oder Moral. Was unser menschliches Hirn auszeichnet, sind im Wesentlichen zwei Dinge: Filtern und Lügen. Klingt nicht gut, ist aber so. Weiter kommt erschwerend hinzu: Was wir persönlich erleben, gewichten wir wesentlich schwerer als die Berichte Anderer. Und unsere Erinnerungen sind auch sehr selektiv, ja oft sogar falsch. Psychologische Untersuchungen z.B. zum “false memory syndrom” haben das eindrücklich belegt.

Speziell im Fall von Krankheit wird alles nochmal schwieriger: Eine ernsthafte Bedrohung unseres Lebens macht unseren Denkapparat nicht nüchterner, sondern im Gegenteil unvernünftiger. Die Beispiele, wie ansonsten vernünftige Menschen in solchen Situationen zu absurdesten Strohhalmen greifen, sind Legion. Dazu sind die Behandler oft empathisch verbandelt, auch diese sind dann nicht mehr sicher fähig, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Wie kommt man nun aus diesem Teufelskreis? Diese Problematik ist ja nicht erst seit gestern bekannt. Kluge Köpfe haben dazu die wissenschaftliche Methode erfunden. Im Bereich der Naturwissenschaften ist das das Experiment: Wir versuchen, eine Idee an der Realität zu messen, sie für andere nachvollziehbar zu machen. Der Physiker macht z.B. Experimente mit seinem Eisenwürfel.

In der Medizin hat man allerdings drei zusätzliche Probleme: Man hat es mit Menschen zu tun, mit denen man nicht einfach experimentieren kann und will (was die Nazis gemacht haben, will wirklich keiner zurück wünschen). Es existiert bei ernsthaften Erkrankungen oft Zeitdruck, man kann nicht unbegrenzt herumprobieren. Und als Drittes sind Menschen verschieden – was beim einen wirkt, muss beim anderen nicht ebenso wirken oder kann nicht akzeptable Nebenwirkungen haben.

Die beste Lösung, hier etwas handfeste Grundlagen für Entscheidungen zu bekommen, sind Studien, wo immer es geht Doppelblind-Studien. Doppelblind, um die Täuschungen auf beiden Seiten zu eliminieren. Solche Studien sind aufwändig, schwierig, und nicht selten auch furchtbar schlecht gemacht. Aber es gibt nichts Besseres. Das ist so ähnlich, wie Churchill sich zur Demokratie geäußert hat: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

Bild der Wissenschaftler

20. Juni 2010 57 Kommentare

In unzähligen Diskussionen im Netz tauchen immer wieder die gleichen Anschuldigungen und Vorwürfe gegen die Wissenschaft und deren reale Betreiber, die Wissenschaftler auf: Sie seien borniert, nicht offen und überheblich. Gibt man bei der Google-Bildsuche das Wort Wissenschaftler ein, landet man bei dem obigen Bild. Das ist kein Zufall. Das Bild des Wissenschaftlers ist immer noch geprägt von der Vorstellung eines leicht verrückten, eher alltagsuntauglichen Schrates, der aus unverständlichen Gründen irgendwelchen absurden Dingen hinterher forscht.

Speziell unsere Zielgruppe, die Esoteriker, kann man eigentlich am leichtesten mit einem Negativum definieren: Sie halten Wissenschaft für beschränkt, ihr  eigenes Wissen für überlegen. Dabei wiederholen sich die wenigen „Argumente“ in einer Art und Weise, dass man fast meint, einen meditativen Zen-Kurs in einem Kloster gebucht zu haben.

Was ist aber Wissenschaft?
Als erstes kann man mal festhalten: Wissenschaft ist ein Werkzeug, um die Realität zu beschreiben. Mit Werkzeugen kann man viel Gutes tun und viel Unfug anrichten. Mit einer Kettensäge z.B. kann man Holz zertrennen (eigentlicher Sinn), sich ins Bein sägen (wenn man zu doof ist, sie zu bedienen), oder auch Menschen zerstückeln (so man ein entsprechender Psychopath ist). Wie im richtigen Leben aber beschränken sich auch in der Wissenschaft solche Fälle auf Ausnahmen.
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Warum wir Wissenschaft brauchen: „Ich habs mit eigenen Augen gesehen“ Ist Nicht Genug

19. August 2009 18 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Harriet Hall (Übersetzung Thomas Xavier)
(Link zum Originalartikel bei SBM: Why We Need Science: “I saw it with my own eyes” Is Not Enough)

Ich habe kürzlich einen Artikel für eine Gemeindezeitung geschrieben, der versucht, wissenschaftlich nicht vorgebildeten Lesern zu erklären, warum Einzelfälle keine Beweise sind; unglücklicherweise wurde er nicht gedruckt. Ich überlegte, ihn in meinem Blog zu verwenden, aber ich dachte er wäre zu elementar für dieses Publikum. Ich habe meine Meinung geändert und bringe ihn im Folgenden (Entschuldigung an die Mehrheit unserer Leser), denn mir scheint, ein paar Leser haben immer noch nicht mitgekriegt, warum wir exakte Wissenschaft brauchen, um Behauptungen zu überprüfen. Leute, Menschen können sich täuschen. Alle Menschen. Das beinhaltet mich und dich. Richard Feynman hat gesagt:

„Der erste Grundsatz ist, Du darfst dir selber nichts vormachen – und Du bist derjenige, der sich am leichtesten was vormacht.“

Die Wissenschaft ist die einzige Methode, die Fehler zu korrigieren, die durch unsere Wahrnehmung und Zuordnung entstehen. Es ist der einzige Weg sicherzustellen, dass wir uns nichts vormachen. Entweder hat die Wissenschaftsmedizin ihre Aufgabe nicht gut gemacht, diese lebenswichtigen Fakten zu erklären, oder einige unserer Leser sind nicht willens oder unfähig unsere Erklärungen zu verstehen.

Unsere Kommentatoren schreiben häufig anekdotische Berichte, dass eine bestimmte alternative Methode „bei mir wirklich wirkt“. Sie verstehen nicht, dass sie keinen Grund haben zu behaupten: es „wirkt“. Alles was sie behaupten können ist, dass sie nach der Behandlung eine Besserung beobachtet haben. Das kann eine echte Wirkung anzeigen, aber auch eine ungenaue Beobachtung oder einen „post hoc ergo propter hoc“ Fehler, die falsche Annahme, dass eine zeitliche Korrelation einen Kausalzusammenhang bedingt. Solche Beobachtungen sind immer nur ein Ausgangspunkt: Wir müssen Wissenschaft betreiben, um herauszufinden, was die Beobachtungen bedeuten.

Letzte Woche hat ein Kommentator die bisher schlechteste Anekdote beschrieben:

„Ich habe aus erster Hand erfahren, wie das Leben durch den Körper strömt, wenn (bei der Chirotherapie) die Subluxation entfernt wird.“

Was soll das bedeuten? Erwartet er, dass irgendjemand das glaubt, nur weil er es sagt? Würde er mir glauben, wenn ich sagte, ich hätte den unsichtbaren Drachen in Carl Sagans Garage gesehen?

Ein anderer Kommentator schreibt

„Diese pro-EBM Kommentatoren hier scheinen zu glauben, dass sogar wenn sie was mit eigenen Augen sehen, sie es nicht glauben können, wenn es keine doppelt verblindeten, ordentlich publizierten Studien gibt die beweisen, dass das was sie gesehen haben wirklich passiert ist.“

Nun, ja, das ist ziemlich genau das, was wir denken und wir sind entsetzt, dass Du es noch nicht verstanden hast, denn es ist der Grund, warum wir Wissenschaft betreiben müssen. Ich würde es aber anders ausdrücken: „Etwas mit eigenen Augen sehen bedeutet nicht, dass es wahr ist und macht eine wissenschaftlichen Überprüfung nicht überflüssig.“

Wir können unseren Augen nicht trauen. Der Vorgang des Sehens selbst ist ein interpretierendes Konstrukt des Gehirns. Es gibt zwei blinde Flecken in unserem Sichtfeld und wir nehmen sie nicht einmal wahr. Ich habe einen Zauberer gesehen, der eine Frau in zwei Teile gesägt hat – das war eine Illusion, eine falsche Wahrnehmung. Ich habe einen Patienten gesehen, dem es nach der Behandlung besser ging – meine Interpretation, dass die Behandlung die Besserung verursacht hat, kann ein Fehler gewesen sein, eine falsche Zuordnung.

Für die, die es immer noch nicht kapiert haben, hier mein grob vereinfachender Artikel:

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Der Herr der Schädel

18. Juni 2009 8 Kommentare

Gestern begann am Landgericht Frankfurt der Strafprozeß gegen Dr. Reiner Protsch von Zieten. Ein Rückblick: Protsch von Zieten war über dreißig Jahre, seit 1973, Leiter des Instituts für Anthropologie der Universität Frankfurt, bis er 2004 wegen Unregelmäßigkeiten suspendiert wurde. In diesen 30 Jahren hatte es, zumindest seit Mitte der 80er Jahre, immer wieder Hinweise gegeben, dass es an dem Institut nicht so ganz mit rechten Dingen zuging. Mitarbeiter wunderten sich über die staubigen, da unbenutzten Apparaturen, andere über Merkwürdigkeiten bei seinen Veröffentlichungen oder die Art und Weise, wie bei ihm promoviert wurde. Insbesondere etwa 80 Zahnärzten verhalf er zur begehrten Urkunde. Auch wenn der eine oder andere etwas geahnt oder sogar gesagt haben mag vor der allgemeinen Aufdeckung, so war Protsch von Zietens Mittel der Wahl immer „Angriff ist die beste Verteidigung“ und er war es gewohnt, damit auch durchzukommen. Fast alle Dekane der Biologie der Zeit, als er tätig war, können ein Liedlein davon singen, wie schnell aus einem Dissens ein aggressiv geführter Disput mit ihm wurde. Nicht wenige gaben nach Auseinandersetzungen mit ihm resigniert auf. So konnten in dem Klima von Einschüchterung der Mitarbeiter, Aufbrausen bei geringster Kritik von Kollegen und dem Umstand, dass der deutsche Professor, wenn er erst mal sitzt, wo er sitzt, kaum weg zu kriegen ist, jahrzehntelang Wissenschaftsbetrug und andere dunkle Machenschaften gedeihen.

Protsch von Zieten hatte schon einmal vor dem heute begonnenen Verfahren Ärger mit der Justiz. Er hatte einen weiteren schmückenden Doktortitel haben wollen und an der Universität Wien war man willens, das, was er als seine eigene Arbeit vorlegte, anzuerkennen. Pech nur, dass er so sicher war, dass der Titel zuerkannt wurde, dass er ihn bereits führte, bevor er erteilt worden war. Einen Strafbefehl von 18.000 DM wollte er nicht hinnehmen, woraufhin der Richter noch einen kleinen Zuschlag auf 27.000 DM verhängte. Wahrscheinlich war Protsch von Zieten in gewohnter Manier aufgetreten und der Richter hatte ihm dann zeigen müssen, dass auch jemand wie er sich an Recht und Gesetz halten muss.

Protsch von Zieten, der von sich selber gerne behauptete, er sei von 11 Doktorvätern betreut worden, darunter 2 Nobelpreisträger, war hinsichtlich der Ausschmückung seiner Person nicht schüchtern. So bezeichnete er sich als „Zehnkämpfer“, prahlte mit körperlicher und angeblicher geistiger Fitness und war doch in seinem eigentlichen Fach so schwach, dass er in den Vorlesungen vielfach grobe Fehler machte. Fehler, die eigentlich keinem Biologen passieren dürften, ja nicht mal einem interessierten Abiturienten. Aber da er ja an der „UCLA“ studiert hatte, wie er immer wieder stolz betonte, schauten wahrscheinlich auch die Kollegen weg. Ob diese Unterlagen von damals jemals jemand wirklich geprüft hat, steht noch heute aus. Jemand, der über Jahrzehnte so dreist und immer wieder neu lügt, hat vielleicht auch schon früher gelogen. Jemand, der, nachdem er eigentlich schon überführt ist, die Markierung aus Schädeln gefräst zu haben und sie als sein Eigentum ausgegeben zu haben, eine – gefälschte – Kaufurkunde an die Staatsanwaltschaft (!) nachlegt, ist einer, der uneinsichtig ist.

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Über den Tellerrand geschaut: Afrikanische Alternativmedizin

14. April 2009 5 Kommentare

„Unwissenschaftlichkeit ist der Boden der Inhumanität“ Karl Jaspers

Die Annahme, dass der „Wilde“ an sich ein edler sei und der Mensch in Stammeskulturen von Haus aus friedlich, freundlich und naturverbunden, ist ein beliebtes und verbreitetes Klischee postkolonialer Reaktion. Ungeachtet dessen, dass die Sichtweisen von Menschen, die noch weitab der Bildungs- und Erkenntnismöglichkeiten der modernen Gesellschaft sind, oft kaum verstehbar sind, sind doch die Auswirkungen dieser Sichtweisen auf die jeweilige Gemeinschaft und das Individuum beobachtbar. Schon, dass es in einigen Gebieten der Erde auch heute noch Sklaverei gibt, ist eine grausige Realität.

Je dümmer, ungebildeter und abergläubischer ein Mensch, je enger sein Horizont, desto weniger kann er sich oft in den Mitmenschen einfühlen und desto enger ist sein Schema von Menschsein und der Gruppe, zu der er sich zugehörig fühlt. Xenophobie ist ein verbreitetes Phänomen in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Nicht umsonst heißt die eigene Gruppe in vielen Sprachen einfach „Mensch“ und die anderen Gruppen – sind dies halt nicht. Aber auch in der eigenen Gruppe haben Menschen mit ungewöhnlichen Eigenschaften, Menschen, die aus der Masse aufgrund körperlicher, seelischer oder geistiger Merkmale herausstechen, oft zu leiden. Dass die Hautfarbe alleine schon genügen kann, um einen Mitmenschen als anders- und fremdartig und – als Vorurteil – als Träger schlechter Eigenschaften oder böser Mächte anzunehmen, ist allgemein bekannt.

In jüngster Zeit sind immer wieder Berichte aufgetaucht, wonach in v. a. Zentralafrika von „Hexendoktoren“ Jagd auf Albinos gemacht wird, um sie als Ganzes oder Teile von ihnen (man schreckt sogar vor grausamsten Verstümmelungen an Verwandten oder Kindern nicht zurück) zu Zaubertränken und -pulvern zu verarbeiten.


BBC: Tanzania’s albinos in fear

„Tödliche Jagd auf Albinos“, SZ vom 10.08.2008

„Aberglaube an die Kräfte der „weißen Schwarzen“, FAZ vom 08.04.2009

„Mörderbanden machen Jagd auf Albinos“, Spiegel vom 25.10.2008

Asyl wegen ritueller Verfolgung:
„Afrikanischer Albino sucht Asyl in Spanien“, Bild 11.04.2009

Das Erschreckende an diesen Vorfällen, die leider keine ganz vereinzelten Vorkommnisse sind, ist nicht nur die tief verstörende Brutalität der unmittelbaren Täter, die von einem „was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ noch Lichtjahre entfernt sind; das Erschreckende ist auch, dass es eine Nachfrage, einen Markt für diese „Produkte“ gibt. Menschen also, die billigend in Kauf nehmen, dass für ihre persönlichen Bedürfnisse andere Menschen abgeschlachtet und „zubereitet“ werden. Wobei die geforderten Preise für diese Zaubermittel vermuten lassen, dass diese „Mittel“ eher nicht in den Unterschichten nachgefragt werden. Arme Leute können sich diese „Mittel“ schlicht nicht leisten, die Täter hingegen haben mit der Bezahlung für die Auftragsmorde bzw. beschafften Teile oft ausgesorgt. Warum die Täter, die „Hersteller“ dieser „Produkte“ aber nicht einfach die Überreste vom letzten Schweineschlachten (die Käufer werden wohl kaum das Mittel analysieren lassen können) nehmen, um ein Zaubermittel zu brauen, bleibt auch unergründlich. Ein besonders bizarrer Fall von Verbrecherehrlichkeit, die darauf schließen lässt, dass sie selber auch fest an die Wirksamkeit glauben.

The albino trade: Undercover with a witch-doctor, BBC

Man könnte nun entgegnen, ja, die Europäer, die verwenden ja auch Teile von lebenden (Blut, Lebendspenden eines paarigen Organs) oder toten Menschen (Organspende, frühere Gewinnung u .a. von Wachstumshormon). Doch da verläuft eine klare Linie: nämlich die zwischen magischen Vorstellungen und echter, begründeter Hilfe sowie zwischen verbrecherischer Zwangs“entnahme“ bzw. Mord und freiwilliger Spende. Das ist ethisch völlig anders zu bewerten.

Nur um vorzubeugen, es handle sich bei diesen Sichten um eurozentrische Herablassung: Auch in unseren Breiten wurden früher „Produkte“ aus Menschen gemacht, die Zauberwirkungen haben sollten. Das berühmte „Mumia-Pulver“, das aus Mumien gewonnen wurde (oder angeblich hergestellt wurde, es gab reichlich Verfälschungen), ist nur ein Beispiel.

„Die Heilkraft des Todes“, Spiegel vom 26.01.2009

Wir hier sind über DIESEN Aberglauben glücklicherweise allermeistens hinweg (es sind noch genug andere da, wenn auch nicht so brutale), was aber auch ein jahrhundertelanger Prozeß war. Mit wissenschaftlichen Ansätzen der Medizin und Achtung der Menschenrechte ist so etwas nicht mehr vereinbar. Das ist auch gut so. Es ist für die afrikanischen Albinos zu hoffen, dass diesem Aberglauben eine kürzere Restlebensdauer beschieden ist. Breitenbildung an Herz und Hirn ist der Weg dahin. Bis das umgesetzt ist, werden leider möglicherweise nur drakonische Strafen helfen und verdeckte Ermittler. Leider ist in den betroffenen Staaten auch Korruption und Bestechlichkeit weit verbreitet, so dass da noch ein weiter Weg zu gehen ist.

Eleganter Unsinn

22. Februar 2009 9 Kommentare


(für das Bild danke an www.wordle.net)

Nicht nur Scharlatane und Quacksalber bedienen sich mit Vorliebe einer Sprache, die beeindruckend klingt, aber inhaltlich völlig nichtssagend oder völliger Unsinn ist.

Legendär dazu ist Alan Sokals Artikel
„Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“

Sokal ist ein New Yorker Physiker, der sich darüber geärgert hat, wie immer mehr eigentlich recht klar definierte Begriffe aus den Naturwissenschaften von anderen zur beliebigen Metaphernbildung missbraucht wurden. Legendär ist der Artikel, weil es deswegen sogar eine Sondernummer der Zeitschrift „Social Text“ gegeben hat. Keiner der Redakteure hat bemerkt, was er für einen furchtbaren Unsinn geschrieben hat.

Ein Schlusssatz aus dem Artikel:
„Die Lehre von Wissenschaft und Mathematik ist von ihrem autoritären und elitären Charakter zu befreien; und der Inhalt dieser Fächer muss durch das Einbeziehen der Erkenntnisse der feministischen, schwulen, multikulturellen und ökologischen Kritik bereichert werden.“

Dieser Satz nur um zu zeigen, dass es auch einem Fachfremden, normal intelligenten Menschen möglich gewesen wäre, den Unsinn zu erkennen. Schwule oder feministische Mathematik? Wie bitte?

Umso peinlicher für die Zeitschrift, als Sokal den Hoax aufdeckte.

Obwohl das Beispiel aus dem englischen Sprachraum kommt, scheinen gerade im deutschen Sprachraum sehr viele anfällig für nichtssagendes Geschwurbel zu sein. Möglich, das dieser Eindruck einer falschen Wahrnehmung entspringt, aber es gibt Indizien, das dem nicht so ist: Gerade im englischsprachigen Raum war die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Texten nie ausgeprägt, ganz im Gegenteil galt es als Zeichen höchster Fähigkeit, Komplexes verständlich auszudrücken. Schon Darwins Texte sind wunderbar und klar zu lesen. Es gibt viele solcher Autoren, spontan fallen mir Oliver Sacks, Richard Dawkins, Carl Sagan, Steven J. Gould nur so als Beispiel ein.

Bei deutschsprachigen Autoren hat man des öfteren das Gefühl, dass sie ihr Werk als gescheitert sehen, sollte es ein Fachfremder je verstehen können. Die Kritik daran ist nicht neu, und für unsere zartbesaiteten Esos, die uns Polemik vorwerfen, mal ein kurzes Beispiel, was Schopenhauer über Hegel gesagt hat; die Bandagen waren schon damals hart:

„Hegel, von oben herunter zum großen Philosophen gestempelt, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, wodurch ein so völliger Chorus der Bewunderung entstand, wie man ihn nie zuvor vernommen hatte. Die einem solchen Menschen gewaltsam verschaffte, ausgebreitete geistige Wirksamkeit hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt.“

Schopenhauer war zwar ein alter Griesgram, aber so Unrecht hatte er nicht. Hegel hat furchtbar geschwurbelt. Das hat nicht aufgehört, man tue sich nur mal dieses Interview mit Peter Sloterdijk an.

Da wird er dümmlich gefragt, warum er Peter als Vorname habe. Eine normale Antwort wäre: „Weil mich meine Eltern so genannt haben“. Bei ihm wird daraus: „Das drückt zunächst die Vollmacht des Namensgebers aus.“ Einem Schüler würde so eine Sprache in einem Aufsatz um die Ohren gehauen. Sagt es ein Philosoph, gilt sie als angemessen. Es ist allerdings ein Meisterstück, aus der schlichten Frage, wer ihm seinen Namen gab, ein breites Spekulationsfeld über „Namensgeber“, Vollmachten“ und vorläufige („zunächst“) Ausdrücke zu eröffnen. Es schaudert einem förmlich, stellt man sich diese Sprachmethode auf ernsthafte Themen angewendet vor.

Die Furcht, den Satz vom Kaiser zu sagen, dass er doch nackt ist, scheint sehr ausgeprägt.

Die Eigenschaft vieler Menschen, Unverständliches so zu interpretieren, dass sie einfach nur unfähig sind, es zu verstehen, ist eigentlich eine positive Eigenschaft die zeigt, dass man eigene Grenzen erkannt hat. Das Fiese daran ist, dass damit nicht nur harmlose Kulturphilosophen wie Sloterdijk, sondern auch Scharlatane aller Art spielen. Es ist ihre eigentliche Kunst, dem Anderen einzureden, er wäre blöd und unwissend.

Beispiele finden sich bei Esowatch zuhauf. Aktuell sei auf Dieter Broers verwiesen,der so erstaunliche Sätze wie „Steuerung mittels quantentheoretischer Wahrscheinlichkeitsamplituden, die aus dem Hyperraum projiziert werden“ von sich geben kann ohne rot zu werden.

Leute, lasst euch nicht verarschen. Klar, es gibt sehr komplexe Dinge, die wirklich nur schwer oder erst mal auch gar nicht zu begreifen sind und intensive Beschäftigung damit notwendig machen. Nur wird dies ein seriöser Autor auch zugeben. Es ist immer ein erkennbarer Unterschied, ob jemand versucht, Banales durch Schwurbelsprache zu tarnen, oder ob sich jemand bemüht, Komplexes möglichst verständlich zu beschreiben.

Alles Gute zum Geburtstag, Herr Darwin!

5. Februar 2009 24 Kommentare

Charles Darwin wird am 12. Februar 200. Jahre alt. Im Sommer geht die Evolutionstheorie, deren „Vater“ er ist, in das 151. Jahr, Respekt. Vieles haben wir seitdem dazugelernt, aber die Fundamente der Grundidee wurden immer stärker und breiter.

Charles Darwin gilt für seine Forschungen und Veröffentlichungen zur Evolutionstheorie als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler. Die von ihm begründete Evolutionstheorie hat die Biologie grundlegend beeinflusst, da beinahe alle Teildisziplinen angefangen von der Molekularbiologie bis hin zur Ökologie von ihr betroffen sind.

Damit hat er nicht nur ein grundlegendes Verständnis zur Entstehung der Arten geschaffen sowie einen Grundstein der modernen Biowissenschaften gelegt, sondern auch in einer vorher noch nie dagewesenen Weise das Weltbild vieler Menschen erschüttert. Das brachte ihm von Seiten Glaubender Anfeindungen und Spott ein. Darwin hat den Menschen als Ziel einer göttlichen Weltordnung aus dem Zentrum geholt und mit anderen Lebewesen in eine Reihe gestellt. Er hat dem Menschen eine ehrliche und auf Fakten gestützte Geschichte gegeben, indem er seine Funde vorurteilsfrei interpretierte und sich nicht scheute, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Darwin hat eine Vergangenheit von uns allen entdeckt, die dem nicht gefällt, der sich lieber als Ebenbild Gottes sehen möchte.

Noch bis in die heutige Zeit wird immer wieder von christlichen Kreationisten und anderen Gläubigen versucht, die Evolutionstheorie in Abrede zu stellen. Beweise, die zur Widerlegung (Falsifizierung) führen könnten, bleiben sie indes schuldig. Schützenhilfe für die Evolutionsbiologie kommt auch aus der Geologie: Moderne Arten, die erst kürzlich entstanden sind, waren in alten Schichten bislang nicht zu finden. Funde in Gesteinsablagerungen lesen sich wie ein Geschichtsbuch des Lebens auf unserem Planeten, das viel dicker ist, als unsere Vorfahren wissen konnten. In aufeinander folgenden Schichten, deren Alter man gut bestimmen kann, kann man nacheinander die schrittweise Entstehung unserer heutigen Pferde aus hundegroßen Vorfahren ohne vernünftigen Zweifel und detailliert nachweisen. Ähnliches gilt auch für den Menschen. In der Fossilgeschichte des Menschen ist kein Platz und kein Bedarf für göttliche Schöpfungsmythen und auch die Arche Noah ist abgewrackt worden.

Trotz der unzähligen Daten auch aus anderen Wissenschaften, welche die Evolutionstheorie stützen, arrangierten sich die Kirchen mit der Evolutionstheorie nur widerwillig, stellt doch diese Theorie nicht nur ihr Menschenbild in Frage, sondern auch die Legitimation ihrer Macht.

Letztendlich man kann mit Recht sagen, dass die Anerkennung oder die Leugnung der Evolutionstheorie ein Gradmesser für aufgeklärtes und erwachsenes Denken darstellt.

Der Mensch ist genauso sicher aus Vorformen entstanden wie die Geschenke nicht vom Weihnachtsmann stammen.
Seit 150 Jahren kann der Mensch erwachsen sein – wenn er denn will.